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Im Gespräch | Beitrag vom 24.05.2019

Autor Tom Kummer"Ich hab mich nie richtig als Journalist gefühlt"

Tom Kummer im Gespräch mit Ulrike Timm

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Tom Kummer mit Brille und Ziegenbärtchen blickt in die Kamera. (Aufbau Verlag / Christian Werner)
Tom Kummer, der "Bad Boy" des deutschen Journalismus, schreibt inzwischen fiktionale Texte. (Aufbau Verlag / Christian Werner)

Seine Interviews mit den Hollywood-Stars wollten alle drucken. Doch 2000 kam heraus, dass viele davon frei erfunden waren. Gut 20 Jahre nach dem Skandal schreibt Tom Kummer wieder – und nimmt nun am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teil.

Er hatte sie alle im Interview, ob Brad Pitt, Kim Basinger oder Sharon Stone. Bei Tom Kummer erzählten sie nicht die üblichen Belanglosigkeiten, sondern ließen hinter die Promi-Fassaden blicken. Sharon Stone sprach über lesbische Fantasien, Brad Pitt über die innere Leere und Bergsteigen als Therapie. Boxer Mike Tyson mutierte bei Tom Kummer sogar zum Intellektuellen: Kämpfen bedeute ihm so viel wie "Einstein das Denken oder für Hemingway die Wörter".

Die Auftraggeber standen Schlange – vom "Spiegel" bis zum Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Doch die Interviews, die der Schweizer in den 90er-Jahren verkaufte, waren eigentlich nur "Selbstgespräche" – und frei erfunden. 

Süchtig nach dem eigenen Stoff

Vier Jahre funktionierte das, niemand bemerkte den Schwindel, oder wollte ihn wahrhaben. Im Jahr 2000 flog der Betrug dann doch auf. Über den mit Kummer verbundenen Medienskandal hat Miklós Gimes 2010 den Dokumentarfilm "Bad Boy Kummer" gedreht. Heute sieht Tom Kummer sein Handeln von damals durchaus kritisch:

"Wenn die Leute Wahrheit erwarten, sollte im Journalismus auch die Wahrheit erzählt werden. Ich glaube, die Umstände waren damals für mich provokativ, weil ich das Gefühl hatte: Man kann noch sehr viel mehr Ironie reinbringen, gerade wenn es um Hollywood geht. Hollywood ist ein Kuhhandel, der mit den Medien betrieben wird, wo ein Film verkauft wird, wo die Schauspieler selber schon per se fiktiv sind."

Dass in jener Zeit nie jemand auf die Idee kam, zu fragen, warum ihm all die Stars so ungewöhnlich lange und intime Interviews gaben, sei das eigentlich Erstaunliche. Die Chefredakteure wollten "Kummer-Interviews" und Kummer, der sich "nie richtig als Journalist gefühlt" hat, lieferte. Trotzdem, so Kummer, hätte er es auch selber aufdecken müssen.

"Ich werfe mir das auch vor, auch heute, dass ich das nicht offenbart habe. Ich bin sicher auch ein bisschen süchtig geworden nach meinem eigenen Stoff. Es war einfach auch literarisch sehr amüsant – und war auch als Rebellion gegen das Hollywood-System eigentlich ideal, weil ich glaube, was uns damals vorgesetzt wurde, war auch unterirdisch."

2005 bekam Kummer noch einmal eine Chance bei der "Berliner Zeitung". Doch er fiel in alte Muster zurück und flog raus. Danach verdiente er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie in den USA vor allem als Tennislehrer, wobei er auch versucht habe "diese Geschichte meditativ ein wenig zu vergessen."

Für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert

Dass er bei allem "Vergessen" das Schreiben nicht verlernt hat, zeigte sich an seinem 2017 erschienenen autobiografischen Roman "Nina & Tom", in dem es um seine verstorbene Frau und um das Leben mit der Krankheit und einem todkranken Menschen geht. Gerade wurde der 58-Jährige zum Klagenfurter Wettbewerb um den Bachmann-Preis eingeladen. In dem Text, einer Art "Sequel" von "Nina & Tom", geht es um die Zeit nach dem Tod: "Es ist eine Geschichte über die verstorbene Frau, wie die Toten auf uns wirken, was für einen Einfluss sie auf die Lebenden haben."

Nach seiner Rückkehr aus Los Angeles in die Schweiz im Jahr 2016 arbeitete Kummer als Nachtfahrer einer Limousine von Botschaftsangehörigen. "Das Buch basiert auf dieser Zeit, wo ich die Schweiz quasi nur in der Nacht ertragen konnte."

Sein Schreibstil zeichnet sich besonders in seinen neuen Texten durch kurze, prägnante Sätze aus: "Ich glaube dieses Reduzieren ist wirklich einer der wichtigsten Prozesse, die man als Autor durchläuft: Dass man wirklich lernt, sich zu trennen – auch von Lieblingssätzen – und sie runterschleift, bis sie ganz spartanisch, direkt wirken." Die Rhythmik des Schreibens könne auch von der Musik kommen: "Ich habe noch nie einen Text geschrieben, ohne dabei Musik zu hören."

(mah/chg)

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