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Im Gespräch | Beitrag vom 30.07.2019

Autorin Emilia SmechowskiFremdeln mit der alten Heimat

Von Ulrike Timm

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Die Autorin Emila Smechowski (Anna Szkoda)
"Zurück zu den Wurzeln? Das war überhaupt nicht so", sagt die Autorin Emilia Smechowski. (Anna Szkoda)

Emilia Smechowski zog als Kind mit ihren Eltern aus Polen nach Berlin und verwandelte sich im Handumdrehen in eine Deutsche. Jetzt hat sie auf der Suche nach ihren polnischen Wurzeln ein Jahr in Danzig verbracht und dort einiges gelernt.

Im Alter von fünf Jahren verließ Emilia Smechowski Danzig in Richtung West-Berlin. Abgesehen von kürzeren Urlaubs- und Recherchereisen hat sie seitdem nie wieder dort gelebt. Nun war sie mit ihrer kleinen Tochter 14 Monate lang in Polen und hat über ihre Erfahrungen dort ein Buch geschrieben: "Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland".

"Ich war ein bisschen wie eine Ethnologin unterwegs in meinem Geburtsland", sagt Smechowski über diese Zeit und ergänzt, dass sie ein wenig mit dem Wort "Heimat" fremdelt. Der Geruch nach verbrannter Braunkohle hätte sie aber wieder in ihre Kindheit "zurückkatapultiert", auch der Geschmack der polnischen Küche oder Erinnerungen an den Fischimbiss am Meer. "Meine Erwartung war eigentlich, dass sich so ein bisschen ein Kreis schließt oder dass diese Sehnsucht, die ich irgendwie auch jahrelang nach diesem Land hatte, sich so ein bisschen erfüllt, und dass es ein Happy End gibt, zurück zu den Wurzeln und so weiter. Und das war überhaupt nicht so." Ihre Tochter ist dagegen vollkommen unbedarft an alles herangegangen, hat ihre Umgebung angenommen, schnell Polnisch gelernt und sich wesentlich schneller an alles gewöhnt als die Mutter.

Smechowski selber fühlte sich anfangs sehr fremd: "Weil es einfach nicht mehr mein Land ist, weil ich 1988 ausgewandert bin und 2018, 30 Jahre später, zurückkam in ein komplett anderes Land, in ein anderes politisches System."

Nicht über Politik sprechen

In ihrem Buch beschreibt sie die polnische Gesellschaft als gespalten – in zwei sehr unterschiedliche politische Lager. Aber: "Es wird nicht über Politik gesprochen. Das hat mich überrascht." Streit würde vor allem in den Medien und im Internet geführt,  "aber auf der Straße, am Esstisch in der Familie wird das Thema Politik weitgehend gemieden." Wenn sie es einmal geschafft hatte, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, erwiesen diese sich aber meist als sehr offen und stellten auch viele Fragen zu Deutschland. Eins dieser Gespräche fand mit dem legendären ehemaligen Führer von Solidarnosc Lech Walesa statt, der allerdings beim Schrauben unterbrochen wurde und sich als weniger offen erwies – bereits nach 13 Minuten hatte er keine Lust mehr, interviewt zu werden.

Mit zur Spaltung des Landes trage auch das polnische Staatsfernsehen bei, das Smechowski im Selbstversuch eine Woche lang als einzige Nachrichtenquelle konsumiert hat. "Ich war schon am ersten Abend etwas entsetzt. Ich wusste ja, dass die Medien umgebaut werden, dass viele JournalistInnen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entlassen, und durch neue, regierungstreuere ersetzt wurden, und trotzdem war mir nicht klar, wie sich dieses Staatsfernsehen gewandelt hat. Das ist kein Journalismus mehr."

Zurück in Deutschland vermisst Smechowski das Meer und die Art zu leben: "Danzig war so die perfekte Stadt, weil sie so mittelgroß-mittelklein ist, und weil es auch eine Weite hat, die es zumindest in Berlin so nicht gibt."

Die Strebermigranten

Der Grund, Danzig überhaupt zu verlassen, lag für Smechowskis Eltern in den 80er-Jahren am Gefühl der Enge. Der Vater empfand das Leben in einem Land, aus dem man nicht ausreisen durfte, "wie im Gefängnis". Als Aussiedler wurde die Familie bevorzugt behandelt. Der rasch ausgestellte deutsche Pass und gute Sprachkurse, "viel staatliche Vorleistung", sorgten dafür, dass man schnell in die Gesellschaft aufgenommen wurde. Smechowski spricht im Fall ihrer Eltern nicht von Integration, sondern von Assimilierung: "Meine Eltern haben beschlossen, dass sie ihr altes Land zurücklassen. Das ganze Leben und die Sprache und die Kultur." Alles Neue wurde aufgesogen, das Alte zu verbergen versucht. Das sei bei vielen Polen damals so gewesen. Der Verlust der polnischen Sprache war für Smechowski als Kind zunächst schmerzhaft, doch auch sie passte sich sehr schnell an. In ihrem Buch "Wir Strebermigranten" beschreibt sie die Erfahrungen dieser Zeit – das Leben als plötzliche Deutsche und den Ausbruch aus familiären Zwängen, u.a. mit der Aufnahme eines Gesangsstudiums.

Auch wenn sie jetzt nicht mehr singt, sondern ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdient, ist ihr doch "eine große Liebe zur Musik" geblieben. Mit ihrer Tochter redet sie auch in Berlin weiter Polnisch, damit diese nicht wie damals Smechowski selbst die Sprache wieder verliert.

(mah)

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