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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.07.2014

AusstellungenVon der Pflicht, Kunst auch öffentlich zu zeigen

Die Sammlung Scharpff im Stuttgarter Kunstmuseum

Von Rainer Zerbst

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Die Sammler Ute und Rudolf Scharpff in Stuttgart im Kunstmuseum vor einer Arbeit des Künstlers Koor (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)
Die Sammler Ute und Rudolf Scharpff in Stuttgart im Kunstmuseum vor einer Arbeit des Künstlers Koor (picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

Die Eheleute Scharpff sammeln Kunst nicht für die eigene Stube. Sie haben junge Künstler über Jahrzehnte in ihrer Entwicklung verfolgt. Deren Werke stellen sie namhaften Museen zur Verfügung - und fungieren zugleich als Kunstdepot. Für sie ist es eine Art Selbstverpflichtung, ihre privaten Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Es ist eine Sammlung der Kontraste. So hängen in einem Raum die Bilder von Brigid Riley, Bilder in der Tradition der OpArt, die mit einfachen, sich scheinbar wiederholenden Mustern unsere Wahrnehmung herausfordern. Im selben Raum finden sich aber auch Gemälde von Glenn Brown, der die Maltradition früherer Jahrhunderte zitiert und raffinierte Wirkungen mit dem Pinselstrich hervorbringt. Rudolf und Ute Scharpff sammeln nicht nach engen kunststilstischen Kriterien, etwa abstrakt oder gegenständlich, sie sammeln gewissermaßen eine Epoche, genauer eine Generation, nämlich Künstler, die ihre Kinder sein könnten, so Rudolf Scharpff:

"Die hatten den Abstand zu uns, wir waren etwas älter, und wir wollten auch nicht sammeln, was alle anderen sammelten. Das ist eine gute Mischung. Die Künstler haben auch gern den Älteren zugehört. Sie wussten auch in den Älteren eine höhere Beständigkeit: Wo gehen die Bilder hin? Wo geht es da weiter. Innerhalb dieser Generation wählten sie noch einmal aus. Insofern war das eine sehr gute Mischung, und es hält einen natürlich jung."

So haben sie über die Jahrzehnte diese Künstler in ihrer Entwicklung immer weiter verfolgt – und die Kontakte auch persönlich vertieft, wobei Ute Scharpff nicht selten mit ihrem Gespür die Entscheidung zu einem Ankauf gibt:

"Es macht mir Spaß, ich kann sofort sagen: Das Bild ist gut. Mein Mann sucht immer den Künstler, ich suche das Bild aus. Ich habe ja auch nicht gewusst, dass das so gut wird, aber ich habe gesagt: Wartet ab, ihr werdet euch noch wundern. Und wenn ich die heute treffe sagen sie: Hätten wir doch..."

So kam ein auf den ersten Blick inhomogenes Spektrum an heutiger Malerei zusammen, aber genau genommen haben sich alle diese Künstler mit der Frage beschäftigt: Was ist heute ein Bild: Es kann monochrom sein wie bei Günter Förg, es kann aus Farbschleiern mit extrem verdünnter Farbe bestehen wie bei Christopher Wool, es kann voller geheimnisvoller Rätsel sein wie bei Neo Rauch. Für Ulrike Groos, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart gibt die Sammlung einen Überblick über das, was auch heute noch in der Malerei von Bedeutung ist ist.

"Das Bild ist in Frage gestellt worden, die Zuordnungen: abstrakt-figürlich  - ist in Frage gestellt worden, man hat sehr viel mit den Bildoberflächen gearbeitet, es gibt pastose Bilder, aber auch Bilder, die jede Handschrift verneinen. Diese Künstler haben alle neue Wege gesucht."

Eine neue Art der privaten Sammlung in guter alter Tradition

Weil die Sammler ihren Künstlern treu blieben, dokumentiert ihre Sammlung die Entwicklungen dieser Künstler, die nicht selten immer wieder neue Wege einschlugen. Bestes Beispiel Albert Oehlen, den die Sammler offenbar besonders schätzen: Da gibt es Collagen aus Zeitungsreklamen, dann findet sich abstrakte Malerei, deftig mit dem Pinsel auf die Leinwand gebracht, und neuerdings filigrane Linienmalereien. 

"Mich begeistert das, als wenn es immer wieder dasselbe ist."

"Er macht immer wieder Brüche, und das ist ja seine unglaubliche Kraft und Stärke, dass er versucht,. Die Grenzen zu verschieben, bis hin zu Plakatausschnitten, wo man sich fragt: Wo kommt das jetzt wieder her? Und dann erkennt man Jahre später, dass das alles einen logischen Zusammenhang hat."

Wichtig ist dem Ehepaar Scharpff, die Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen. Dabei wählten sie nicht den üblichen Weg: Die Sammlung als Leihgabe einem Museum zu überlassen. Vielmehr entwickelten sie das offene Depot: Vier Museen in Stuttgart Bonn und Hamburg können sich bei ihnen bedienen. Ursprünglich hatte er mit seiner Sammlung anderes vor. Der damalige Ministerpräsident Lothar Späth hatte für die Staatsgalerie Stuttgart einen Anbau geplant, in dem Kunstsammlungen aus der Region präsentiert werden sollten. Diese Idee verfolgte Späths Nachfolger Teufel 1991 nicht weiter.

"Diese Lücke ist heute noch da. Und da wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass die Sammler bereit sind, den Museen ihre besten Arbeiten zur Verfügung zu stellen – in einer ganz einfachen Form: Sie kennen unsere Bilder, sie können alles abrufen, und sie können es sofort wieder zurückgeben. Wir erwarten nicht, dass die Museen für uns ein Lagerplatz sind. In der Regel zahlen wir auch den Transport. Wir wollen, das erstklassige Kunst im öffentlichen Bereich ist. Im Museum ist ein neuer Maßstab, und die Bilder in den Museen bewähren, dann haben sie die Kraft, die ich von dieser Kunst erwarte."

Und damit stehen Ute und Rudolf Scharpff, so Ulrike Groos, in bester jahrhundertealter Gesellschaft.

"Es wird hier auch eine Tradition der Bürgerkultur fortgesetzt. Nämlich private Sammlungsbestände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen über die Museen."

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