Seit 04:05 Uhr Tonart

Sonntag, 21.07.2019
 
Seit 04:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.10.2015

Auszeichnung für Frank Witzel"Das verrückteste Buch des Jahres"

Kolja Mensing im Gespräch mit Christine Watty

Podcast abonnieren
Der Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel liegt auf einer Küchenwaage, die etwa 1100 Gramm anzeigt. (Deutschlandradio / Frank Barknecht)
Ein gewichtiges Stück Literatur: "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel wiegt über 1100 Gramm (Deutschlandradio / Frank Barknecht)

Eine "mutige Entscheidung" für ein "ganz, ganz großes Buch" - so kommentiert unser Literaturkritiker Kolja Mensing die überraschende Entscheidung der Jury für Frank Witzels "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969".

Nach der bisherigen Vergabelogik des oft als "Marketing-Preis" geschmähten Deutschen Buchpreises hätte wohl Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman "Gehen, ging, gegangen" ausgezeichnet werden müssen. Doch am Ende gewann zu aller Überraschung Frank Witzels "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969".

"Eine unglaublich mutige Entscheidung" eine "Entscheidung dafür, dass Literatur nichts erklären muss", sagt unser Literaturkritiker Kolja Mensing. Damit hätte die Jury "das verrückteste Buch des Jahres" ausgezeichnet.

"Wenn Frank Witzel den Deutschen Buchpreis bekommen kann, dann ist wirklich noch einiges möglich in diesem Land."

Die BRD als geschichtsversessenes Kasperletheater

Witzel verlege die Identitätskrise der alten BRD Ende der 60er-Jahre nicht nur in die hessische Provinz, sondern in den Kopf eines 13-Jährigen mit psychischen Problemen:

"Die gute, alte BRD wird hier zu einer Mischung aus Psychokino, Drogenrausch und geschichtsversessenem Kasperletheater, und das alles dann noch mit ständig wechselnden Erzählverfahren, wie ich das in dieser Konsequenz eigentlich nur aus den Büchern des Amerikaners David Foster Wallace kenne. Das ist, glaube ich, ein ganz, ganz großes Buch." 

"Ausgelassene Freude" im Saal bei der Verkündung des Preisträgers

Literaturredakteur Kolja Mensing (Deutschlandradio - Bettina Straub)Kolja Mensing (Deutschlandradio - Bettina Straub)Mit Witzels Roman wurde offenbar das Buch ausgezeichnet, dem im Vorfeld die "Literaturbetriebsprofis" und "Bescheidwisser" die geringsten Chancen eingeräumt hatten:

"Alle haben abgewunken und gesagt, nee, also auf gar keinen Fall, der Witzel bekommt den Preis nicht. Irres Buch, super Buch, aber unverkäuflich. Das machen die nie. Das trauen sie sich nicht."

Umso größer dann die Überraschung im Saal: "Das war ein ganz wunderbarer Moment", berichtet Mensing. "Es gab richtig so ausgelassene Freude im Saal, lautes Johlen, Pfeifen, Karneval, Kindergeburtstag."

 

Mehr zum Thema

Deutscher Buchpreis für Frank Witzel - "Ich sehe mich immer noch als Außenseiter"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 12.10.2015)

Deutscher Buchpreis für Frank Witzel - "Ein genialisches Sprachkunstwerk"
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 12.10.2015)

Frank Witzels neuer Roman - Fulminantes Stück Literatur
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 01.06.2015)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsFazination Mondlandung
Apollo 11 Astronaut Edwin E. Aldrin Jr. auf dem Mond (imago images / Cinema Publishers Collection / NASA Legacy Collection)

50 Jahre nach der Mondlandung, blickten diese Woche auch die deutschen Feuilletons gen Himmel. "Die Welt" gratuliert in 50 Anekdoten: "Den ersten Urinbeutel bastelten die Astronauten aus Kondom, Gummischlauch und Plastiktüte", lautete eine Geschichte.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 14Der Stoff, aus dem der Osten ist
Szene aus "Düsterbuschs City Lights" am Theater Magdeburg (Theater Magdeburg)

Von einer Magdeburg-Reise kommen wir mit Fragen zurück: Welche Themen interessieren 30 Jahre nach dem Mauerfall das Publikum in den neuen Bundesländern? Muss man hier anders Theater machen? Und warum fallen Kritiken oft anders aus als Zuschauerreaktionen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur