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Kompressor | Beitrag vom 22.07.2015

Ausstellung "Vom Verbergen"Die Geheimnisse des Puderdöschens

Von Rudolf Schmitz

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Puderdöschen, um 1925, Kunststoff mit Schildplattfärbung, Spiegel, Puderschwamm (Uwe Dettmar / Museum für Angewandte Kunst Frankfurt)
Puderdöschen, um 1925, Kunststoff mit Schildplattfärbung, Spiegel, Puderschwamm (Uwe Dettmar / Museum für Angewandte Kunst Frankfurt)

Wie sieht ein Polstersessel von innen aus? Was verbirgt sich eigentlich unter den aufgebauschten Rokokokleidern? Einen Blick auf Verborgenes und gut gehütete Geheimnisse ermöglicht jetzt die Ausstellung "Vom Verbergen" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst.

Was haben ein Paravent, ein Rokokokleid, ein Seidenvorhang, ein Pillendöschen, eine Handtasche und ein Polstersessel gemeinsam? Dass sie Objekte eines Museums für Angewandte Kunst sind. Und dass sie alle etwas verbergen: die Geheimnisse der Liebe, die Natürlichkeit der weiblichen Figur, die Mechanik der Bequemlichkeit.

Es können also Geschichten erzählt werden, von denen wir nichts wussten und die uns fern gerückte Gegenstände nahe bringen.

Wir blicken durch ein Guckloch, auch Spion genannt, in einen Kabinettraum und sehen einen Paravent in Eschenholz von 1715, mit roter und goldener Lackmalerei. Dazu hören wir die Geschichte des Wandschirms, wie er seit dem 17. Jahrhundert an europäischen Fürstenhöfen in Mode kam, in den Boudoirs der Damen...

"Im Boudoir empfängt sie ihre Liebhaber, schreibt sie ihre Briefe und Gedichte. Es ist aber auch der Ort des schmachtenden sehnsuchtsvollen Wartens auf den Geliebten. Somit wird der Paravent schließlich zum poetischen Synonym vom Verbergen geheimer Liebelei. Und Herausforderung für den voyeuristischen Blick des Betrachters."

Liebesbrief in der Jugendstiltasche

Und wenn neben dem Jugendstiltäschchen aus den Wiener Werkstätten ein Liebesbrief von Alma Mahler an Walter Gropius liegt, dann geht es auch darum zu zeigen, was das Aufblühen der Kunst in der Metropole der Psychoanalyse mit den Leidenschaften der Psyche zu tun hatte. Juliane Duft, Ko-Kuratorin der Ausstellung:

"Es geht auch immer um die Sphäre Intimität und Öffentlichkeit. Ein Liebesbrief in einer Jugendstiltasche, von Alma Mahler an Walter Gropius, was trägt man so unter dem Arm, also ganz nah bei sich. Und die Frage: Hat man heute noch Liebesbriefe, wo verstaut man sie heute? Also diese ganzen Gegenstände, wie Schränke, Truhen, Taschen bergen auch oft intime Geheimnisse".

Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst hat 30 Kollegen gebeten, einen Gegenstand der Sammlung auszuwählen und dazu eine Geschichte des Verbergens zu erzählen. Denn die Zeiten der Vitrinen- oder Dauerausstellungen sind vorbei, vor allem bei Gegenständen, die aus vergangenen Jahrhunderten stammen und deren Gebrauch kaum noch nachvollziehbar ist.

Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst war lange in der Krise. Sein jetziger Leiter Matthias Wagner K hat kreativ darauf reagiert.

"Und deshalb, glaube ich, ist es wichtig, dass man Ausstellungen oder Themen schafft, die die Dinge wieder zu uns in Verbindung bringen, die einen Kontext schaffen. Und einer dieser Kontexte ist eben das Thema vom Verbergen. Weil Verbergen natürlich auch genau das Gegenteil bewirkt, nämlich ein Enthüllen, ein Zeigen".

Wechselspiel von Enthüllen und Verbergen

Und dieses Wechselspiel von Enthüllen und Verbergen, das die Frankfurter Ausstellung inszeniert, ist amüsant und aufschlussreich. Wenn zum Beispiel nicht nur das prächtige Rokokokleid selbst gezeigt wird, sondern auch der Schnürleib, der Reifrock mit Stützgestell oder die halbrunden Taschen, die vor dem Ankleiden um die Hüfte gebunden wurden. Die Formen der weiblichen Figur werden in einer geheimen Rüstkammer ins Surreale gesteigert.

Oder ein aufgepolsterter Sessel kommt auf den Seziertisch. Plötzlich sieht man sein Innenleben, seine verborgene Anatomie: Die verschnürten Stahlfedern, die Gurtbespannung, die Woll- und Faserfüllung.

Ein vergoldetes Pillendöschen von 1920 wird zum Mittelpunkt einer Filmschau, denn ein Video zeigt die Posen der weiblichen Hysterie, wie sie Jean-Martin Charcot im Pariser Hospital vorzuführen pflegte.

Die Frau als Inbegriff des Nervenleidens und die Pillendose als Retter in der Not. Das ist eine Dramatisierung von Museumsobjekten, könnte man einwenden. Doch Faszination zu wecken sollte einem Museum schließlich erlaubt sein, meint O-Ton Matthias Wagner K:

"Wir merken, dass es mehr und mehr Menschen interessiert und wir gute Zahlen haben und inzwischen auch ein deutlich jüngeres Publikum, ganz unterschiedliche Bevölkerungsschichten ansprechen, und das Haus wieder lebendig ist und mit ihm auch die Objekte, die es beinhaltet, verlebendigt werden dadurch."

Jedes Objekt hat sein Geheimnis. Das ist die Arbeitshypothese dieser originellen Schau im Frankfurter Museum Angewandte Kunst. Kein schlechter Ansatz für ein Museum, das die Blicke auf sich lenken will.

Info: Die Ausstellung "Vom Verbergen" ist vom 23.Juli 2015 bis zum 6.März 2016 im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zu sehen.

Fazit

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