Seit 15:05 Uhr Tonart
Freitag, 05.03.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 12.10.2016

Autor Geert Mak"Die EU ist eine Pseudo-Föderation"

Moderation: André Hatting

Podcast abonnieren
(Deutschlandradio - Matthias Dreier)
Der niederländische Schriftsteller Geert Mak im Funkhaus von Deutschlandradio Kultur am 12. Oktober 2016. (Deutschlandradio - Matthias Dreier)

Die Legitimation für das "große Projekt" Europa verschwinde mehr und mehr, meint der niederländische Schriftsteller Geert Mak. Schuld sei auch die starre Organisationsform der EU: Dort sei man unfähig, auf aktuelle Ereignisse wie die Flüchtlingskrise zu reagieren.

Die Europäische Union muss ihre Konstruktionsform überdenken, sagt der niederländische Schriftsteller und Essayist Geert Mak. Sie befinde sich in einer "sehr gefährlichen Situation", so der Autor im Deutschlandradio Kultur:

"Wir dachten nach 1989: Alles wird jetzt gelingen. Und jetzt zahlen wir den Preis dafür. Wir haben einen Euro, der ohne eine gesamte Finanzpolitik organisiert ist. Wir haben ein Schengen-Abkommen - ohne dafür eine einheitliche Immigrationspolitik zu entwickeln. Die Europäische Union ist – wie Joschka Fischer auch einmal gesagt hat. – wie ein Schiff inmitten des Flusses."

Die Legitimation für "das große Projekt" Europa schwinde mehr und mehr, sagt Mak:

"Ich selber bin auch erschüttert über das Fehlen der Europäischen Union als Organisation - als Pseudo-Föderation, um zum Beispiel das Immigrationsproblem gut zu organisieren. Das kann man nicht lösen. Aber jede normale Föderation – die EU hat rund 470 Millionen Einwohner – kann die Immigration auf eine gute Weise begleiten."

In der EU herrscht das "totale Chaos"

Stattdessen herrsche das "totale Chaos", kritisierte Mak:

"Die EU bestand immer auf einem System von Regeln und Gesetzen. Und jetzt sind wir mehr und mehr auch eine Macht in der Welt. Und wir müssen auch auf aktuelle Ereignisse reagieren. Und diese Flexibilität fehlt total."

"Der Brexit war eine Explosion"

Mak ist ein aufmerksamer Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Europa. 2008 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet. Er ging auch auf das Phänomen des Rechtspopulismus in Europa ein:

"Wir zahlen jetzt den Preis für den Fakt, dass die Europäische Union niemals wirklich gut organisiert war. Und dann wird der Druck zu groß. Zum Beispiel der Brexit: Das war eine Explosion von Gefühlen, von Unbehagen."

Das Phänomen des Rechtspopulismus

Dieses Unbehagen spiegele sich auch in der Zuwendung vieler Menschen zu rechtsgerichteten Bewegungen, sagt Mak:

"Wenn die Leute sich unsicher fühlen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Sicherheit und ihr Staat verschwinden würden, dann rennt man wieder zurück nach der alten Sicherheit. Und dann wird der Nationalismus stärker und stärker."

Im Vorfeld der kommenden Buchmesse mit dem Schwerpunkt Flandern und Niederlande findet heute Abend in Berlin ein Gespräch mit Geert Mak statt: Deutschlandradio-Redakteurin Barbara Wahlster spricht mit ihm über sein neues Buch "Die vielen Leben des Jan Six" – es ist die Geschichte einer Amsterdamer Dynastie. Deutschlandradio Kultur überträgt diese Veranstaltung im Lifestream auf dem Dokumentationskanal "Dokumente und Debatten".

Geert Mak: "Die vielen Leben des Jan Six"
Siedler Verlag, München 2016
512 Seiten, 26,99 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

ImpfgeschwindigkeitDringend gesucht: der Krisenmodus
Ein Polizeibeamter wartet in einem Impfzentrum auf seine Corona-Impfung. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Das Impfen gegen Covid-19 geht in Deutschland zu langsam voran. Der Krisenmanager Marcus Ewald fordert deswegen nun eine "nationale Kraftanstrengung". Nicht Impfgerechtigkeit, sondern allein die Schnelligkeit sei jetzt wichtig.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur