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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.06.2014

AutobiografiePolitisch sowie musikalisch ein Chamäleon

Karel Gott: "Zwischen zwei Welten. Mein Leben"

Von Olga Hochweis

Karel Gott bei einem Weihnachtskonzert in Prag im Jahr 2012. (picture alliance / dpa / Stanislav Zbynek)
Karel Gott bei einem Weihnachtskonzert in Prag im Jahr 2012. (picture alliance / dpa / Stanislav Zbynek)

Selbstgefällig gebiert sich Karel Gott in seinen Memoiren. Die Diskussion um seine politische Anpassung als Künstler zwischen verschiedenen Systemen klammert er aus. Lieber schwelgt er in illustrem Privatleben und umjubelter Karriere.

"Eine Welt ohne Gott ist nicht möglich, deshalb spielt der Sänger im atheistischsten aller Länder die entsprechende Rolle.“

Das schrieb vor wenigen Jahren Mariusz Szczygiel in seiner Reportagensammlung "Gottland“ über Karel Gott. Benannt hat er sein Buch mit Beiträgen über die tschechische Seele nach einem Museum, das 2006 für Karel Gott eröffnet wurde. Der Tenor-Top-Seller (Schätzungen sprechen von bis zu 100 Millionen verkauften Tonträgern weltweit) verkörpert in seiner Heimat – so die These – eine zentrale Identifikationsfigur, weil er sich wie viele seiner Landsleute durch Anpassungskunst und Unterwerfungsgesten jahrzehntelang mit dem politischen System arrangiert hat.

Er nahm Reisefreiheit, staatliche Privilegien und Auszeichnungen in Empfang und war dafür umgekehrt bereit, die Anti-Charta zu unterzeichnen und sich stillschweigend an die Bedingungen im Land anzupassen. Auch nach 1989 konnte Karel Gott ohne Schwierigkeiten seine Karriere fortsetzen – wie vormals wiederum in Ost und West gleichermaßen. Die harmlosen Schnulzen vom selbsternannten "Boten der guten Nachrichten“ versteht Szczygiel als eine Art Hymne auf die allgemeine Amnesie eines Landes, das die Rolle des Einzelnen bis heute relativiert oder verdrängt , nach dem Motto: Wenn sogar Karel Gott Kompromisse machen musste, dann doch erst recht die kleinen Leute.

Der tschechische "Heiland"

Mit dem Buch "Zwischen den Welten. Mein Leben“ lässt sich nun die Perspektive des tschechischen "Heilands“ persönlich vernehmen. Pünktlich zu seinem 75. Geburtstag im Juli 2014 hat Karel Gott eine Autobiografie vorgelegt. Doch anders als der Buchtitel hoffen lässt, geht es nicht um den ambivalenten Spagat als Künstler in verschiedenen Systemen oder gar um eine Auseinandersetzung mit eigenen Verfehlungen. Das Thema wird kurz trotzig in einem Absatz abgehandelt, der in den Worten gipfelt:

"Wer mir daraus einen Vorwurf machen will, dass ich kein Widerstandskämpfer war und meine Ruhe haben wollte, kann es tun, auch wenn es nicht fair ist.“

Die Erlebnisse (und nebenbei die vielen weiblichen Fans) in Ost und West spielen im Buch dennoch eine große Rolle. Chronologisch und geradezu minutiös berichtet Karel Gott ausgiebig aus seinem Privatleben und von den zahllosen umjubelten Stationen seiner Karriere, von Prag bis zur New Yorker Carnegie-Hall, vom ersten Bühnenengagement 1967 in Las Vegas bis zur Begegnung mit Künstlern im "russischen Beverly Hills“ Peredelkino. Doch das Namedropping und die illustren Orte dienen vor allem der Selbstbeweihräucherung. Selbst die 70er-Jahre – bleierne Zeit der sogenannten "Normalisierung“ in der Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings – lesen sich im Kapitel "Von Böhmen in die Welt oder "Die goldenen Siebzigerjahre“ (sic!) folgendermaßen:

Gotts Mantra: Musik müsse unpolitisch sein

"Die Jahre 1972 bis 1976 waren eine tolle Zeit. Die besten Komponisten und Texter schrieben für mich. (..) Meine Konzerttourneen führten mich, neben meiner alljährlichen Deutschlandtournee, erneut in die USA, aber auch nach Kanada, nach Kuba und Venezuela. Meine Kuba-Tournee hatte ihren Höhepunkt in Varadero, von fünfzehntausend Zuschauern bekam ich Standing Ovations. Die Fans in Lateinamerika – mit diesem südamerikanischen Temperament, sie waren noch wilder als meine Fans in Russland. Nichts konnte sich ihnen in den Weg stellen.“

Und die Musik? Sie korrespondiert mit der Fähigkeit Karel Gotts zu seiner politischen Anpassung. Wie ein Chamäleon hat der Tscheche über mehr als fünf Jahrzehnte die Stile gewechselt und sich an gängigen Moden orientiert. Mantraartig wiederholt er, dass Musik unpolitisch sein müsse. Seine Aufgabe sei es immer gewesen, Freude zu verbreiten - und zwar über alle Genre-Grenzen hinweg.

Eitel und penibel wie ein Buchhalter listet Karel Gott sie alle auf: seine Preise, seine Verkaufszahlen, seine Genre-Ausflüge. Von den Anfängen mit countryartigen Songs und der Liebe zum Rock´n Roll über tschechische, deutsche und russische Schlagertitel, Soul- und sogar Disco-Alben bis zu Ausflügen ins Klassik-Light-Fach und zu Duetten mit Udo Lindenberg oder Bushido. Und natürlich fliegt hier auch die Biene Maja vorbei. Doch selbst wer noch aus Kindertagen Sympathien für dieses Lied hegt: Karel Gotts selbstgefällige Memoiren sind wirklich nur etwas für die ganz harten Fans.

 

Karel Gott: Zwischen zwei Welten, Mein Leben
Riva Verlag, München
256 Seiten, 19,90 Euro

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