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Im Gespräch | Beitrag vom 23.01.2020

Auszeichnung für Lehrerin Sabeth SchmidthalsMit muslimischen Schülern über den Holocaust reden

Moderation: Britta Bürger

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Symbolbild: Zwei junge Muslima mit Kopftuch und ein junger jüdischer Mann mit Kippa unterhalten sich miteinander. Sie befinden sich in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz. (picture alliance/ZB/Monika Skolimowska)
Einen gemeinsamen Zugang zur Geschichte für Schüler unterschiedlicher Herkunft finden, auch zum Holocaust - dafür geht jetzt der "German Jewish History Award" nach Berlin. (picture alliance/ZB/Monika Skolimowska)

Mit muslimischen Schülerinnen und Schülern besucht die Lehrerin Sabeth Schmidthals seit Jahren frühere Konzentrationslager und Gedenkstätten. In Israel lernen sie jüdisches und arabisches Leben kennen. Dafür bekommt sie nun einen Preis.

Eine ziemlich missglückte Klassenreise wies der Berliner Lehrerin Sabeth Schmidthals den Weg: Mit ihren Schülerinnen und Schülern hatte sie eine Gedenkstätten-Fahrt ins ehemalige KZ Dachau unternommen. Und dort kam es zu Spannungen zwischen Jugendlichen muslimischer und nicht-muslimischer Herkunft: "Die einen, die gesagt haben: ‚Das ist doch gar nicht unsere Geschichte, unsere Eltern waren doch gar nicht in Deutschland, wir haben damit nichts zu tun‘. Und die deutschen Schüler, die gesagt haben: ‚Ihr könnt euch hier nicht benehmen in der Gedenkstätte, zeigt Respekt, ihr seid respektlos‘."

Hinzu kommen antisemitische Ansichten bei manchen Schülern, wenn auch Sabeth Schmidthals nicht von offenem Antisemitismus reden möchte: "Es ist gang und gäbe nach wie vor, leider, dass das Wort Jude ein Schimpfwort ist und dass es starke Vorbehalte gegenüber dem Staat Israel gibt."

Tränen einer Schülerin brachten Erkenntnis

Wie geht eine Lehrerin damit um? Die Antwort fand Sabeth Schmidthals durch eine Schülerin palästinensischer Herkunft, die in Tränen ausbrach, als sie der Klasse die Geschichte von Flucht und Ausgrenzung ihrer Familie erzählte. Junge Menschen mit Migrationshintergrund hätten "eine sehr, sehr große Empathie" bei Themen wie Vertreibung, Ausgrenzung, Rassismus.

Porträtfoto der Berliner Lehrerin Sabeth Schmidthals (Privat)Einen gemeinsamen Zugang zur Geschichte für Jugendliche deutscher und nichtdeutscher Herkunft finden - für ihre Arbeit hierzu bekommt die Berliner Lehrerin Sabeth Schmidthals einen Preis. (Privat)

Und hier knüpft die Geschichtslehrerin Schmidthals an, wenn sie im Unterricht die NS-Zeit durchnimmt oder Gedenkstätten-Fahrten vor- und nachbereitet: "Wir können von jungen Menschen nicht Interesse für das Leid anderer Menschen erwarten, wenn wir kein Interesse ihrer eigenen Geschichte gegenüber zeigen."

Israel als Schnittpunkt von Geschichten

Zur Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehöre auch die mit dem Nahostkonflikt. Das bestätigte eine Klassenfahrt nach Israel, für Sabeth Schmidthals "der Schnittpunkt der eigenen Geschichte, nämlich der palästinensischen Geschichte - und des Holocaust, also der Beschäftigung mit der deutschen Geschichte". Dort erfuhren die Schülerinnen und Schüler, dass Juden und Araber auch friedlich zusammenleben können. Und hörten die Geschichte des Holocausts aus dem Mund überlebender Zeitzeugen. Eine Schülerin sagte danach: "Ich glaube, ich habe einem Menschen noch nie so lange zugehört."

Einen gemeinsamen Zugang zur Geschichte für Jugendliche deutscher und nichtdeutscher Herkunft finden, indem der jeweilige Familienhintergrund beleuchtet wird - mit diesem Konzept hat Sabeth Schmidthals an ihrer Schule, der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule im Berliner Multikulti-Stadtteil Moabit, einigen Erfolg. Darum erhält sie am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, den "German Jewish History Award" der amerikanischen Obermayer-Stiftung.

In Polen auf offener Straße bespuckt

Schlagzeilen machten Sabeth Schmidthals und ihre Schüler aber schon 2017, als sie eine Klassenreise in ehemalige Ghettos und Vernichtungslager in Polen unternahmen: Mehrmals wurden dort Schülerinnen und Schüler, die Arabisch sprachen oder Kopftuch trugen, beschimpft, aus einem Laden geworfen, ein Mädchen wurde auf offener Straße bespuckt.

Die Konfrontation mit Fremdenfeindlichkeit in Polen war ein Schock, doch für Sabeth Schmidthals steht fest: "Ich würde wieder nach Polen fahren". Denn nachdem die Anfeindungen durch die Presse gegangen waren, habe sie "Unmengen an Solidaritätszusendungen bekommen aus Polen". Es gebe eben in Polen, wie in Deutschland, neben Fremdenfeinden auch Menschen, die ganz anders denken.

(pag)

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