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Länderreport | Beitrag vom 02.06.2020

Autoindustrie in Baden-WürttembergDie Einschläge kommen näher

Von Uschi Götz

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Neuwagen auf einer Abstellfläche.  (Picture Alliance / Fotostand / Gelhot)
Derzeit werden viel weniger Autos als sonst angemeldet. Das merken auch die Zulieferer. Zudem belastet der Umstieg auf Elektromotoren die hiesige Industrie. (Picture Alliance / Fotostand / Gelhot)

Der Autozulieferer ZF will bis zu 15.000 Arbeitsplätze abbauen, bei Eberspächer geht die Produktion am Standort Esslingen komplett nach Polen. Corona spielt dabei eine Rolle – zugleich zeigt sich aber auch der Strukturwandel der Branche.

Die weltweit größte Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren zeichne sich ab. Das schreibt der Vorstand des Autozulieferers ZF Friedrichshafen an seine Mitarbeiter. Bis zu 15.000 Arbeitsplätze müssten daher abgebaut werden. Die Hälfte davon am Standort Deutschland. Stimmen aus Friedrichshafen:

"Schockiert. Das ist ein führendes Unternehmen in Friedrichshafen, bietet die meisten Arbeitsplätze."

"Das betrifft ja nicht nur ZF, das ist ja weltweit, es sind ja alle Automobilzulieferer."

"Es wird sich gesamtwirtschaftlich bergab bewegen."

"Große Gewinne eingefahren und keiner hat mehr etwas gekauft, jeder wollte nur Profit haben und jetzt ist die Folge daraus."

Aus für die Produktion in Esslingen

Kurz vor Pfingsten kam auch die Nachricht, dass der Autozulieferer Eberspächer seinen letzten Produktionsstandort am Firmensitz nach Polen verlagert. Rund 300 Menschen verlieren im baden-württembergischen Esslingen ihren Arbeitsplatz.

Betriebsrat Martin Goretzka sagt: "Dass da einige Bereiche sind, die sich nicht lohnen, das wussten wir. Aber dass jetzt wirklich gleich das ganze Werk zumachen möchte, mit dem hat wirklich keiner gerechnet. Uns so geht es auch den Leuten. Ich glaube, die laufen noch in Schockstarre durch die Gegend, denen ist das noch nicht ganz klar."

Eberspächer ist eines der wenigen Unternehmen in der Branche, das noch in Familienbesitz ist. 150 Jahre alt ist der vor allem auf Abgasanlagen spezialisierte Zulieferer. "Die zu 100 Prozent eben am Verbrenner hängen, da kannst du machen was du willst", so der Betriebsrat. "Und das macht uns natürlich insgesamt sehr zu schaffen."

Am Stammsitz werden bis jetzt noch brennstoffbetriebene Fahrzeugheizungen gebaut. Stufenweise soll diese Produktion nun ins polnische Werk in Oława verlagert werden. In Polen werden dafür etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu eingestellt, erklärt Betriebsrat Fatih Demirkol: "Definitiv sind die Lohnkosten in Polen günstiger als hier im mittleren Neckarraum."

Bis 2022 gilt noch eine Beschäftigungssicherung. Doch aufgeben wollen die Betriebsräte nicht: "Ich bin der Meinung, dass wir Bereiche haben in der Fertigung, die wir auch zu deutschen Löhnen hier weiter fertigen können", so Demirkol.

Also wird verhandelt. Gelingt es nicht, stehen vor allem gering qualifizierte Mitarbeiter über 50 auf der Straße.

Die Einschläge in Baden-Württemberg kommen näher. Bei Eberspächer betont die Geschäftsleitung, die Streichung des letzten Produktionsstandorts in Esslingen habe nichts mit der Coronakrise zu tun.

Anders beim Zulieferer ZF. Dort heißt es, der Stellenabbau sei leider notwendig, um "ZF nachhaltig zu sichern und an die neue wirtschaftliche Realität anzupassen". Als Folge des Nachfragestopps auf Kundenseite werde das Unternehmen 2020 hohe finanzielle Verluste machen.

Verlassene Baustelle auf dem Parkplatz vor den ZF-Werken in Schweinfurt. (Picture Alliance / Fotostand / K. Schmitt)Der Zulieferer ZF Friedrichshafen will wegen des Absatzeinbruchs in der Corona-Krise in Deutschland Stellen streichen. (Picture Alliance / Fotostand / K. Schmitt)

Die ökonomische Situation vieler Unternehmen im Südwesten spitzt sich immer mehr zu – dramatisch beschleunigt durch die Pandemie.

Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister Kraut konstatiert: "Wir hatten den Einbruch im Maschinen- und Anlagebau. Aber natürlich in der Zulieferindustrie in den Monaten April und Mai von bis zu 80, 90 Prozent."

Einbrüche von bis zu 90 Prozent. Baden-Württemberg hat die höchste Exportquote aller Bundesländer, vor allem aber bescherte die Automobilindustrie dem Bundesland seinen Wohlstand. Doch die Absatzmärkte sind weggebrochen, viele Grenzen immer noch dicht, und die Anmeldezahlen von Fahrzeugen im Keller. "Das heißt, wir stellen uns auf eine tiefgreifende Rezession ein", so die Politikerin.

