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Im Gespräch | Beitrag vom 03.12.2020

Autorin Ulrike Draesner"Als Schriftstellerin ist es günstig, wenn man gern sitzt"

Moderation: Ulrike Timm

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Ulrike Draesner steht in einem Park in Berlin mit Kapuze über dem Kopf und schaut zur Seite. (imago images / gezett)
Ulrike Draesner lebt in Berlin. (imago images / gezett)

Der Rhythmus und der Klang der Sprache: Aus ihnen schöpft Ulrike Draesner die Inspiration für ihre Gedichte, Romane und Essays. Eine "Wortarbeiterin" aus Leidenschaft, die zehn Sprachen spricht – und von sich selbst sagt: "Ich bin ein Sitzmensch."

Schuld an allem ist Hölderlin: In der Schule soll Ulrike Draesner ein Referat über den Dichter halten. Ausgerechnet sie, die mit dem "Reimzeug" nichts anfangen kann. "Ich hatte den Namen nie vorher gehört. Und dann liest man – und ich war wie vom Donner gerührt. Ich habe wenig verstanden, aber genau das hat mich angezogen. Was mich gepackt hat, auch körperlich, war die Rhythmik, der Atem dieser Texte. Das reimt nicht, aber trotzdem ist das eine andere Art von Sprache. Da gab es bei mir unmittelbar eine körperliche Resonanz darauf; und das ist auch so geblieben." Gedichte seien "extreme Rhythmusmaschinen und extrem subtile Emotionsapparate", so die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin.

"Ich war ein seltsames Kind"

Ulrike Draesner, geboren 1962, wächst in München auf, in einer "halben Flüchtlingsfamilie": Der Vater stammt aus Schlesien, die Familie der Mutter urbayerisch. Sie liebt den Klang beider Sprachen, den schlesischen Singsang, das Knorrige der Bayern. Als Kind sei sie eher ein "Freak" gewesen, erzählt sie: "Ich war ein seltsames Kind, in der Volksschule, da habe ich einfach nicht gesprochen." Und doch geht sie gern in die Schule, hier kann sie dem strengen Elternhaus entfliehen. Hier hat sie auch ihr erstes Erfolgserlebnis: Sie gewinnt einen Aufsatzwettbewerb.

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Die Liebe zur Literatur bleibt; Ulrike Draesner studiert Rechtswissenschaften, Anglistik, Germanistik und Philosophie an den Universitäten in München, Salamanca und Oxford. Sie promoviert – und gibt diese akademische Karriere mit 30 Jahren auf. Sie ist gern Wissenschaftlerin, aber die Liebe zur Literatur ist stärker: "Ich hatte ein furchtbares Jahr, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte."

"Sprachen sind wie Netze"

Sie weiß nur: Sie muss raus aus der Universität und schreiben: "Es war der Mut der Verzweiflung". Daraus entsteht ihr erster Gedichtband. Die Faszination für Sprachwelten treibt sie bis heute an: Sie spricht zehn Sprachen. "Sprachen sind wie Netze, die über die Welt geworfen werden, in denen sie uns erscheint." Ihren neuen Roman über den Dadaisten Kurt Schwitters im englischen Exil hat sie vor Ort geschrieben – auf Englisch. Die deutsche Fassung erscheint im August im Penguin Verlag.

Auch bei diesem zweisprachigen Projekt war es gut, dass Ulrike Draesner ein "Sitzmensch" ist. "Mir war immer ein Rätsel, wie Menschen beim Spazierengehen denken können. Ich bin irgendwie ein Sitzmensch; als Schriftstellerin ist es einfach eine günstige Voraussetzung, wenn man sitzen bleiben kann."

Glück und Leid des Schreibens

Bis heute hat sie die Entscheidung für die Literatur nicht bereut: "Ich bin so glücklich, dass ich diesen Beruf habe. Das ist ein Privileg, das alles tun zu können und wirklich an der Grenze zwischen Sprache und all den anderen Wirklichkeiten, die wir haben, zu arbeiten." Aber gerade, weil sie mitunter zehn Jahre oder länger an einem Buch feilt, fragt sie sich auch mitunter: "Warum tust du dir das an? Du schläfst keine Nacht mehr, du träumst fremde Dinge, dein Familienleben leidet, dein Sozialleben ist sowieso schon tot. Das ist eben beides."

(sus)

Die Sendung ist eine Wiederholung vom 30. April 2020.

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