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Im Gespräch | Beitrag vom 16.08.2021

Autorin und Ex-Verlegerin Hanna MittelstädtWiderständig und nie angepasst

Moderation: Ulrike Timm

Hanna Mittelstädt posiert für ein Porträt. (Anne Vaupel)
Das Verlegerinnentum ging bis an die Grenze der Existenzbedrohung, erzählt Hanna Mittelstädt. (Anne Vaupel)

Die Edition Nautilus ist einer der führenden linken Verlage in Deutschland. Hanna Mittelstädt hat ihn 1974 mitbegründet und ihn lange Zeit geleitet. Ihr Motto: „Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text.“

Die schillernde Meeresschnecke Nautilus: Seit nunmehr 47 Jahren ist sie Markenzeichen des gleichnamigen linken Verlages mit Sitz in Hamburg. So beeindruckend wie das Farbenspiel des Schneckengehäuses, ist auch die Lebensgeschichte der Verlegerin Hanna Mittelstädt.

Anarchie als Lebenseinstellung

Sie ist Anfang 20, als sie den Verlag gründet, gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Lutz Schulenburg und dem Franzosen Pierre Gallissaires. Ihre gemeinsame Lebenseinstellung: Anarchie. "Anarchie heißt: gegen Herrschaft. Das ist eine zutiefst unabhängige soziale Bewegungsvorstellung einer Nicht-Herrschaft, einer Basisdemokratie im wirklichen Sinne des Wortes.", erklärt sie.

"Alle Menschen dürfen alles bereden, und man hört nach einander zu. Man bildet immer fluide Strukturen, Entscheidungsgremien, Vollversammlung, Delegationen. Also ein Anti-Konzept gegen das, was es auf der Welt gibt."

Die bewegten 70er Jahre: Studentenbewegung und RAF

Die 70er-Jahre spiegeln sich in ihrem Verlagsprogramm wider: Studentenrevolte, die RAF, Frauen- und später auch die Anti-Atomkraftbewegung.

"Wir drei haben gesagt: Was können wir in dieser Situation tun? Wir können Texte in die Debatte bringen. Pierre Gallisaires war 20 Jahre älter als wir und kannte einen großen Kosmos von libertär anarchistisch, aber auch Dada, Surrealismus", erzählt Hanna Mittelstädt.

"Ganz viel, was wir begeistert aufgesogen haben, wir zwei jungen Menschen. Und dann haben wir gesagt: Okay, ich konnte zehn Finger blind tippen, dann machen wir Übersetzung und wir veröffentlichen und wollen das diskutieren."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Obwohl dezidiert links und anarchistisch, grenzt sich das "Nautilus"-Kollektiv vom Terror der RAF ab. "Natürlich haben wir zum Teil sehr enge Beziehungen zu Menschen gehabt, die in den Untergrund gegangen sind in den 70er-Jahren, also in die RAF oder in parallele Untergrundorganisationen", erinnert sich Hanna Mittelstädt.

"Und das war wahnsinnig schmerzhaft, darüber zu diskutieren, Leute im Gefängnis zu wissen, Leute zu wissen, die im Hungerstreik gestorben sind. Aber wir wussten immer: Wir sind das nicht. Wir sind dafür da, das Positive zu veröffentlichen oder in die Debatte zu bringen."

Das linke Verlegertum geht bis an die Grenze der Existenzbedrohung. Lutz Schulenburg ist begeistert von Franz Jung, einem Anarchisten, Expressionisten und Dada-Künstler. Er will die Werkausgabe verlegen. Daraus werden 6000 in minutiöser Recherche gesammelte Seiten. Das Konvolut nimmt den Verlag von 1980 bis 1996 in Anspruch – und führt ihn fast an den finanziellen Abgrund.

"Es war einfach ökonomisch lange Zeit ein Fiasko", erzählt die Ex-Verlegerin. "Das immer wieder zu versuchen und immer wieder sich heraus zu lehnen und nie zu wissen: Wie sollen wir morgen die Rechnung der Druckerei oder auch die unserer eigenen Lebensmittel bezahlt werden?""

Neustart nach dem Abschied vom Verlag

2013 stirbt Lutz Schulenburg – und damit nicht nur der langjährige Lebenspartner von Hanna Mittelstädt, sondern auch der Motor des Verlages. Sie entscheidet sich, den Verlag abzugeben. 2016 wird eine Genossenschaft gegründet, 2018 steigt Hanna Mittelstädt gänzlich aus und verschenkt den Verlag an ihre Nachfolger.

Mit Mitte 60 startet sie noch einmal neu: "Ich bin quasi explodiert vor Energie. Und ich habe ja sehr viele Lesungen und bis hin zu einer Theaterrevue über Franz Jungs Leben gemacht. Und ich war wahnsinnig unterwegs und habe jetzt auch mein erstes Buch veröffentlicht." Das Buch "Blu", einen autobiografisch angehauchten Liebesroman [Audio].

Sie genieße es, frei zu sein von den verlegerischen Pflichten, so Hanna Mittelstädt. "Ich empfinde Älterwerden als Geschenk. Und ich kann mit meiner Kompetenz und mit meinem Wissen und mit meinem Vergnügen und mit meiner Lust noch so viel machen, weil ich gesund bin ich. Es ist sehr schön."

(sus)

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