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Fazit | Beitrag vom 24.09.2020

Ausstellung von Hito Steyerl in DüsseldorfDie Gegenwart als digitaler Kampfplatz

Von Sabine Oelze

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Die deutsch-japanische Medienkünstlerin Hito Steyerl in rotes Licht getaucht vor einer rot-weiß verwaschen beleuchteten Wand, aufgenommen in der Kunstsammlung K21. (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)
In ihren Werken experimentiert die deutsch-japanische Künstlerin Hito Steyerl mit medialen Präsentationsformen. (picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd)

Die Ausstellung „Hito Steyerl. I Will Survive“ im K21 in Düsseldorf ist die erste große Übersichtsschau der Medienkünstlerin in Deutschland. In den 20 gezeigten Werken aus 20 Jahren scheinen die Widersprüche des rasanten Fortschritts auf.

"How not to be seen": "Wie man nicht gesehen wird" deklamiert eine dröge Computer-Stimme in einer Videoarbeit von Hito Steyerl. Es folgen fünf Lektionen, wie man sich in der heutigen Welt unsichtbar machen kann. Trotz Überwachungskameras, trotz permanenter Bilderproduktion, trotz Tracking. Zum Beispiel könnte man sich anmalen und – in Camouflagetechnik – mit seiner Umgebung verschmelzen. Oder man könnte sich in einen Pixel verwandeln. Ist das Satire oder eine ernstgemeinte Warnung vor den Folgen der digitalen Überwachung?

Anleitung zum Unsichtbarwerden

"Beides. 'How not to be seen' heißt auch, wie kann man sich in dieser verpixelten Welt als kleines Pixel wegducken oder will man gerade lieber sichtbar sein. Es geht um Unsichtbarkeiten und Sichtbarkeiten und das ist ein riesiges Thema, wenn man das auf gesellschaftliche Erscheinungen überträgt", sagt Doris Krystof, Kuratorin der Ausstellung in K21 in Düsseldorf, der ersten großen Übersichtsschau der deutsch-japanischen Künstlerin in Deutschland.

Hito Steyerl gilt als die Protagonistin, wenn es um die Auslotung der Rolle von Kunst und Medien, Simulation und Künstlicher Intelligenz geht. "How not to be seen" ist eines von vielen Werken, in denen sich Steyerl kritisch mit den Systemen der Überwachung, der Digitalisierung, des Datenkapitalismus beschäftigt.

20 Werke aus 20 Jahren

In der Ausstellung sind 20 Werke der letzten 20 Jahre zu sehen. Überall flackern Screens, wummert Musik oder wechseln sich virtuos schnell geschnittene Videobilder oder Schriftzüge ab.

"Man sieht, dass Hito Steyerl up to date ist, sie verwendet neue Technologien und kritisiert sie auch und stellt sie auf den Prüfstand, das ganze Feld wie Big Data, Herrschaft der Algorithmen, das ist ihr sehr bewusst", erklärt Doris Krystof. "Sie hat auch tolle Musiker mit denen sie arbeitet, das ist ein wichtiger Punkt und das macht diese Ausstellung auch laut. Je nachdem, welcher Film gerade welchen Sound hat, kommt es zu tollen Überlagerungen, was ein Ausdruck von etwas sehr Vitalem ist."

"Hell. Yeah. We. Fuck. Die." heißt die größte, raumfüllende Installationen in K21. Die fünf Worte "Hölle, ja, wir, verdammt, sterben" tauchten von 2010 bis 2015 am häufigsten in englischen Musik-Charts auf. In kühlen Neonbuchstaben leuchten sie wie Werbeslogans von Podesten. Zwischen den Paneelen hängen Monitore, auf denen Videos mit Computeranimationen von humanoiden Robertern laufen. Eines von ihnen heißt "Robots today", "Roboter heute".

"Und das spielt in der vom türkischen Militär zerstörten Stadt Diyarbakir, das ist die heimliche Hauptstadt der Kurden. Da ist die Altstadt komplett zerstört worden. Da gab es im 12. Jahrhundert einen Gelehrten und der hat die ersten Automaten und Spielfiguren entwickelt und das ist so der Konnex", sagt Doris Krystof.

"Social Sim" ist das neueste Werk von Hito Steyerl. Eine Collage aus nahezu allen Themen, die sie seit Beginn ihrer Laufbahn verfolgt: Verschwörungstheorien, Rechtsruck, Spekulation auf dem Kunstmarkt, Raubkunst, Philosophie, Überwachungsstaat. Mal verwendet sie computergenerierte, mal animierte Bilder oder auch Fundstücke aus dem Internet.

Thematisierung des politischen Rechtsrucks

Ein anderer Teil der Installation nimmt Bezug auf reale Ereignisse: Wie in einem Computerspiel tauchen plötzlich wild animierte Polizisten in blauen Uniformen auf. Ihr Erscheinungsbild und ihre Bewegung werden von realen Ereignissen gesteuert.

"Das wird gespeist durch die Zusammenarbeit mit einem NGO Forum, dcca in Berlin. Die geben bestimmte Parameter ein, zum Beispiel, wenn an einem Tag der Parameter "Todesdrohungen gehen von deutschen Polizeicomputern aus" erhöht vorkommt, dann feuert das Infektionsgeschehen an", erklärt die Kuratorin. "Also es geht darum, rechtes Gesinnungsgeschehen, das immer mehr wird, abzubilden. Wenn Trump gewinnen sollte, dann würden an dem Tag die Figürchen auseinanderplatzen oder krachen. Das wäre dann ganz schlimm."

Die Überblicksausstellung von Hito Steyerl in K21 präsentiert die wichtigsten Werke der Künstlerin. Sie startet mit frühen Einkanalprojektionen und Monitorarbeiten aus den 90ern und reicht bis hin zu aufwändigen multimedialen Installationen allerjüngsten Datums. In der Ausstellung gibt es viel zum Nachdenken – über die Widersprüche des rasanten Fortschritts und die Gegenwart als digitalem Kampfplatz.

Die Ausstellung "Hito Steyerl. I Will Survive" ist zu sehen im K21 der Kunstsammlung Nordrheinwestfalen vom 26.9.2020 — 10.1.2021. 

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