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Fazit | Beitrag vom 17.05.2019

Austellung zu Gustave Caillebotte in BerlinMaler und Mäzen der Impressionisten

Von Christiane Habermalz

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Ein Mann fotografiert das Gemälde "Straße in Paris, Regenwetter" in der Ausstellung "Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen der Impressionisten" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. ( Britta Pedersen/dpa )
Wie ein Schnappschuss: Das Gemälde "Straße in Paris, Regenwetter" von Caillebotte. ( Britta Pedersen/dpa )

Seine Bilder erwecken den Eindruck einer Fotografie: Gustave Caillebotte, ein großer Maler des Impressionismus, der dennoch nicht vielen bekannt ist. Zu Unrecht, wie die Ausstellung in der Nationalgalerie zeigt.

Es gibt Ausstellungen, die Dutzende von Bildern präsentieren, und andere, die nur eines in den Mittelpunkte stellen. Dass man deswegen nicht weniger bereichert nach Hause geht, kann man jetzt in der Alten Nationalgalerie erleben.

Gustave Caillebotte ist ein immer noch wenig bekannter Name des französischen Impressionismus, und sein Werk "Straße in Paris, Regenwetter", eröffnet schon allein durch das Wetter einen ganz anderen Blick auf den Impressionismus, der sich sonst so gerne sonnendurchflutete Landschaften und das Spiel von Licht und Schatten als Motiv suchte.

Die Unmittelbarkeit des Moments

Vor allem aber ist es die Unmittelbarkeit des flüchtigen Moments, den Caillebotte abbildet, der einen in den Bann zieht. Eine Straßenkreuzung in Paris, regennasses Pflaster, Passanten mit Regenschirmen eilen über die Straße. Das überlebensgroße Paar, das auf den Betrachter zuläuft, wirkt, als würde es gleich aus dem Rahmen steigen, als müsste man auf dem engen Trottoir ausweichen, um nicht mit den aufgespannten Regenschirmen zusammenzustoßen. Nicht umsonst gilt das Bild als eines der modernsten seiner Zeit. Oder, wie Ralph Greis, Leiter der Alten Nationalgalerie es ausdrückt: Ein Werk an der Grenze dessen, was wir unter Impressionismus verstehen:

"Es hat also vieles der Zeitströmungen aufgenommen, bei Degas hat er gelernt, wie man Figuren am Bildrand überschneidet, so dass sich ein ganz spontaner Bildausschnitt ergibt, und auch die Bewegungsmotive die er hier einsetzt, sind so dass sie uns vermitteln, das ist ein lebendiges Bild, das ist das Bild der aktuellen Großstadt, eigentlich wie ein Schnappschuss möchte man sagen. Aber das natürlich avant le lettre, denn Sie wissen, die technischen Möglichkeiten der Fotografie waren in den 1870er Jahren so noch nicht gegeben."

Das Aushängeschild aus den USA in Berlin

Geschickt nutzt der Maler räumliche Perspektiven, die er mit fast mathematischer Präzision einsetzt, um den Betrachter ins Bild hineinzuziehen. Wie wichtig Caillebotte die Suche nach dem richtigen Bildausschnitt war, lässt sich an zahlreichen Vorstudien und Skizzen zu diesem und anderen Bildern ablesen, die die Ausstellung ergänzen.

Dass Caillebottes "Straße in Paris, Regenwetter", eines der Aushängeschilder des Art Institute of Chicago, überhaupt in Berlin zu sehen ist, ist einem Deal zu verdanken. Denn das Art Institute wollte für eine große Manet-Ausstellung Edouard Manets "Im Wintergarten" aus der Nationalgalerie leihen. Im Gegenzug verlangten die Berliner das Caillebotte-Gemälde.

Ikone gegen Ikone – und ein Glück, denn Werke von Caillebotte sind in Berlin überhaupt nicht vertreten. Zwei Jahre wurde verhandelt, bis sich Chicago dazu durchrang, sich von einem seiner größten Schätze zu trennen, betonte Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann:
 
"Denn so viele Menschen wie zu uns kommen, um sich den Manet anzuschauen, so viele Menschen kommen auch in Chicago, um sich dieses Bild von Caillebotte anzuschauen. Also ein Tausch auf Augenhöhe zwischen zwei Institutionen."

"Moderne gegen Akademiker"


Für die Nationalgalerie ist das Bild eine Chance, auch die eigene Impressionistensammlung in einem anderen Licht zu betrachten. Denn Caillebotte war nicht nur Maler, sondern auch Mäzen. Früh zu Geld gekommen, unterstützte er seine Malerkollegen Renoir, Manet, Degas, Cézanne und Monet, kaufte deren Bilder an, als sie noch niemand kannte, und ließ sie auf seinem Landsitz leben und arbeiten. Nach seinem frühen Tod 1894 mit nur 48 Jahren vermachte er seine Kunstsammlung dem französischen Staat. 
 
"Und das war sozusagen der Startschuss für die Musealisierung des Impressionismus. Der Weg der Avantgarde ins Museum", erläutert Greis. Doch der Direktor der französischen Nationalmuseen ließ sich Zeit. Erst nach drei Jahren nahm er das Erbe an, und auch da nur zögerlich. Von 60 Werken sah man nur 38 als museumswürdig an. 
 
"Heute unverständlich dass man etwa einige Werke von Monet oder Cézanne als nicht aufnahmefähig beurteilt hat, aber so war es damals, weil der Kampf ging Moderne gegen Akademiker, man musste ja auch alte Kunst abhängen. Und das Gleiche passiert zeitgleich hier in Berlin", so Greis.

1896 wird Hugo von Tschudi Direktor der Nationalgalerie. Er begeisterte sich früh für die neue revolutionäre Malerei aus Frankreich. Noch im gleichen Jahr reiste er nach Paris und kaufte über 30 Werke von Manet, Monet und Degas. Manets "Im Wintergarten" wurde Ende 1986 erstmals in der Nationalgalerie ausgestellt – es war das erste Werk des Künstlers, das je von einem Museum gekauft wurde. 
 
"Unter großem Hallo der Leute, die das unterstützt haben, aber durchaus auch kritisch beäugt von den Traditionialisten und Akademikern, und da entspinnt sich eine Parallelgeschichte zu Paris, und insofern ist es für uns interessant, diesen Gast hier zu haben."

Ein bescheidener Maler

So stellt die Ausstellung in einem zweiten Raum Bezüge zur eigenen Sammlung her, versucht aufzuzeigen, wie die frühe Kanonisierung der französischen Moderne durch Caillebottes Sammlungstätigkeit sich auch in den Berliner Ankäufen wiederspiegelt. Das ist zweifellos interessant für all jene, die sich die Zeit nehmen wollen, tiefer in die Geschichte der Moderne einzutauchen – tröstet aber nur wenig darüber hinweg, dass man eigentlich gerne mehr von Caillebotte gesehen hätte.

Dass er als Maler weniger bekannt war denn als Mäzen, hat auch damit zu tun, dass er in aller Bescheidenheit der Schenkung an den französischen Staat keine eigenen Bilder beifügte. So blieben seine Bilder lange in Privatbesitz, gelangten erst spät und über Umwege in Museen. Werke Caillebottes in deutschen musealen Sammlungen kann man an wenigen Fingern abzählen. Insofern ist "Straßenszene in Paris, Regenwetter" in der Nationalgalerie allemal eine Reise wert.

"Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen des Impressionismus"
17. Mai 2019 bis 15. September 2019
Alte Nationalgalerie, Berlin.

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