Seit 20:03 Uhr Konzert

Freitag, 18.10.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Kompressor | Beitrag vom 20.09.2016

Auto-ModellWarum fahren die Deutschen so gern SUV?

Von Anette Schneider

Podcast abonnieren
Die SUV-Flotte von Mercedes auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 2015 in Frankfurt.  (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)
Die SUV-Flotte von Mercedes auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) 2015 in Frankfurt. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

Als der erste SUV auf den europäischen Markt kam, wurde er noch als Exot belächelt - heute kennen vor allem die Deutschen kein Halten mehr: Kein Fahrzeugtyp wird hier so oft gekauft wie der SUV. Was ist es, was sich da zügig als des deutschen "liebstes Kind" entwickelt?

SUVs rasen über Schotterpisten, schneiden die Kurven schmaler Gebirgsstraßen, bezwingen die steilsten Steigungen, die sandigsten Wüsten, die größten Felsblöcke.

SUVs jagen durch menschenleere nächtliche Städte, bringen Kinder in den Kindergarten.

SUVs können alles. Mit SUVs bringt alles Spaß!

Die Deutschen fahren auf diese Fahrzeuge ab wie niemand sonst in Europa. Schon Ende 2014 betonte n-tv:

"Wobei die deutschen Hersteller die umfangreichste Angebotspalette aufweisen. ... Kurzum: Das SUV-Geschäft ist das lukrativste im gesamten Angebotsspektrum."

Die Obsession der Deutschen hat sicher zu tun mit dem Design der SUVs: Mit einer Länge von etwa fünf Metern dominieren sie jedes Straßengeschehen. Ihre hochgelegte Karosserie hebt den Fahrer aus dem Rest des öffentlichen Verkehrs heraus. Aus sicherer Position überblickt er alles und ist gleichzeitig durch sehschlitzartige Fenster vor zudringlichen Blicken  geschützt - weshalb der mit 1 Meter 73 mannshohe Subaru Outback so beworben wird:

"Das Styling unterstreicht seinen kompromisslosen und robusten Charakter!"

Die neuesten Modelle kommen noch schwerer und wuchtiger daher als ihre Vorgänger. Neu sind auch betont große Kühler und bis auf die Seiten gezogene schmale Scheinwerfer. Diese "aggressiven Gesichter" erinnern an Haifischmäuler und martialische Star Wars-Krieger. Oder, wie Faz.net fasziniert über ein Renault-Modell schreibt...

"Den Proportionen folgend, könnte der Espace ein freundliches Expeditionsfahrzeug im Krieg der Sterne sein. ... In der Realität sorgt Chrom für fließende Linien und flinke Striche, hebt Konturen heraus und bietet eine milde Aggression im Bug."

Warum lieben die Deutschen SUVs?

Kritiker echauffieren sich allen Ernstes darüber, dass SUV-Fahrer im Straßenverkehr ganz besonders aggressiv und rücksichtslos auftreten. Mit Verlaub: Wofür sollen Fahrzeuge mit bis zu 600 PS und 300 Stundenkilometern sonst da sein?

Bleibt die Frage: Weshalb sind diese Autos vor allem bei Deutschen so beliebt?

"Wer 20 Stundenkilometer zu schnell fährt, muss in Norwegen mindestens 420 Euro, in Schweden 270 Euro und in Italien 170 Euro zahlen. In Deutschland sind es 30 Euro."

Alle europäischen Regierungen schreiben für Autobahnen Geschwindigkeitsbegrenzungen vor.

Nur Deutschland nicht.

In Italien beispielsweise, einst gefürchtet als chaotisches Autofahrerland, sorgen massive Polizeikontrollen und die Aussicht auf hohe Bußgelder für eine entspannte Fahrweise, die es hierzulande längst nicht mehr gibt.

Mehr noch: Fast jede italienische Innenstadt ist verkehrsberuhigte Zone. Ob Florenz, Pisa, Palermo, Rom, Mailand, Neapel, Bologna oder Turin: zwischen 7.00 und 20.00 Uhr sind sie für Autos gesperrt. Lediglich für Anwohner nicht.

Was soll man in einem solchen Land mit einem SUV?

Wenn der SUV nur im Dauerstau steht

Nur ein Land hinkt dieser Entwicklung hinterher. Und so hat nur dort, wo die weltweit führende Automobilindustrie mit Hilfe von Politikern ökologische Vorgaben ignorieren und eine menschliche Stadt- und Verkehrspolitik als geschäftsschädigend abtun kann, der SUV freie Fahrt.

"Dynamik. Durchsetzungskraft. Effizienz. Der neue GLE. ... ein einzigartig präsentes und dominantes Fahrzeug."

So spiegelt sich in der Vorliebe des deutschen Autofahrers für zwei grobschlächtig designte Tonnen Metall die ebenso grobschlächtig gestaltete vorherrschenden Politik - in der Entsolidarisierung und die Ideologie des Stärkeren herrschen, in der Leiharbeit, Mini-Löhne und Kürzungen von Sozialleistungen den deutschen Unternehmen ermöglichen, die europäische Konkurrenz niederzuwirtschaften und dies als Fortschritt zu feiern. In solch einer Gesellschaft finden der SUV und sein Fahrer ihr letztes Refugium.

Auch wenn sie nur noch im Dauerstau stehen. Denn dort wächst der SUV zu seiner wahren Größe - und lässt sich wunderbar zum entspannten Betrachten des nächtlichen Sternenhimmels verwenden...

Mehr zum Thema

Umweltautos - Sauber und sicher?
(Deutschlandfunk, Marktplatz, 22.09.2016)

Ein Jahr VW-Abgasskandal - Volkswagen hat die falschen Aufklärer
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 18.09.2016)

Fahrgemeinschaften - Geld sparen und nette Beifahrer haben
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 13.09.2016)

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur