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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.04.2015

Autonomes HandelnNur dem Gewissen verpflichtet

Michael Pauen im Gespräch mit Nana Brink

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Denkmal des Reformators Martin Luther (1483-1546) mit der Stadtkirche im Hintergrund in der Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).  (dpa / picture alliance / Peter Endig)
Der Reformator Martin Luther kämpfte für seine Überzeugungen, auch gegen Widerstände - das lässt sein Handeln autonom erscheinen (dpa / picture alliance / Peter Endig)

Autonom handeln, das ist unser aller Ziel. Doch sind wir in unseren Entscheidungen immer wirklich so frei, wie wir glauben? Der Berliner Philosoph Michael Pauen hat diese Frage untersucht - und gibt Denkanstöße.

Die Definition von Autonomie sei nicht so schwer, sagt Michael Pauen, Professor für  Philosophie des Geistes an der Berlin School of Mind and Brain an der Humboldt-Universität. Sie dann anzuwenden, aber schon. Menschen, die auch gegen Widerstände sich für ihre Überzeugungen einsetzen, handeln Pauen zufolge autonom. Als Beispiele nennt er Martin Luther, die Geschwister Scholl und Antigone. Doch schon bei Antigone, die ihren gefallenen Bruder trotz Verbots beerdigt, beginnen die Probleme: Handelt sie autonom, wenn sie sich nach einem Prinzip richtet, nach dem man für seine Familie einstehen muss? Oder wäre autonomes Handeln in diesem Fall gerade das Freimachen von familiären Vorgaben? Pauen will diese Frage nicht endgültig entscheiden. Sicher ist aber: Die Spielräume für autonomes Handeln haben sich in den letzten 200, 300 Jahren stark vergrößert. Früher waren Beruf- und Partnerwahl weitgehend vorbestimmt - heute muss, kann und darf man das alles selbst entscheiden. Dennoch könnten wir noch autonomer werden. Der Ratschlag vom Philosophen: Immer wieder versuchen zu verstehen, wie Gruppenzwänge entstehen. Nur dann könne man sich diesen auch entziehen.


 

Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Schon ein kleines Kind sagt ja trotzig: „Ich kann das alleine", mich alleine anziehen, die Milch ins Glas schütten – und natürlich geht es nicht immer alleine. Aber diese Trotzigkeit, dieser Hang zur Autonomie, der hört nicht mit dem Kindsein auf, im Gegenteil: Autonomie, die Fähigkeit, selbst über sein Handeln und Tun zu bestimmen, das ist ja in unserer Gesellschaft geradezu ein heiliges Gut.

Sind wir nicht alle mündige Bürger? Sind wir das wirklich? Haben wir die Geschäftsbedingungen bei Facebook ganz autonom akzeptiert? Haben wir wirklich alle, die am Wochenende gegen das Freihandelsabkommen TTIP demonstriert haben, das wirklich komplett selbstbestimmt gemacht?

Und wahrscheinlich fallen Ihnen jetzt noch dutzende Beispiele ein, die alle zu der Frage führen: Wie autonom sind wir wirklich? Und einer, der uns die Frage beantworten kann, ist Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Berlin School of Mind and Brain, die ist angesiedelt an der Humboldt-Uni. Guten Morgen, Herr Pauen!

Michael Pauen: Guten Morgen!

Brink: Sie haben ein Buch geschrieben über Autonomie. Finden wir darin auch Beispiele: Was ist Autonomie?

Pauen: Ja, natürlich, also ich meine, Beispiele, die vermutlich jeder kennt, ist zum Beispiel Martin Luther, die Geschwister Scholl oder auch in der Antike Antigone, das sind Leute, die, sagen wir mal, für ihre Überzeugungen einstanden und dann eben auch entsprechend gehandelt haben, obwohl es Widerstände dagegen gab.

Brink: Kann man das so einfach definieren: Was ist autonomes Handeln?

Pauen: Na ja, so einfach definieren – also die Definition ist vielleicht noch nicht mal so ganz das Schwierige, also wie Sie eben schon sagten, nach eigenen Überzeugungen zu handeln auch dann, wenn es dagegen Widerstände gibt.

Aber das dann auf die Praxis anzuwenden, also zu gucken, waren das jetzt wirklich eigene Überzeugungen, das ist manchmal sehr schwierig, und wie groß waren die Widerstände, warum hat jetzt jemand so gehandelt? Also da wird es manchmal schwierig.

Brink: Aber finden Sie denn dann Beispiele, die Sie auch erklären?

Antigone beerdigte ihren Bruder trotz Verbots - handelte sie autonom?

Pauen: Ja, also ich meine, nehmen wir zum Beispiel Antigone, also die Geschichte von Antigone war: Ihre Brüder waren oder einer ihrer Brüder war im Kampf gegen die Stadt, in der sie wohnte, gefallen und es gab ein Verbot, diesen Bruder zu beerdigen, und sie hat es dann trotzdem gemacht gegen dieses Verbot, und sie spricht dann selber, dass sie eben ... beziehungsweise in dem Drama ist die Rede davon, dass sie nach eigenen Prinzipien handelt.

Die Frage ist jetzt: Handelt sie wirklich autonom? Was sie macht: Sie handelt nach einem, wie soll man sagen, nach einem Prinzip, bei dem man für seine Familie einstehen muss, also nach bestimmten Familiengepflogenheiten, wenn man so will. Und da würden wir uns heute fragen: Na ja, ist diese Person wirklich autonom, wenn man das macht, was die Familie von einem verlangt? Also da beginnen so Schwierigkeiten, bei denen man nicht mehr ganz genau abgrenzen kann, ob es jetzt autonom ist oder nicht.

