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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.04.2014

AuszeichnungDie Kraft der Mythen

Schriftsteller Michael Köhlmeier über die Faszination überlieferter Geschichten

Moderation: Britta Bürger

Marmorbüste von Homer: Köhlmeier übersetzt seine Epen in die Neuzeit.  (AP)
Marmorbüste von Homer: Köhlmeier übersetzt seine Epen in die Neuzeit. (AP)

Sisyphos – ein Zwangsneurotiker. Hera – die Expertin der Eifersucht. So gegenwartsbezogen erzählt der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinen Büchern von der Antike. Dafür erhielt er in Innsbruck den Humanismus-Preis 2014.

Britta Bürger: Ob Homer oder die Bibel, die Nibelungensage oder Shakespeares Dramen – dem österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier gelingt es, Jahrhunderte, ja Jahrtausende alte Geschichten in die Gegenwart zu ziehen. Er ist ein Brückenbauer, ein Erzählkünstler, weshalb ihm der Deutsche Altphilologenverband gestern Abend auf seinem Jahreskongress in Innsbruck mit dem Humanismuspreis 2014 ausgezeichnet hat. Herr Köhlmeier, schönen guten Morgen!

Michael Köhlmeier: Guten Morgen!

Bürger: Welche der sieben Musen hatte bei der Jury-Entscheidung vielleicht ihre Hand mit im Spiel? Clio, Calliope?

Köhlmeier: Also, wenn es die Calliope ist, die dem Homer in den ersten Zeilen seiner Epen immer gedient hat oder die er angerufen hat, dann soll es mir recht sein.

Bürger: Die Muse der Dichtung, der epischen Dichtung und Rhetorik, der Philosophie und Wissenschaft. Wie haben – Sie haben ja schon mehrfach im Radio und Fernsehen in großen Serien die antiken Mythen erzählt, zuletzt beim Bayerischen Rundfunk in einer 80-teiligen Fernsehserie, in der Sie jeweils eine Viertelstunde von den Göttern erzählen, als seien sie mitten unter uns. Wie haben Sie die Antike für sich entdeckt?

"Bei mir ist viel von den Mythen hängen geblieben"

Köhlmeier: Eigentlich gar nicht. Ich würde sagen, sie ist für mich entdeckt worden anfänglich von meinem Vater, der Historiker war und der auch der Meinung war, dass die Bestimmung eines wirklich mündigen Menschen darin besteht, Historiker zu werden. Und er hat gemeint, dass ein Kind, ein Bub, zum Historiker erzogen wird, indem man ihm zuerst erzählt von den griechischen Mythen, und dann kommt man allmählich zum Herodot und zum Thukydides und dann so weiter, römische Geschichte und dann bis herauf eben ins 20. Jahrhundert. So hat er sich das vorgestellt. Und bei mir ist halt viel von den Mythen hängen geblieben. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, mich nicht damit beschäftigt zu haben.

Bürger: Was hat Sie daran fasziniert?

Köhlmeier: Das ist schwer zu sagen. Wenn man sich – das ist ja eine Reflexion, die man erst viel später tätigt, wenn man schon viele Jahre sich damit beschäftigt hat. Es ist halt so, wie soll man sagen, es ist so ein Versuchsgelände von allem Möglichen, was Menschen zustoßen kann. Und das war ja wahrscheinlich auch der Zweck, weil zu der Zeit, als die Mythen da waren, da gab es ja keine Gerichtsbarkeit in dem Sinne, sondern man musste sich immer nach Präzedenzfällen umsehen, und insofern ist die Mythologie auch, natürlich nicht nur, auch ein großer Katalog von solchen Fällen. Dass man sich sagen konnte, was ist anderen schon mal passiert, was haben andere getan, was ist Ihnen zugestoßen, und daraus ableiten, wie kann ich mich verhalten. Das ist also ein großes Feld menschlicher Tätigkeit, menschlichen Leids und menschlicher Bösartigkeit und auch ein bisschen menschlicher Liebe.

Bürger: Geschichten mit häufig ja groß verwickelten Stammbäumen, bei denen man leicht auch mal den Überblick verlieren kann. Worin besteht die Kunst, diese Mythen, diese Geschichten einfach, klar und verständlich nachzuerzählen? Wie vermittelt man Geschichten, die älter als 2.000 Jahre sind?

Köhlmeier: Vielleicht muss man ein bisschen ignorant sein, um das zu tun. Also, damit meine ich, den naiven Zugang haben. Wenn ich mich da wirklich als Wissenschaftler dem nähern würde, ach, dann wäre ich furchtbar gehemmt. Aber wenn ich so ganz irgendwie ohne Scheu rangehe und sage, was kann ich brauchen davon, was sagt mir heute noch irgendetwas. Es gibt ja viele dieser Geschichten, die uns heute nichts sagen. Die haben aber in vergangenen Jahrhunderten den Leuten viel gesagt. Vielleicht kommt auch wieder mal ihre Zeit, aber dann sinken sie ab, und manche Geschichten, die sagen uns sehr viel.

"Man muss eine gewisse Naivität haben"

Also, im 19. Jahrhundert haben alle die "Ilias" geliebt von Homer, wo es darum ging, dass Achill in seiner Ehre gekränkt wurde. Sagt uns heute weniger. Uns sagt heute mehr der Mann, der auf der Welt herumirrt, Odysseus, der nach Hause will und dann aber seiner Obsession Frauen gegenüber verfällt. Das ist uns viel näher, dieser Migrant. Und so hat jede Zeit, findet halt eine Figur, in den Mythen. Und man muss eine gewisse Naivität haben und Rücksichtslosigkeit vielleicht auch, und einfach herausnehmen, wo man denkt, das sagt mir irgendetwas, und nicht in einen historischen, wissenschaftlichen Zusammenhang stellen. Ich bin kein Wissenschaftler, ich bin ein Erzähler, und große Erzählungen, sei es "Tausend und eine Nacht" oder auch die Bibel und natürlich eben die griechische Mythologie hat mich immer sehr fasziniert.

Bürger: Und Sie wagen sich dabei wirklich weit vor. Wie kommen Sie zu Interpretationen zum Beispiel wie der von Pallas Athene, die Sie als Göttin der Atombombe bezeichnen?

Köhlmeier: Das hängt mir irgendwie nach. Das ist mir bei der Erzählung rausgerutscht. Aber wenn ich drüber nachdenke – es gab ja zwei Götter des Krieges, wenn ich die Pallas Athene mit dazurechne. Der eine ist dieser primitive Ares, dieser Hau-drauf, dem es einfach Spaß macht, Menschen zu quälen, zu töten und sie grausam zu entstellen, und auf der anderen Seite die Pallas Athene, die sagt, verhüten, verhindern wir den Krieg, solange es nur geht. Aber wenn wir ihn führen, dann führen wir ihn total.

"Fast süchtig"

Und sie hat ja den großen Einfluss auf den Odysseus gehabt, und wir wissen, der Odysseus wollte den Trojanischen Krieg nicht, und dennoch, als er dann geführt wurde, war er einer derjenigen, der ihn am radikalsten, am unmenschlichsten und am brutalsten geführt hat. Also, sie nimmt den Krieg unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten wahr, während der Ares sich dran freut. Das tut sie nicht. Wir können uns auswählen, was uns lieber ist, mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Und warum sollen wir diese Mythen erzählen, wenn wir sie nicht auf uns anwenden, graut es uns wahrscheinlich vor beiden.

Bürger: Pallas Athene und die Gegenwart. Wir sind hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier. Gestern Abend wurde er mit dem Humanismuspreis 2014 ausgezeichnet. In Griechenland zum Beispiel, da ist es völlig selbstverständlich, jedes gesellschaftliche Problem, jeden politischen Konflikt auch im Spiegel der Antike zu betrachten. Ständig wird die Gegenwart mit den Mythen abgeglichen regelrecht. Ist die Antike also auch für Sie so eine Art Maß für die Gegenwart?

