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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.04.2016

Ausstellung "Wolfsburg unlimited. Eine Stadt als Weltlabor"Kunstmuseum mischt sich mutig ein

Von Rudolf Schmitz

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Ralf Beil, Museumsdirektor des Kunstmuseum Wolfsburg, auf einem Presserundgang in der Ausstellung "Wolfsburg Unlimited" vor Containern, die Teil der Installation "Midwest" des Künstlers Julian Rosefeldt sind. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)
Ralf Beil, Museumsdirektor des Kunstmuseum Wolfsburg, auf einem Presserundgang in der Ausstellung "Wolfsburg Unlimited" vor Containern, die Teil der Installation "Midwest" des Künstlers Julian Rosefeldt sind. (picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow)

Ralf Beil, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, stellt in seiner ersten Ausstellung die Stadt Wolfsburg aus. "Wolfsburg Unlimited. Eine Stadt als Weltlabor" nennt er diese künstlerisch-dokumentarische Bestandsaufnahme. Eine heikle Mission in Zeiten der Abgaskrise.

Das Kunstmuseum Wolfsburg ist nicht wieder zu erkennen. Die Glas-Stahl-Architektur hat eine Invasion von Containern erlebt. Man schiebt sich durch schmale Gänge, läuft über Schotter und Bauschutt, kommt dann zu einem Innenraum aus Betonplatten, auf dem neun Autos vom Schrottplatz stehen. Ein Autokino, das bessere Zeiten gesehen hat. Dort läuft ein Film: finstere Gestalten, ein sinnloser Koffertausch, an- und abrauschende Straßenkreuzer. Eine Installation von Julian Rosefeldt, der grade letzte Hand anlegt. Eine ziemlich düstere Angelegenheit, Herr Rosefeldt?

"Eine Detroitsche Volkswagen-Melancholie. Konzern am Rande des Untergangs. Aber ich finde generell schwebt über dem Kapitalismus insgesamt so eine düstere Gewitterwolke, vielleicht ist das ja noch im größeren Sinn metaphorisch gedacht."

Der neue Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, Ralf Beil, hat eine Ausstellung inszeniert, gemacht, die viele Besucher sprachlos machen wird. Ein geradezu ausufernder Mix aus Kunstwerken, Dokumenten, Fotografien, Architekturmodellen, Werbekampagnen und Filmen – rund um die Stadt Wolfsburg und den von ihr dominierten Konzern.

"Wolfsburg ist ein Weltlabor, das ist nicht nur eine Behauptung im Titel, es ist tatsächlich so, dass man hier wie in einem Brennglas sieht, wie Deutschland und die Welt sich verhält. Wie die globalen Finanzströme sich bewegen, wie man mit Waren und Ideen umgeht, und das eben jenseits von Kathedralen oder Bürgergesellschaft. Das Geld bestimmt unsere Wirklichkeit und hier haben wir eine Metropole, die eigentlich darauf baut."

Ralf Beil: "Wir führen die Realität ein - in der ganzen Bandbreite"

Dass mit der Autokino-Installation auch Container vom Braunschweiger Hafen, Dreck, Abfall und Autos vom Wolfsburger Schrottplatz ihren Weg ins Kunstmuseum gefunden haben, ist eine deutliche Ansage.

"Dieses Museum hat sich bisher nicht die Hände schmutzig gemacht, und wir führen jetzt tatsächlich mit dieser Ausstellung, die ja meine erste ist als Direktor am Kunstmuseum Wolfsburg, tatsächlich die Realität ein, in der ganzen Bandbreite."

Die Ausstellung zeigt mit großartigen und oft beklemmenden Dokumenten, wie sich Wolfsburg von der Modellstadt des Nationalsozialismus zur Musterstadt des Wirtschaftswunders entwickelte, zur Metropole der zumeist italienischen Gastarbeiter, zum Testfeld der Bewältigung von Globalisierungskrisen.

Ralf Beil spannt einen Riesenbogen von Nam June Paik oder Anselm Kiefer hin zu den "Readymades" der Konzerngeschichte und des bundesrepublikanischen Alltags. Alles hängt mit allem zusammen.

Plötzlich das legendäre Video von Martin Winterkorn, dem Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, im dem er sich für die Abgasmanipulationen entschuldigt. Das dürfte nicht jedem Wolfsburger Besucher schmecken. Eine mutige Entscheidung von Ralf Beil, zumal die Volkswagen Financial Group diese Ausstellung in substanzieller Weise unterstützt ...

"Und natürlich werden wir unterstützt von Volkswagen, aber auch Volkswagen ist ja nicht mehr das Unternehmen, das doktrinär in der Hinsicht agiert, sondern es gibt hier durchaus Interesse an einer unabhängigen Stimme. Und diese Ausstellung nimmt ja das Phänomen Wolfsburg ungeheuer ernst."

Glockenspiel spielt jetzt "Smoke on the Water"

Der Künstler Rémy Markowitsch widmet einen Raum dem ungarisch-jüdischen Ingenieur Josef Ganz, der einen Sportwagen mit dem Aussehen eines Maikäfers erfand. Seine technischen Merkmale beweisen, dass dieser Wagen zum Vorbild für den VW-Käfer wurde, dieser paradoxen Ikone aus Wolfsburg.

"Dass dieses von einem jüdischen Ingenieur mit hervorgebrachte oder doch zumindest promotete Fahrzeug des Nationalsozialismus plötzlich zur Unschuldsikone wird mit diesen wunderbaren großen Kulleraugen, dann filmreif wird mit Herbie, also sozusagen Menschengestalt annimmt und sprechen kann und dann gleichzeitig noch Drogenkurier werden kann mit den VW-Bussen in den 60er-Jahren – eine ungeheure Karriere und eine globale Ikone, die Deutschland in der Welt wieder reinwäscht …"

"Wolfsburg Unlimited" ist eine mutige Ausstellung. Man darf gespannt sein auf die offiziellen Stellungnahmen. Entweder wird Ralf Beil sofort gefeuert oder als unabhängige Stimme des Kunstmuseums Wolfsburg nach und nach akzeptiert. Dieses Museum wird sich künftig einmischen. Es gibt dafür jetzt ein unüberhörbares, doch gleichzeitig subtiles Zeichen im Stadtraum. Die Künstlerin Nevin Aladag hat das Glockenspiel am Kulturzentrum von Alvar Aalto umprogrammiert. Jetzt spielt es nicht mehr "Freude, schöner Götterfunken", sondern "Smoke on the Water" von Deep Purple ...

In der Sendung "Studio 9" am Freitag sprechen wir mit Ralf Beil, dem Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, persönlich über die Ausstellung "Wolfsburg Unlimited. Eine Stadt als Weltlabor", die noch bis zum 11. September zu sehen ist.

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