Brink: Dann ist ja auch die Definition von Autonomie auch der Geschichte, also sozusagen der jeweiligen Situation dann unterworfen.

Pauen: Auf eine bestimmte Art und Weise schon. Also Autonomie schließt immer ... Also wenn ich sage, man handelt oder man sollte nach eigenen Überzeugungen handeln, dann impliziert das immer wieder eine Abgrenzung dessen: Was sind jetzt die eigenen Überzeugungen? Also wenn ich nach den Prinzipien meiner Familie handele, ist das eigentlich meine eigene Überzeugung oder ist es nicht vielleicht oft meine eigene Überzeugung – so würden wir heute ja argumentieren – wenn ich mich gerade von meiner Familie emanzipiere? Da haben sich also die Maßstäbe geändert in der Geschichte.

Brink: Aber trotzdem ist ja Autonomie bei uns so ein hohes Gut, also wir sprechen von dem mündigen Bürger, von dem selbstbestimmten Bürger. Das ist ja historisch nicht immer der Fall gewesen.

Die Spielräume für autonomes Handeln sind viel größer als früher

Pauen: Nein. Also die Spielräume für autonomes Handeln und auch die Notwendigkeit von autonomem Handeln haben sich halt ganz stark vergrößert. Das hat damit zu tun, dass unsere Gesellschaft viel, viel stärker ausdifferenziert geworden ist.

Also wenn Sie zum Beispiel die Regeln oder die Prinzipien nehmen, nach denen man seinen Beruf auswählt oder nach denen man einen Partner auswählt: Vor 200, 300 Jahren und noch viel stärker in der Zeit davor war das einfach alles vorbestimmt durch den Ort, an dem Sie geboren waren, die Schicht, in der Sie geboren waren, zur Schule gehen konnten Sie in den meisten Fällen ohnehin nicht.

Und heute haben wir ein unglaublich breites Spektrum, zwischen dem wir wählen können. Und das ist nicht einfach nur Gutmenschentum, das uns das ermöglicht hat, sondern die Gesellschaft braucht eben Leute, die sich aus eigenen Prinzipien für eine bestimmte, zum Beispiel für einen bestimmten Ausbildungsweg entscheiden können.

Brink: Aber es ist ja trotzdem sowas wie eine Binsenweisheit, also diese Demokratie, unsere pluralistische Gesellschaft, die braucht einen autonomen, also einen selbstbestimmten Bürger. Ja, ist er denn das wirklich? Wenn ich jetzt mal so das Beispiel von Facebook nehme, da haben wir doch alle irgendwie mehr oder weniger ein Häkchen gemacht bei diesen neuen Geschäftsbedingungen. Haben wir das wirklich ganz selbstbestimmt gemacht?

Pauen: Nein, natürlich nicht. Also ich glaube, da sehen wir, also Harald Welzer und ich, auch die größten Gefahren.

Brink: Das ist Ihr Mitautor des Buches.

Pauen: Ja, natürlich, ja. Da sehen wir die größten Gefahren für Autonomie, dass also durch soziale Medien, durch bestimmte Veränderungen, die es da gibt, die bislang sehr positive Entwicklung – also die Autonomiefähigkeiten haben sich vergrößert oder die Spielräume dafür haben sich vergrößert – und es kann eben sein, dass da neue Zwänge entstehen, die diese Fähigkeiten wieder verringern.

Brink: Ist denn nicht die Kehrseite von Autonomie auch Rücksichtslosigkeit? Keine Gesellschaft funktioniert ja, wenn jeder macht, was er will. Das bringen wir doch eigentlich auch unseren Kindern schon bei.

Gruppenzwänge können katastrophale Folgen haben

Pauen: Ja. Also die Frage ist ein bisschen schwer zu beantworten. Also de facto ist es tatsächlich so, dass in vielen Fällen, in denen wir Gruppenprinzipien gemäß handeln, wir das eben nicht bewusst machen, sondern es gibt soziale Mechanismen, die uns dazu bringen, eben uns gruppenadäquat zu verhalten. Und das hat an vielen Stellen in der Geschichte hat das auch ...

Also die Nazizeit ist halt das schlimmste Beispiel dafür, aber es gibt viele andere Beispiele, an denen man demonstrieren kann, wie schwierig das ist oder welche teilweise katastrophalen Konsequenzen es haben kann, wenn man einfach irgendwelchen Gruppenkonventionen entsprechend handelt.

Aber auf der anderen Seite ist es auch sehr schwierig – nehmen wir mal an, wir sind eben nicht in einer solch katastrophalen Gruppe, dann ist es immer noch besser, Sie handeln einfach den Gruppenkonventionen entsprechend, als wirklich einzusehen und aus eigener Überzeugung jeweils den richtigen Prinzipien oder den richtigen Konventionen der Gruppe entsprechend zu handeln.

Brink: Was raten Sie denn, ganz kurz, uns allen? Denkt mehr nach, was ihr wirklich wollt?

Pauen: Ja, natürlich, das ist ein ganz entscheidender Punkt, und schaut euch an, welchen Zwängen ihr euch da unterwerft, versucht, zu verstehen, wie solche Gruppenzwänge entstehen – und nur dann kann man sich denen entziehen.

Brink: Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Berlin School of Mind and Brain. Danke für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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