Köhlmeier: Ich kann es so sagen, also auch ganz privat für mich. Wenn man sich so viel beschäftigt damit oder wenn man halt so viel darüber gelesen hat, fast süchtig, immer wieder neue Figuren, neuen Helden nachgegangen ist. Dann stellt sich das automatisch ein, dass man immer sieht, und das macht dann diese große Freude an der Beschäftigung aus, dass man sieht, aha, der verhält sich jetzt so, wie sich Perseus verhalten hat. Oder dem würde ich gerne das Beispiel des Theseus vorlegen, damit er ein bisschen vorsichtig ist. Es ist automatisch so, dass man im Hintergrund diese Geschichten als eine Maßeinheit hat für gegenwärtiges Tun und Handeln.

"Die griechischen Sagen haben eine Sonderstellung"

Das trifft natürlich nicht nur auf die griechische Mythologie zu, die ein Sonderfall ist, weil wo gibt es sonst einen solchen unglaublich ineinander verwobenen Kosmos von Geschichten. Das trifft auch auf Märchen zu, natürlich auch auf die Bibel trifft das zu, aber eben die griechischen Sagen haben hier doch eine Sonderstellung, glaube ich. Auch, was Sie vorhin angesprochen haben, die Verwandtschaft aller mit allen. Das heißt, es ist alles so vernetzt, der antike Mensch, der konnte nicht ins Leere fallen. Der ist immer aufgefangen worden von diesem Netz. Das war für ihn das Koordinatensystem seines Lebens.

Bürger: Hat die mündliche, die erzählende Vermittlung eigentlich größere Chancen, die Menschen zu erreichen als die Bücher im Latein- und Griechischunterricht? Erschließt sich über das Erzählen noch einmal eine andere Dimension?

Köhlmeier: Ja, der Latein- und Griechischunterricht, den wird es ja vielleicht bald gar nicht mehr geben oder vielleicht wieder, wir wissen es nicht, the times, they are a-changin. Wie es heißt, kann sich alles wieder sehr ändern. Und ich bin zu den mündlichen Erzählungen gekommen eigentlich, ohne das zu wollen. Das hat sich so ergeben über den Rundfunk irgendwie. Aber diese Geschichten haben natürlich – die sind ursprünglich mündlich erzählt worden. Diese Mündlichkeit, dieses, wo man dem Erzähler zusehen kann, wo sehr viel in der Art, im Klang seiner Stimme mit erzählt wird oder in seiner Gestik, das hat schon irgendetwas. Aber es hat doch jede Zeit ihre Medien, das so zu erzählen. Und ich glaube auch, diese Geschichten funktionieren auch schriftlich. Das hat man ja gesehen. Gustav Schwab ist ein ewiger Hit in den Buchhandlungen.

Bürger: Ja, und natürlich überhaupt in der Literatur, die Antike als Referenzraum in der Gegenwartsliteratur. Auch in Ihren eigenen Romanen hat sie ja Spuren hinterlassen.

Wohnen im Lebensgesamtkunstwerk

Köhlmeier: Natürlich. Wenn man aus der abendländischen Literatur diese Spuren entfernen würde, dann wären etliche Regale leer.

Bürger: Sandra Kegels vom Feuilleton der "FAZ" hat gestern Abend in ihrer Laudatio auch beschrieben, wie das Wohnzimmer von Michael Köhlmeier aussieht, in dem sie Sie mal besuchen durfte. Ein Lebensgesamtkunstwerk, hat sie gesagt, aus künstlichen und echten Blumen mit hölzernen Tieren und lauter geheimnisvollen Figuren. Hat die Antike auch da Spuren hinterlassen?

Köhlmeier: Ich muss dieses Lob weiterreichen, weil dass unser Haus so ein gestalterisches Gesamtkunstwerk ist, das ist doch in erster Linie das Verdienst meiner Frau Monika Helfer. Und, ja, sie erzählt halt – sie ist auch Schriftstellerin, und erzählt nicht nur schreibend, sondern sie erzählt auch halt gestaltend. Und alle diese Dinge sind nicht zufällig dort, sondern sie könnte Ihnen – das ist ein Roman, ein dreidimensionaler, so sage ich.

Bürger: Der Schriftsteller Michael Köhlmeier, soeben ausgezeichnet mit dem Humanismuspreis 2014. Ich danke Ihnen sehr fürs Gespräch!

Köhlmeier: Ich danke Ihnen! Gut. Auf Wiederhören!

Bürger: Tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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