Krise nur teilweise coronabedingt

Zurzeit wird im Land ein eigenes Konjunkturpaket vorbereitet, das vor allem die Autobranche stützen soll. Doch auch die Maschinen- und Anlagenbauer trifft es gleich doppelt hart. Nahezu alle Unternehmen mussten ihre Kapazitäten drosseln. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der Branchenverband VDMA kurz vor Pfingsten veröffentlicht hat.

Bundesweit sind rund 300.000 Mitarbeiter im Maschinen- und Anlagebau in Kurzarbeit. Davon allein fast 100.000 in Baden-Württemberg. Und das Tal ist längst nicht erreicht. Bis zum Sommer wollen zwei Drittel der Autozulieferer bundesweit Stellen streichen. Das teilt der Verband der Automobilindustrie mit. Wie viele davon in Baden-Württemberg betroffen sind, lässt sich derzeit nicht sagen.

Doch ganz so überraschend sind die Zahlen nicht: "Diese Coronakrise wird stark überlagert durch die strukturellen Veränderungen, die im Hintergrund auch ohne Corona-Krise stattgefunden hätten", sagt der Industriesoziologe Martin Schwarz-Kocher. Der Wissenschaftler arbeitet bei dem Beratungs- und Forschungsinstitut IMU in Stuttgart.

Seit 2019 verschärfe sich der Wettbewerb um die letzten großen Aufträge für Komponenten des Verbrennungsmotors. Dies habe zu einem so großen Preisverfall geführt. Die Konsequenz: Viele Zulieferer verlagerten ihre Produktion nach Osteuropa, sagt Schwarz-Kocher.

"Auch das aktuelle Beispiel bei Eberspächer zeigt ja, dass die Produkte nicht wegfallen, sondern eben in Osteuropa produziert werden. Weil eben der Preisdruck im Wandel zur Elektromobilität bei den klassischen Verbrennungsmotorprodukten deutlich gestiegen ist. Und das hat jetzt mit Corona erst einmal gar nichts zu tun. Aber in der Coronakrise verschärft sich diese Entwicklung noch einmal deutlich."

Trotzt staatlicher Hilfen reiche die Liquidität einiger Unternehmen in Baden-Württemberg nur noch wenige Monate, sagt der Industriesoziologe: "Und das wird in der Hauptsache die Kleineren treffen. Auch aufgrund der Finanzstrukturen dieser Unternehmen wird wahrscheinlich diese klassische Auswirkung der Coronakrise auch dazu führen, dass nicht jeder der jetzt noch gut aufgestellten Zulieferer das überleben wird."

Produktion ist oft schon im Ausland

Die Ministerpräsidenten der sogenannten "Autoländer" Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg haben sich für staatliche Kaufprämien ausgesprochen. Jobs sollen in erster Linie dadurch gerettet werden. Doch die Prämien sollen auch eine Branche stützen, die den Transformationsprozess nur schwer bewältigt.

Gegner der Prämien halten das für ein falsches Signal. In wirtschaftlich goldenen Zeiten habe die Autobranche die Weiterentwicklung neuer Produkte verschlafen, sagen Kritiker.

Im Landkreis Esslingen ist der Strukturwandel schon viele Jahre spürbar. Dort gibt es kaum noch Produktionsstandorte. Jürgen Groß ist zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen und sagt, die Gewerkschaft betreue im Landkreis fast nur noch Zulieferer, die vor allem Ableger großer ausländischer Konzerne seien: "In der Regel amerikanische, inzwischen zunehmend chinesische."

Da viele Unternehmen nun in Osteuropa produzierten, blieben häufig nur noch die Zentralen sowie Forschungs- und Entwicklungsbereiche in Baden-Württemberg.

Und doch habe man den Strukturwandel vor den Toren Stuttgarts bislang jedenfalls gut bewältigt: "Es sind Verschiebungen bei den Arbeitsplätzen erfolgt."

Mehr Jobs für Akademiker

Weniger Arbeitsplätze in der Produktion, dafür mehr akademische Mitarbeiter: "Diese einfachen Arbeitsplätze im Fertigungs- und Montagebereich sind weggefallen. Aber die Summe der Arbeitsplätze ist nicht dramatisch gesunken", sagt der Gewerkschafter. "Was natürlich für die Arbeitnehmer, die nicht die entsprechende Ausbildung haben, zu einem Problem auf dem Arbeitsmarkt geführt hat."

Groß ist einer der wenigen, der in der Krise auch etwas Positives erkennt. Endlich fließe Geld in dringend notwendige Investitionen, in Bereiche mit Zukunft. "Ausbau des digitalen Netzes, Umwelt, auch in der Automobilindustrie. Der Wohlstand hier in Baden-Württemberg, vielleicht auch darüber hinaus, hängt mit dem Auto zusammen", bringt es Groß auf den Punkt. "Man wird gucken müssen, dass da auch in Zukunft Leute Arbeit haben. Ohne Arbeit in der Industrie kann hier der letzte Frisör und die letzte Pommes-Bude auch gleich zumachen."

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