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Fazit | Beitrag vom 07.07.2020

Ausstellung "Und jetzt Du" in der Kunsthalle BremenAktenordner mit Teddybär statt Schaf mit Papyrusrolle

Von Anette Schneider

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Ein Fotomontage zeigt das Bild "Schlafender Knabe" von Caspar David Friedrich und eine fotografische Nachstellung des Motivs. (Sabine Baumgartner)
Caspar David Friedrichs "Schlafender Knabe" und die Nachstellung von Sabine Baumgartner - zu sehen in der Ausstellung "Und jetzt Du!" in der Kunsthalle Bremen. (Sabine Baumgartner)

Während des Lockdowns kamen Museen auf die Idee, ihr Publikum aufzufordern, Bilder aus den Sammlungen nachzustellen und als Fotos einzuschicken. Jetzt sind diese in Bremen zu sehen.

"Wir haben jetzt thematische Gruppen gebildet. Das sind zwei christliche Darstellungen und tatsächlich die einzigen christlichen Darstellungen!" Jasmin Mickein kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Die Leiterin der Presseabteilung, die das Projekt Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne zusammen mit der Abteilung für Bildung und Vermittlung während des Lockdowns organisierte, steht vor der Nachstellung von Rubens' Bild "Christus erscheint Maria Magdalena am Ostermorgen", das unter Zuhilfenahme einiger wehender Bettlaken auf einer Wiese entstand.

Der Aufruf stieß auf breite Zustimmung

"Das hier, finde ich, ist einfach der Knaller! Dass die Bäume aus Versehen an der gleichen Stelle stehen, und dass das Feld hier genau hinpasst. Und dass das aber von zwei Frauen nachgestellt ist!"

Direkt daneben das Foto eines jungen Mannes mit wallendem Bart, der nackte Körper notdürftig bedeckt von einem Tuch. "Dürer. Also 'Johannes der Täufer'. Mit einem Aktenordner und einem Teddybär statt einem Schaf und einer Papyrusrolle."

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Dem Aufruf der Kunsthalle in den sozialen Medien und der örtlichen Presse folgten über hundert Menschen aus ganz Deutschland. Jedes Alter und Geschlecht, sogar ganze Familien sind dabei, und viele schickten gleich mehrere Bild-Nachstellungen.

77 leider nur kleinformatige Beispiele hängen jetzt in einem etwas abseits gelegenen Gang, dazu Infotafeln mit den Abbildungen der Originalkunstwerke, und wo sie sich in der Sammlung befinden. Der Grund für das große Interesse läge wohl daran, dass es sich bei der Idee um ein internationales Phänomen handle, meint Jasmin Mickein:

"Andererseits haben wir einfach festgestellt, dass sich die Menschen in Zeiten des Lockdowns nach Kunst sehnen, und auch nach Aktivitäten zu Hause und nach kreativen Möglichkeiten, die Kunst nach Hause zu bringen. Und ein anderer Punkt ist sicherlich, dass es unglaublich einfach ist, das nachzustellen, weil man nicht ein Studio braucht oder keine besonderen Requisiten und dass Familien das zu Hause mit ihren Kindern ganz einfach nachstellen können."

Der eigene Zugriff zählt - nicht die genau Kopie

Dabei reizt weniger das genaue Kopieren, als der eigene Zugriff. Eduard Manets berühmte "Dame im grünen Kleid", eines der Glanzstücke der Bremer Kunsthalle, taucht hier als ausstaffierte kleine Puppe auf. Eine Fischfrau an ihrem Marktstand wird verwandelt in eine Playmobil-Szene. Sogar eine abstrakte Arbeit des Computerkünstlers Georg Nees wurde ausgewählt.

"Das ist eine Struktur, die von dem Künstler dargestellt ist, die zerfällt, also Quadrate, die zerfallen. Und das ist nachgestellt mit Zuckerstücken, die auseinanderbröseln. Man erkennt sofort, welches Werk gemeint ist - obwohl es mit ganz anderen Mitteln dargestellt ist!"

Ob Skulpturen, Installationen oder Gemälde, ob Stillleben von Paul Cezanne und Paula Modersohn-Becker, Porträts der alten Holländer, Männer, Frauen- und Kinderbildnisse von Toulouse-Lautrec, Eva Gonzalès, Max Beckmann oder Cindy Sherman - beim Stöbern im Onlinekatalog scheint jeder etwas für sich gefunden zu haben.

Das Gemälde "Katze in einem Kinderarm" von Paula Modersohn-Becker und eine Nachstellung von Diana Spanier. (Lars Lohrisch)"Katze in einem Kinderarm" von Paula Modersohn-Becker und eine Nachstellung von Diana Spanier. (Lars Lohrisch)

Der Hobby-Fotograf Oliver Ahlbrecht, der in den sozialen Medien auf das Projekt stieß, wählte eine skizzenhafte Zeichnung:

"Natürlich lässt es mir als Fotograf an der Stelle sehr viel Freiheit. Wenn man sich die Vorlage anguckt, die sich entkleidende Frau - das sind ja wirklich nur ein paar Striche. Als Fotograf gucke ich ja eher so: Wie ist jetzt die Lichtsetzung? Wo ist vielleicht eine Schärfe, wo ist eine Linienführung, wie muss ich das Model wohin stellen? Aber gerade bei dieser Strichzeichnung ist es so, dass ich das gar nicht sehen kann!"

Ahlbrecht entschied sich dafür, seine melancholische Schöne, die den Betrachter direkt anblickt, vor kahler Wand in einem großen leeren Raum zu inszenieren.

Aus Sonnenschirmen werden Würstchen

Immer wieder gibt es auch Hinweise auf die aktuelle Situation: Anselm Feuerbachs Bild eines Mandolinenspielers mit junger Frau und Kind in arkadischer Landschaft wird in Zeiten von Corona in einer engen Küche nachgestellt, in der sich eine fünfköpfige Familie mit Masken um einen Tisch drängt.

Jasmin Mickein: "Es ist ganz witzig, weil viele von den Nachstellungen zeitgenössische Elemente rein tun, also das Werk quasi zeitgenössisch uminterpretieren, ob das Feuerbach ist mit Coronamaske, oder auch Manet mit Maske - dass kleine Elemente eingebaut sind, die darauf verweisen, dass es um 2020 geht."

Ob initiiert von Schulen, Museen oder Privatmenschen auf Instagram: das Nachstellen von Bildern boomt. Respektlos-komisch, abgründig-ironisch oder sehr, sehr witzig scheint es, als würde in der Ausnahmesituation des Lockdowns die Phantasie freigesetzt, die uns im stressigen Alltag vor lauter Arbeitsdruck oft verloren geht.

Oder handelt es sich einfach um die Rache für endlos langweilige Museumssonntage in der Kindheit?

So oder so: Für den Besucher ist das eine ziemlich kurzweilige Angelegenheit. Denn auf die Idee, fünf zusammengeklappte Sonnenschirme auf einem Bild von Norbert Schwontkowski in fünf aufgespießte Würstchen mit Mayo-Haube zu verwandeln, muss man erst einmal kommen!

Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne nachgestellt
Kunsthalle Bremen
8. Juli - 6. September 2020

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