Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Samstag, 26.09.2020
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 08.08.2014

Autobiografie"In dieser Nacht löste sich meine Seele von Deutschland"

Erinnerungen von Elias Auerbach an seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg

Von Evelyn Bartolmai

Podcast abonnieren
Eine Gruppe gefangener deutscher Soldaten im Jahre 1918 kurz vor Ende des 1. Weltkriegs. (picture alliance / dpa)
Viele der deutschen Soldaten, die wie Auerbach in den Krieg gezogen waren, gerieten in Kriegsgefangenschaft. (picture alliance / dpa)

Er war einer der 36 Wehrpflichtigen, die die Einberufung zum Ersten Weltkrieg im fernen Haifa erreichte. Doch Elias Auerbach zögerte nicht und zog für sein einstiges Vaterland in den Krieg. Aber nach einer Schlacht in Frankreich ereilte ihn eine folgenschwere Erkenntnis.

Als Dr. Elias Auerbach 1909 als glühender Zionist aus Berlin ins damalige Palästina zog und sich in Haifa niederließ, tat er dies in der Überzeugung, als Mediziner einen Grundstein für einen künftigen jüdischen Staat legen zu können.

Auch ihn erreichte im August 1914 die Einberufung in den Ersten Weltkrieg, wie er in seiner Autobiografie "Pionier der Verwirklichung" vermerkt und die Wirrnisse schildert, die der Kriegsausbruch selbst im fernen Palästina ausgelöst hat:

"In Haifa gab es 36 Wehrpflichtige, die allermeisten aus der Deutschen Kolonie. Dass wir uns stellen mussten, stand außer Frage. Aber wie sollten wir nach Deutschland gelangen? Der einfachste Weg wäre der übliche über Ägypten und Italien gewesen, aber da die englische Flotte das Mittelmeer beherrschte, war es mehr als wahrscheinlich, dass wir, selbst wenn wir ein Schiff fanden, abgefangen und für die Kriegsdauer in Malta oder Gibraltar interniert würden."

"Landweg unmöglich"

Gemeinsam mit dem deutschen Konsul diskutierten die Männer die vertrackte Lage, aus der eigentlich nur die langwierige Reise auf dem Landweg über Syrien, die Türkei und den Balkan in den europäischen Krieg führte. Der Konsul befragte gar den deutschen Botschafter in Konstantinopel um Rat.

"Umgehend traf die Antwort ein: 'Einziger Weg Seeweg Italien, Landweg unmöglich.' Der Konsul sah uns an: 'Unter diesen Umständen kann ich niemanden, der nicht fährt, als Deserteur bezeichnen.'

Doch die 36 palästina-deutschen Wehrpflichtigen – 3 Juden und 33 Templer – beschlossen dennoch, gemeinsam den "unmöglichen Landweg" einzuschlagen und mit 3-wöchiger Verspätung ihren Kriegsdienst anzutreten.

"Ein unverzeihliches Verbrechen"

Noch Jahrzehnte später wurde Elias Auerbach gefragt, was ihn, den ersten deutschen Zionisten, der in Palästina ein neues jüdisches Leben aufbauen wollte, bewogen habe, dennoch für sein einstiges "Vaterland" in den Krieg zu ziehen.

"Gewiss will ich nicht leugnen, dass zu jener Zeit noch starke Gefühle der Anhänglichkeit an das Land vorhanden waren, dem ich die Grundlagen meiner Bildung verdankte und das damals ja auch noch nicht daran dachte, seine Juden zu vertreiben. Und letztlich kam wohl hinzu, dass ich einfach das Gefühl einer Verpflichtung empfand."

Welches für Elias Auerbach jedoch trotz Auszeichnung mit dem EK 1 nach der Somme-Schlacht in Frankreich in eine folgenschwere Erkenntnis umschlug:

"Die mit kalter Berechnung organisierte völlige Verwüstung einer blühenden Provinz galt mir als ein unverzeihliches Verbrechen. In dieser Rückzugsnacht löste sich meine Seele von Deutschland."

 

Aus der jüdischen Welt

Synagoge in HalleDie Tür, die hielt
Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle (picture alliance / Winfried Rothermel)

Ein Blutbad blieb aus, letztes Jahr beim Anschlag in Halle an Jom Kippur. Denn die Synagogentür hatte gehalten. Die Tür soll nun Teil eines Mahnmals vor dem Gotteshaus werden. Wo die einen an ein Wunder glauben, sprechen andere von Physik. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur