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Fazit | Beitrag vom 24.08.2019

Ausstellung über Mode aus AfrikaBlack Fashion - Innovativ und selbstbewusst

Von Annette Schneider

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Eine schwarze Frau trägt dunkle und auffällige Designer-Kleidung mit einem Kopftuch, das nur eine Seite ihres Kopfes bedeckt. (© ODH Photography)
Ein Model trägt die Kreation TPS Black D (2019) von Lamula Anderson - zu sehen in der Ausstellung "Connecting Afro Future" in Berlin. (© ODH Photography)

Das Berliner Kunstgewerbemuseum zeigt erstmals in einer Ausstellung mit Designern aus dem Senegal und Uganda, dass spannende Mode nicht nur aus Europa kommen kann. Dabei wird auch mit etlichen kolonialen, westlichen Klischees aufgeräumt.

Von der Decke hängen mehrere elegante, schwarze Kleider. Die schulterfreien, weich fließenden Stoffe enden mal in transparenten, meterlangen Schleppen, mal sind sie durchwebt mit schwarzem Kunsthaar. Nur ein paar Schritte weiter: eine schwere Motorradjacke. Auf der Brust ein eingelassener farbiger Streifen, der an traditionelle Weberei erinnert. Die Jacke besteht aus recycelten Autoreifen und bunten Flip Flops.

Westliche Überheblichkeit gegenüber Mode aus Afrika

Schon angesichts dieser beiden ungewöhnlichen Ideen fragt man sich irritiert, wieso Black Fashion bei uns kaum bekannt ist. Die trockene Antwort von Kuratorin Claudia Banz: Westliche Überheblichkeit. Nach dem Motto:

"'Das sind die anderen! Die sind nicht so wie wir und die haben auch jetzt in unserem Fall nicht so ein Design wie wir.' Wir laden da im Gegenteil unseren ganzen Schrott ab. Wir laden unsere ganze abgelegte Mode da ab. Das ist ja ein weltweiter negativer Zyklus, in dem die Länder des globalen Südens überhaupt keine Chance haben, jetzt auch in Mode, in Design zu zeigen: 'Hallo! Wir haben unsere eigene Tradition. Wir haben natürlich unsere eigene Produktion!'"

Besinnung auf eigene Traditionen

Das Projekt stellt jetzt acht Designerinnen und Designer vor. Sie entwerfen Haute Couture und Alltagsmode, und verstehen ihre Arbeit alle auch politisch: Sie brechen mit westlichen Schönheits- und Mode-Idealen, greifen eigene, durch die Kolonialherren unterdrückte, Traditionen und Formen auf, entwerfen z.B. Gewänder nach mythischen Figuren, die sie mit punkigen Metallnieten versetzen.

Ein männliches Model präsentiert in einer etwas heruntergekommenen Lagerhalle zwischen Säcken unbekannten Inhalts eine bunte Jacke mit überlangen Ärmeln von der Designerin Njola Impressions. (© PapaShotit)Jacket (2019) von Njola Impressions. Die Designern verwendet recycelte Materialien und gibt Workshops für Slumbewohner in Kampala. (© PapaShotit)

Sie nutzen dafür organische Materialien. Oder, wie Njola aus Kampala, Recyceltes, dessen Verarbeitung sie in Workshops den Slumbewohnern vermittelt, in deren Nähe sie aufgewachsen ist. Und natürlich sind alle Labels im Internet präsent, untereinander vernetzt und treffen sich nicht nur auf der Dakar Fashion Week.

Claudia Banz: "Es gibt Fashion-Weeks in Nigeria. Es gibt Fashion-Weeks in Südafrika. Es gibt Fashion-Weeks in Uganda. Es gibt Fashion-Weeks in verschiedenen Nordafrikanischen Staaten. Das wird hier gar nicht so rezipiert." 

Möglichkeiten nachhaltiger Produktion

José Hendos Hauptfarbe ist ein sattes Orange-Rot, das an die Erde im tropischen Regenwald erinnert. Ihre weitschwingenden Roben, die raffiniert gefalteten, transparenten Oberteile oder die Hüte mit wehender Schleppe bestehen alle aus einem Material - Baumrinde!

Angesichts der extrem umweltschädlichen Textilindustrie suchte die in London lebende Designern nach Möglichkeiten nachhaltig zu produzieren. Sie fand sie in ihrer Heimat Uganda, wo seit Jahrhunderten die jährlich nachwachsende Rinde eines Baumes für so ziemlich alles genutzt wird, was man braucht.

Ein schwarz-rotes Kleid ist inmitten einer Waldlichtung auf einen Kleiderständer drapiert. (© Terimelda Hendo)Signs of the Now (2019) von José Hendo. Die ugandische Designerin verwendet für ihre Mode die jährlich nachwachsende Rinde eines ugandischen Baums. (© Terimelda Hendo)

Diese Tradition, bei der Männer die Rinde stundenlang mit einem Holzhammer behauen müssen, gilt heute als Weltkulturerbe. José Hendo: "Als schwarze Designerin im Westen wurde ich lange Zeit ignoriert. Dann entdeckte ich die Geschichte von Barck Cloth, dem Rindentuch. Das ist meine Passion. Wir haben etwas zu sagen! Und weil ich in meiner Arbeit die Idee der Nachhaltigkeit mit dieser uralten Tradition und meiner Heimat verband, gibt das meiner Arbeit ein Fundament. Einen Lebenssinn."

José Hendo wirbt für das Material an Universitäten, auf internationalen Kongressen und Modenschauen. In Uganda gründete sie eine soziale Stiftung, die mittlerweile über eine Million der Bäume anpflanzte.

Koloniale Denkmuster weiterhin verbreitet

Wie Kuratorin Claudia Banz versteht auch sie die Ausstellung als Möglichkeit, den Westen aufzuklären über die selbstbewusste, engagierte, innovative Modeszene Senegals und Ugandas: "Wir wollen nicht, dass die Leute denken, Black Fashion sei einfach bunte Kleidung! Nein! Es gibt in ihr eine Tiefe. Und es ist wichtig, dass diese gedankliche Tiefe nicht überhört und nicht vergessen wird", sagt Hendo.

Die Ausstellung stellt auch die alten, eurozentristischen Hierarchien bürgerlicher Museen in Frage. Als Claudia Banz das Projekt vorschlug, fragten einige Kollegen, ob afrikanische Kleidung nicht eher in ein Ethnologisches Museum gehöre.

Banz: "Da war ich dann auch schon ziemlich irritiert. Weil: Mode ist für mich Mode. Aber da manifestieren sich auch noch die ganzen kolonialen Denkmuster, auch gerade was Museen anbetrifft: 'Welches Museum sammelt was? Welche Exponate kommen in welches Haus?'. Und da merkt man dann auch sehr schnell wieder einmal mit großem Entsetzen: Wir stecken da wirklich noch mitten im 19. Jahrhundert!"

Connecting Afro Futures. Fashion x Hair x Design
Kunstgewerbemuseum Berlin
24.08.2019 bis 01.12.2019

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