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Im Gespräch | Beitrag vom 26.06.2020

Autorin Kübra Gümüşay"Jedes Wort hat Wirkung"

Moderation: Susanne Führer

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Aktivistin Kübra Gümüsay im Mai 2017 in Köln. Eine Frau mit einem roten Kopftuch sitzt auf einem Podium. (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)
Kübra Gümüsay: „Die türkische Sprache ist keine Sprache, die man spricht, sondern eine Sprache, die man verlernt.“ (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)

Sie ist "die Muslima mit Kopftuch", "die Deutsch-Türkin": Die Publizistin Kübra Gümüşay ist es gewohnt, in Schubladen gesteckt zu werden und sie ist es leid. Deshalb setzt sie sich für eine plurale Gesellschaft ohne Kategorisierung ein.

Was heißt es, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft "die Andere" zu sein, obwohl man hier geboren ist? Was bedeutet es für den Lebensweg, für die Selbstwahrnehmung, für das Zusammenleben?

"Türkisch wird hier nicht gesprochen!"

Die Publizistin Kübra Gümüşay beschäftigt sich mit diesen Fragen, und sie tut es auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrung. Sie ist 1988 in Hamburg geboren, Kind von Einwanderern aus der Türkei – und inzwischen eine der bekanntesten türkisch-stämmigen Autorinnen und Bloggerinnen. In ihrem Buch "Sprache und Sein" analysiert sie die gesellschaftliche Bedeutung der Sprache und die damit verbundenen Folgen.

Sie selbst wächst zweisprachig auf – mit Türkisch und Deutsch – und erfährt: "Die türkische Sprache ist keine Sprache, die man spricht, sondern eine Sprache, die man verlernt." Auf dem Schulhof, in der Arztpraxis heißt es: "Türkisch wird hier nicht gesprochen!" Diese Abwertung zeige sich bis heute: Es gebe "privilegierte Sprachen", wie das Englische, das Französische, das Spanische.

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Es sei kein Problem, wenn ein Kind in Deutschland damit bilingual aufwachse. "Aber die gleiche Anerkennung bekommt ein Kind nicht, wenn es fließend Arabisch sprechend, lesend oder schreibend in die Grundschule kommt. Dann wird die Sprachkompetenz des Kindes in einer anderen Sprache als Defizit wahrgenommen."

Aufstieg trotz der gesellschaftlichen Umstände

Die Folgen erfährt Kübra Gümüşay auch in ihrer Schule im Hamburger Stadtteil Billstedt, einem Arbeiterbezirk. Sie ist Schulsprecherin in einer "Brennpunktschule". "Ich bekam immer mehr ein Bewusstsein dafür, dass wir nicht alle die gleichen Lebenswelten haben, dass wir nicht alle die gleichen Chancen haben."

Sie erfährt, wie viele ihrer Mitschüler*innen "aussortiert" werden, aufgeben. "Ich und viele meiner Freundinnen werden häufig als Erfolgsgeschichten herumgereicht. Dabei sind wir Erfolge trotz einer Struktur", die das eigentlich verhindere. Sie versuche bis heute, die Welt mit den Augen derer zu sehen, die es damals nicht geschafft haben.

Plädoyer für mehr Fehlertoleranz

Sprache errichte Mauern, die die Menschen trennen. Und, so ihre Erfahrung: "Jedes Wort hat Wirkung." Kübra Gümüşay will die Mauern einreißen, Brücken bauen, einen gesellschaftlichen Dialog anstoßen. Debatten würden oft auf sehr aufgeheizte Art geführt, beispielsweise die aktuelle Rassismusdiskussion. Es gebe wenig Fehlertoleranz. "Dabei müssen wir uns als lernende Gesellschaft auffassen, die Fehler machen muss, um aus ihnen zu lernen." 

Die Bloggerin beklagt auch die Verrohung in den digitalen Medien, der sie selbst stark ausgesetzt ist. "Was belohnen wir? Wir belohnen das, was voller Häme und schwarz-weiß-Ideologie und einer absoluten Herangehensweise ist. Wir belohnen Polemik, wir belohnen Provokation." Umso wichtiger sei ein lebendiger gesellschaftlicher Diskurs mit mehr Offenheit.

(sus)

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