Dienstag, 27.07.2021
 

Fazit | Beitrag vom 18.06.2021

Ausstellung zur türkischen Einwanderung"Teil der deutschen Geschichte und Gesellschaft"

Ferda Ataman im Gespräch mit Andrea Gerk

Ankunft von 55 türkischen Arbeitskräften am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf nach Abschluss des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. (picture alliance / dpa / Wolfgang Hub)
Angeworbene türkische Arbeiter bei ihrer Ankunft 1961 in Düsseldorf. Journalistin Ferda Ataman sagt, die Integration der damals Gastarbeiter genannten Menschen sei extrem geglückt. (picture alliance / dpa / Wolfgang Hub)

Das Ruhrmuseum zeigt eine Ausstellung über das Leben türkischstämmiger Migranten im Jahr 1990. Journalistin Ferda Ataman hat für den Katalog einen Essay geschrieben. Sie sieht die Leistung der damaligen "Gastarbeiter" nicht ausreichend gewürdigt.

Der 2018 verstorbene türkische Fotograf und Fotojournalist Ergun Çağatay machte 1990 in fünf deutschen Städten Tausende Fotografien über das Leben türkischer Migranten. Er schuf damit die umfangreichste Bildreportage zur türkischen Einwanderung in Deutschland. Das Ruhrmuseum zeigt anlässlich des 60. Jahrestags des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens die eindrucksvollsten Aufnahmen in einer Sonderausstellung, die später auch nach Hamburg, nach Berlin und in die Türkei gehen soll.

"Türkenklassen" sollten für die Rückkehr vorbereiten

Die Bilder der Ausstellung lösten in ihr "Erinnerungen und warme Gefühle" an ihre eigene Kindheit und Familiengeschichte aus, sagt die Journalistin Ferda Ataman, die einen Essay für den Ausstellungskatalog geschrieben hat.

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"Die Botschaft der Ausstellung ist, dass wir ein Teil der deutschen Geschichte und der Entwicklung der deutschen Gesellschaft sind. Das ist im Grunde eine deutsche Ausstellung, die Deutschland beschreibt, und dann sind da aber diese dunkelhaarigen, schnurrbärtigen Männer und dunkelhaarigen Frauen zu sehen, die damals noch Ausländer waren oder so hießen."

Auch heute fühle sie sich noch von dem Wort "Gastarbeiterkind" angesprochen, schreibt Ataman in ihrem Essay. "Ich habe im Zuge der Erinerungen, der Ausstellung und des Artikels gemerkt, dass 'Gastarbeiterkind' zu sein, für mich eine Art sozialer Status war." In Bayern habe es zu dieser Zeit in den Schulen "Türkenklassen" gegeben, um die Kinder der "Gastarbeiter" auf die Rückreise vorzubereiten, sagt Ataman.

Minderwertigkeitskomplexe eines "Gastarbeiterkindes"

Ihre Mutter habe sich dagegen gewehrt und Ataman ging später trotz einer anderslautenden Schulempfehlung aufs Gymnasium und an die Universität. Sie habe aber eine Art "Gastarbeiterkindkomplex" entwickelt. "Bei jedem Raum, in den ich reinkomme, denke ich immer noch: Wie cool, dass ich hier sein darf! Und ich denke nie: Das steht mir zu, zum Beispiel in einer Redaktion zu arbeiten oder auf einem Podium eines Panels oder in einer Veranstaltung zu sein."

Ataman sieht derzeit teilweise einen diskursiven Rechtsruck im Land. Das habe bei ihr zu einem verstärkten Bedürfnis nach Anerkennung der Leistungen ihrer Eltern geführt. Sie wünsche sich eine angemessene Würdigung dieser Generationen in Form eines Denkmals oder eines Museums, um der Sicht entgegenzuwirken, dass die Integration der "Gastarbeiter" gescheitert sei.

"Tatsache ist, dass Angela Merkel im letzten Wahlkampfduell 2017 gesagt hatte: 'Wir wissen ja, die Integration der Gastarbeiter ist gescheitert. Aber wir haben daraus viel gelernt.' Dieser Satz hat mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen. Ich finde nämlich die Integration unserer Eltern, 'der Gastarbeiter', ist überhaupt nicht misslungen, sondern extrem gut geglückt."

Ohne deswegen Probleme aus dem Blick zu verlieren, sollte man mehr darüber reden, wie Deutschland sich durch diese Menschen verändert habe, und zwar zum Guten, sagt Ataman. All das sei geschehen trotz einer "Rückkehr-Förderungspolitik" auch noch zu Zeiten von Helmut Kohl. 

(rja)

"Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay"
Ruhr Museum Essen
21. Juni bis 31. Oktober
Virtuelle Eröffnung am 20. Juni ab 17 Uhr

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