Seit 10:05 Uhr Lesart

Donnerstag, 02.07.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 29.05.2020

Autor Erez MajerantzEine zornige Prophetenmentalität

Von Stefanie Oswalt

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Autor Erez Majerantz (Henry Schulz)
Der Autor Erez Majerantz (Henry Schulz)

Für den israelischen Schriftsteller Erez Majerantz steht fest: Die Welt ist in einer schlechten Verfassung. Und sie ist absurd. Und diesen Zustand beschreibt er in seinen Texten. Der Titel seines neuen Buches passt dann auch zur Corona-Krise.

Wer dieser Tage ein neues Buch veröffentlicht, hat erst einmal Pech gehabt: Zwar sind die Buchhandlungen geöffnet, doch vieles, was üblicherweise eine Buchveröffentlichung begleitet, fällt derzeit flach: Keine Premiere, keine öffentlichen Lesungen, kein persönlicher Kontakt mit dem Publikum.

"Das ist eine ganz verwirrende Zeit für einen Autor", sagt Erez Majerantz. Für seine erste Veröffentlichung auf Deutsch hätte er sich günstigere Umstände erhofft. Seit sechs Jahren lebt er in Berlin, finanziert seinen Lebensunterhalt als Medienberater für israelische Verlage und Autoren.

Dabei ist Majerantz eigentlich selbst seit vielen Jahren als Schriftsteller und Dramatiker unterwegs und hofft, sich mit dem neuen Buch gewissermaßen zu befreien und der eigenen Kreativität mehr Raum zu geben: "Das Leben an sich ist wichtig: Essen, schlafen, ein Dach über den Kopf. Aber was ist Leben ohne Inspiration? Ich habe eine zornige Prophetenmentalität und das ist schwer. Das ist ein Grund für viele Sorgen in meinem Leben."

Robin Hood verschenkt Gewissen

Die zornige Prophetenmentalität merkt man dem schmalen Mann mit den schwarzen, halblangen Locken, dem Dreitagebart und dem jungenhaften Lachen zunächst gar nicht an. Aber in seinem Buch "Das Leben an sich ist das geringste aller Übel" wimmelt es nur so von moralischen, geradezu archaischen Bilderwelten.

So beginnt der Band mit einer marxistisch inspirierten Vision über Robin Hood, der als Nachbar der Erzengel Gabriel, Rafael und Uriel auf einem Wolkenfetzen sitzt, Bücher über die Theorie des Poststrukturalismus liest – und nebenbei die Welt zum Besseren verändert:

"Robin Hood stieg herab... und beschenkte die Manager mit Gewissen. Er erfüllte sie mit Mitleid und versetzte ihre Seele wie aus Zauber in Verzückung. Unmittelbar nach Robins Rückkehr zur Welt begannen viele Menschen ernsthaft über ihr Verhalten nachzudenken. Diese Veränderung vollzog sich so schnell, dass bereits am folgenden Tag mehrere Firmen zusammenbrachen und ganze Konzerne Konkurs anmeldeten... Jetzt waren die Reichen wirklich reich. Sie freuten sich über ihr Los, versammelten sich in den Stadtzentren, atmeten durch und begannen, alles von neuem aufzubauen."

Es ist die Lakonie, mit der Erez Majeranz erzählt, die komisch und verstörend zugleich wirkt, die Unmittelbarkeit, mit der sich in seinen Texten teils unerhörte, absurde, märchenhafte aber auch alptraumhafte Dinge ereignen - wie in der Kurzgeschichte "Das Glück ist relativ". Darin geht es um eine depressive Frau namens Ronit, die an einem Workshop teilnimmt, bei dem sie durch allerhand willkürlich zugefügte Grausamkeiten und Erniedrigungen die Relativität von Glück erkennen soll. Im Verlauf des Workshops wird Ronit nicht nur gezwungen, vergammelte Lebensmittel zu essen. Auch wird sie von den anderen Workshop-Teilnehmern in einer zuvor selbst ausgegrabenen Grube begraben:

"Wie sie so langsam begraben wurde und Sand in ihre Kehle drang, fühlte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, daß sie unbedingt atmen, unbedingt leben will! Sie stöhnte, versuchte zu entkommen."

Weigerung über Schoah zu sprechen

Der deutschen Leserin mag hier die Assoziation zu Erschießungskommandos der SS während des 2. Weltkriegs aufscheinen, Erez Majerantz aber versichert, beim Schreiben dieser Episode an seine Militärzeit in Israel gedacht zu haben.

Ihn ärgert es, als israelischer Autor immer wieder auf die Themenfelder Holocaust und arabisch-israelischer Konflikt reduziert zu werden: "Ich mag dieses Thema nicht. Die Menschen in Deutschland haben Erwartungen, dass ich über dieses Thema spreche. Aber ich weigere mich, weil ich denke: Eine Person ist mehr als ihr eigenes Geschlecht oder Herkunft oder Rasse, sondern es gibt auch eine innere Welt und psychologische Sachen. Das ist meine Leidenschaft, deswegen schreibe ich."

Und so kommen in seinen Texten Jugendliche mit dissoziativen Identitätsstörungen vor, Menschen, die in Extremsituationen ihre körperlichen und seelischen Grenzen austesten, Kinder, die Schulausflüge nach Tschernobyl unternehmen:

"Die Vorbereitungen um den Reaktor zu besuchen waren mühsam. Wir wurden umfangreich medizinisch untersucht. Unsere Eltern hatten Angst, aber die Schule erzählte ihnen, daß die Strahlung im Reaktor geringer war als die eines Röntgenstrahls. Moshiko und ich ließen sechs Röntgenaufnahmen von uns machen, um immun zu werden und auf Nummer sicher zu gehen."

Erez Majerantz: Das Leben an sich ist das geringste aller Übel
AphorismA, Berlin 2020, 15 Euro

Seine innere Welt, sagt Erez Majerantz, sei seit seiner Jugend stark von deutscher Kultur beeinflusst. Majerantz, der väterlicherseits polnisch-russische Wurzeln und mütterlicherseits arabisch-sephardische Wurzeln hat, wurde in den Technoclubs von Tel Aviv ein großer Fan der Neuen Deutschen Welle. Zugleich zogen ihn beim Studium der Philosophie und Komparatistik an der Tel-Aviver Bar-Ilan Universität die Werke der deutschen Romantiker – E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck und Heinrich von Kleist – in den Bann. Die erste Reise nach Berlin beschreibt er als regelrechte Offenbarung - klimatisch und intellektuell.

Die jüdische Renaissance des 19. Jahrhunderts herstellen

"2006 bin ich als Tourist gekommen. Es war wie eine religiöse Erfahrung eigentlich. In Deutschland hatte ich das Gefühl, wie eine Pflanze, die gegossen wird." Majerantz kam im August nach Deutschland aus Tel-Aviv, dessen Sommer mit 80-prozentiger Luftfeuchtigkeit und 40 Grad im Schatten ihm zu schaffen machen, in einen Berliner Sommer mit kühler Brise.

"Danach war ich im Jüdischen Museum, dann sah ich Mendelssohn, Freud, Einstein und ich dachte: Vielleicht ist die Verbindung zwischen jüdischer Mentalität und deutscher Atmosphäre gut für die ganze Menschheit: in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Literatur, in der Medizin. Dann wollte ich nochmal die jüdische Renaissance des 19. Jahrhunderts herstellen."

Die Liebe zu Deutschland

Wenn Erez Majerantz von der jüdischen Renaissance im 19. Jahrhundert spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Natürlich weiß er, wie fragil das deutsch-jüdische Verhältnis ist, wie sehr jüdische Menschen hierzulande von Antisemitismus bedroht sind. Aber die Liebe zur deutschen Kultur will er sich nicht nehmen lassen. Seit 2006 ist er alle zwei Jahre hierher gereist, zeitweilig hatte er ein Künstlerstipendium. Mittlerweile ist er EU-Bürger und lebt seit 2014 dauerhaft hier:

"Ich möchte in Deutschland bleiben weil die Leidenschaft mit der Sprache und der Kultur ist so groß. Ich bin nach Deutschland gekommen, nicht weil es Kult ist, oder weil es günstiger ist, hier zu leben, sondern: Ich habe große Liebe mit der Kultur."

Wie es künstlerisch mit ihm weitergeht? Erez Majerantz ist zuversichtlich. Demnächst wird im österreichischen Verlag Eva Bieler sein Drama "Kletterpflanzen" erscheinen – ein Stück über zwei Patienten im Wachkoma, die verflucht wurden. Wer Freude am Grotesken hat, an originellen Einfällen und schwarzem Humor, darf sich darauf schon freuen.

Mehr zum Thema

Hebräische Bücherei Berlin - Lesen in der Muttersprache
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 12.4.2019)

Vom Gebet zum Jazz
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 6.9.2013)

Itzik Manger: neue Biografie von Efrat Gal-Ed - Der Dichter und sein Jiddischland
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 12.2.2016)

Aus der jüdischen Welt

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur