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Echtzeit | Beitrag vom 26.05.2018

Autorin und Fußpflegerin in Marzahn"Zehennägel schneiden - und dabei geht es ums Leben"

Katja Oskamp im Gespräch mit Katja Bigalke

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Blick auf mehrere Plattenbauten in Berlin-Marzahn (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Bis heute von Plattenbauten geprägt: Die gängigen Vorurteile gegen den Bezirk Berlin-Marzahn teilt Katja Ostkamp nicht. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Nach einer Schreibkrise wollte die Autorin Katja Oskamp eigentlich aussteigen. Aber die neue Arbeit als Fußpflegerin hat ihr neuen literarischen Stoff beschert, denn die Kundschaft in Berlin-Marzahn hat viel zu erzählen.

Nach einer abgelehnten Novelle wollte die Schriftstellerin Katja Oskamp eigentlich erst einmal raus aus der Schriftstellerei. Es war eine echte Krise, die sie zur Veränderung drängte. Deshalb begann Oskamp im Kosmetiksalon einer Bekannten in Berlin-Marzahn, als Fußpflegerin zu arbeiten. Nach einer kurzen Ausbildung war dieser Ausstieg schnell gelungen und bot einen Neuanfang. Jeden Tag pendelt sie nun aus dem hippen Berlin-Friedrichshain in die Hochhaussiedlung Marzahn. Die gängigen Vorurteile gegen den Bezirk im Osten der Hauptstadt teilt sie nicht.

Mehr als nur Fußpflege ist die Arbeit des Podologen in seiner Praxis. Der Spezialist fuer Schuhwerk, Gehen und Laufen wird zu einem wichtigen Helfer des Hausarztes und Orthopaeden, der auch bei Erkrankungen des Fußes und auch des Koerpers, wie z. B. des diabetischen Fußes, eine wichtige Hilfe ist. | Verwendung weltweit (dpa)Ähnlich wie beim Friseur bleibt auch bei der Fußpflege viel Zeit für Geschichten aus dem Leben (dpa)

Mittlerweile entdeckt Oskamp beim Fußbad und dem Schneiden von Zehennägeln, dass die Geschichten ihrer Kunden viel literarischen Stoff bieten. "Es ist ein sehr direkter Ton, der da herrscht, man hörte auch diesen wunderbaren Berliner Slang, diese Berliner Schnauze noch, die man in den Innenbezirken immer seltener antrifft", schwärmt Oskamp im Deutschlandfunk Kultur von ihrer Arbeit in Marzahn. Das Kosmetikstudio befindet sich am Fuß einer 18 geschossigen Hochhauses und die Kundschaft seien viele alte Menschen aus der Umgebung, die auf Krücken und mit Rollatoren vorbei kämen. "Da fühle ich mich eigentlich sehr wohl und zu Hause", sagt die Schriftstellerin.  

Liebe zur Berliner Schnauze

Seit sie eine gewisse Routine habe, könne sie sich auf die Gespräche einlassen. "Das ist eigentlich das Pfund, das ich nicht wissen konnte", sagt Oskamp. "Vielleicht hatte ich so eine Art Restinstinkt, dass sich da etwas holen lässt für die Schreiberei, aber das sind die Geschenke, die ich da bekomme." Es sei einfach toll, was ihre Kunden aus ihrem Leben erzählten. Inzwischen sei sie aus ihrer Schreibkrise längst wieder heraus und so weit stabilisiert, dass sie versuche, Geschichten aufzuschreiben und festzuhalten. Es gefalle ihr, diesen trockenen Berliner Humor einzufangen und die Schicksale ihrer Kunden. "Da spielen sich Tragödien und Komödien ab in unserem Laden, fast wie im echten Leben."   

Erzählen im Blog 

Bei Zeit-Online hat die Schriftstellerin einen Blog "Freitext", in dem sie einzelne dieser Geschichten erzählt. "Das bietet sich an, dass man wirklich immer eine Figur, die man auch gut kennt inzwischen und die auch zitierbar ist, einfach mal beleuchtet." Der Rahmen sei immer diese eine Stunde bei der Fußpflege. "Zehennägel schneiden - und dabei geht es ums Leben." 

(gem) 

     

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