Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 15.12.2018
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Fazit | Beitrag vom 06.10.2018

Autor*innen zur #unteilbar-Demo"Noch nicht zu spät, aber schon sehr, sehr knapp"

Sharon Dodua Otoo im Gespräch mit Vladimir Balzer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Poträtaufnahme der Autorin und Bachman-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo vor einem hellen hölzernen Hintergrund. (dpa)
"Wir sollten alle in der Lage sein, andere Menschen anzuschauen und ihnen ihre Würde nicht abzusprechen", sagt die Autorin Sharon Dodua Otoo. (dpa)

Am 13. Oktober findet in Berlin eine Großdemonstration gegen Rassismus statt. Vorab klären mehrere Schriftsteller*innen die Rolle, die sie dabei spielen können. Sharon Dodua Otoo spricht über die gesellschaftliche Verantwortung von Künstler*innen.

"Unteilbar" heißt das Motto der am 13. Oktober in Berlin stattfindenden Großdemonstration gegen Rassismus: Solidarität statt Ausgrenzung – für eine offene und freie Gesellschaft. In der Berliner Volksbühne versuchen nun mehrere Schriftsteller*innen vorab, die Rolle, die sie dabei spielen können, zu klären. "Be Connected! Die poetische Volte" heißt die Veranstaltung im Roten Salon.

Sharon Dodua Otoo ist eine der Autor*innnen. Sie ist Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2016 und lebt seit zwölf Jahren in Berlin. Otoo erhofft sich von der Demonstration ein starkes Zeichen für Demokratie und gegen Rassismus und Sexismus sowie ein gemeinsames Erleben trotz aller Unterschiedlichkeit.

Verbindender Kern: Menschlichkeit

Als verbindenden Kern der zur Demonstrationen erwarteten Teilnehmer*innen definiert die Schriftstellerin "Menschlichkeit. Wir sollten alle in der Lage sein, andere Menschen anzuschauen und ihnen ihre Würde nicht abzusprechen. Ich habe Angst, dass das sehr schnell passiert, wenn wir darüber nachzudenken anfangen, ob wir Leute im Mittelmeer ertrinken lassen sollen. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, dass wir jetzt an diesem Punkt gelandet sind."

Es habe immer wieder Hinweise und Warnungen aus marginalisierten Communities gegeben, dass es ein Rassismusproblem gebe, genauso wie es von queeren Menschen Hinweise auf ein Heterosexismusproblem gegeben habe, erklärt die Schritstellerin. "Und wir haben nicht zugehört, es runtergespielt, nicht ernst genommen." Sie hofft nun, "dass wir langsam anfangen, uns diese Auseinandersetzung auf einer höheren Ebene, also in den Großmedien anzuschauen. Es ist noch nicht zu spät, aber schon sehr, sehr knapp".

Das Sommermärchen als Wendepunkt

Als Otoo 2006 - mitten zur Zeit des sogenannten Sommermärchens - nach Berlin gezogen ist, habe sie das Gefühl gehabt, "ganz Deutschland feiert, dass wir nach Deutschland gekommen sind." Sie habe es schön gefunden, dass ihre beiden Söhne, die die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, mit aufgemalten Deutschlandfahnen im Gesicht mitgefeiert haben.

Doch die Lektüre des aktuellen Buchs von Max Czollek: "Desintegiert euch", in dem er genau dieses Feiern als Wendepunkt Richtung Nationalismus beschreibt, habe ihr klar gemacht, man könne das auch anders sehen. Dies sei für Czollek ein Bauchschmerzmoment gewesen, er habe "gewusst, irgendwie steckt da eine Gefahr", so Otoo weiter.

Sharon Dodua Otoo im Studio von Deutschlandfunk Kultur (Vladimir Balzer)"Wir können die Gesellschaft beeinflussen durch unsere Werke", sagt die Autorin Sharon Dodua Otoo (Vladimir Balzer)

Für die Schriftstellerin bedeutet Nation Gemeinschaft, dass also manche Menschen ein-, dafür aber andere ausgeschlossen werden. "Aber was ist das für eine Bewegung, wenn wir sagen, wir schotten uns ab und nur bestimmte Leute gehören dazu und manche nicht?" Dieses Konstrukt "Wer gehört dazu?" werde immer feiner definiert, so dass nur noch "bestimmte Menschen, die auf eine bestimmte Weise aussehen, denken oder die Nationalhymne singen", dazugehörten und alle anderen raus müssten. "Wozu ist das gut?", fragt Otoo.

Künstler*innen tragen Verantwortung

Zum Thema Künstler*innen und Gesellschaft erklärt die Bachmann-Preisträgerin, Schriftsteller*innen seien zunächst in einer sehr privilegierten Position, sie hätten viel Raum, um sich auszudrücken: Sie "haben die Möglichkeit, ein paar Schritte zurück zu nehmen und sich Sachen über einen längeren Zeitraum anszuschauen". Dies sei eine Verantwortung, der man sich stellen müsse: "Was machen wir damit?", fragt sie. 

Genauso wie sie von der Gesellschaft beeinflusst seien und Impulse aufnähmen, "können wir aber auch die Gesellschaft beeinflussen durch unsere Werke", erklärt Otoo. Dabei sei ihr wichtig, niemandem, der sowieso schon leide, unnötigen Schaden zuzufügen. "Ich achte sehr auf Bilder und Sprache und möchte dazu beitragen, dass es eine Gesellschaft gibt, die ein bisschen weniger mit Diskriminierung handelt."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDemokratie bedeutet Langsamkeit
Der französische Autor Michel Houellebecq bei der Präsentation seines 2015 erschienenen Buchs "Unterwerfung" in Barcelona. (EPA/ANDREU DALMAU)

Der französische Erfolgs-Autor Michel Houellebecq outet sich als Trump-Fan und unterstützt "einfache" Lösungen. Auch den Austritt Frankreichs aus der Nato kann er sich vorstellen. Als Gegenentwurf erinnert die "Welt" an die Vorzüge der Demokratie. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur