Donnerstag, 27.02.2020
 

Lesart | Beitrag vom 27.01.2020

Autor über Künstlercafes der Zwanzigerjahre"Wie wenn man von einem Dampfkochtopf den Deckel nimmt"

Jürgen Schebera im Gespräch mit Andrea Gerk

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Die Zeichnung des Romanischen Cafés zeigt Männer beim Zeitung Lesen an den Tischen verteilt. (Getty Images / ullstein bild)
Deckel weg - kreativer Dampf raus! Das Romanische Café in Berlin war in den 1920er-Jahren einer der wichtigsten Künstlertreffpunkte. (Getty Images / ullstein bild)

Die Zwanzigerjahre mit ihren Künstlercafés gelten als die goldene Ära der Bohème, die sich vom wilhelminischen Muff befreite, sagt Autor Jürgen Schebera. Das viel beschworene Revival dieser Zeit sei aber eher ein Medien-Hype.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt sich Berlin zur Kunstmetropole von europäischem Rang. Literaten, Dramatiker, bildende Künstler und Musiker ziehen in die Stadt und küren, wie einst die Pariser Bohème, Künstlerlokale zu ihrem geselligen und geistigen Treffpunkt. Vom Dramatiker Carl Zuckmayer, einem Zugezogenen aus Süddeutschland, ist der Satz überliefert: "Berlin ist kalt und schmutzig. Aber es schmeckt nach Zukunft."

Und diese Zukunft, vor allem aber die aufregende Gegenwart der 1920er-Jahre wurde im "Romanischen Café", bei "Schwannecke" und "Mutter Maenz" oder in der "Insel" von Else Lasker-Schüler, Bertolt Brecht, Joseph Roth, Stefan Zweig, Erich Kästner und vielen anderen diskutiert und kreativ verarbeitet. 

Adé, wilhelminische Beschränktheit

"Es war wie wenn man von einem Schnellkochtopf den Deckel nimmt", beschreibt der Literaturwissenschaftler und Autor Jürgen Schebera die Stimmung der Zeit. "Und dann kommt so ein 'Pfffft' – mit einem ungeheuren geistigen Aufschwung verbunden. 40 Jahre Muffigkeit und Zensur waren nun weg. Und für diese neue geistige Entwicklung und geistige Freiheit stand von Anfang an Berlin." Denn in der Hauptstadt kamen die großen politischen Ereignisse und Entwicklungen jener Zeit ins Rollen.

Schebera hat mit großer Erzählfreude und gewürzt mit zahlreichen Anekdoten schon vor Jahren ein Buch über die Künstlerlokale der "Goldenen" Zwanzigerjahre geschrieben und veröffentlicht. Jetzt ist eine überarbeitete und um neue Kapitel ergänzte Neuauflage erschienen: "Vom Josty ins Romanische Café - Streifzüge durch Berliner Künstlerlokale der Goldenen Zwanziger". Darin beschreibt er, wer sich in welchem Lokal traf und auch, wer knapp bei Kasse war und die Kollegen gerne mal um einen Kaffee oder ein Mittagessen anschnorrte.  

Eine Entdeckung: das Künstlerlokal "Die Insel"

Durch Zufall habe er von dem Künstlerlokal "Die Insel" erfahren, das ein ehemaliger Preisboxer in der Innsbrucker Straße in Berlin-Schöneberg eröffnet hatte, berichtet der Literaturwissenschaftler begeistert. Diesem Künstlertreff, wo unter anderem Max Pechstein oder Joachim Ringelnatz regelmäßig aus- und eingingen, habe er in seinem Buch unbedingt noch Platz einräumen wollen.

Und was hält Schebera von den derzeit von allen Seiten beschworenen Parallelen der "neuen Zwanziger" zu den wilden Zwanzigern der Weimarer Republik? Schebera kann das nicht besonders ernst nehmen: Der aktuelle Hype, ausgelöst unter anderem durch die TV-Serie "Babylon Berlin", sei von den Medien wohlkalkuliert angeheizt worden.

(mkn)

Jürgen Schebera: "Vom Josty ins Romanische Café – Streifzüge durch Berliner Künstlerlokale der Goldenen Zwanziger"
Suhrkamp, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe, 2020, 186 Seiten, 13,95 Euro

Über den Autor:
Jürgen Schebera, geboren 1940, ist Literatur- und Musikhistoriker. Bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Schebera veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Kunst- und Kulturgeschichte der Weimarer Republik und zur Exilliteratur sowie zu den Komponisten Hanns Eisler und Kurt Weill.

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