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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.06.2017

Ausstellung über die SeefahrtAls die Globalisierung ihren Anfang nahm

Von Jürgen König

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(picture alliance/dpa/Sylvestre)
Das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MUCEM) in Marseille. Es zeigt noch bis Oktober eine Ausstellung über die Geschichte der Seefahrt. (picture alliance/dpa/Sylvestre)

Das MUCEM in Marseille zeigt die Ausstellung „Abenteurer der Meere, 7. – 17. Jahrhundert“. Das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers präsentiert bislang unbekannte Facetten der faszinierenden Welt der Seefahrer. So gab es in Europa schon vor 700 Jahren eine Massenware, und zwar: "Made in China".

Als erstes schaut der Besucher einem Haifisch ins aufgerissene Maul, mehrere Zahnreihen, über einen Meter weit stehen die Kiefer auseinander. Gleich daneben türmen sich auf großer Leinwand haushohe Wellenberge auf, das stürmische Meer - ein Schreckensort. Mit welchen Empfindungen die Küstenbewohner und erst recht die Seefahrer im 7. Jahrhundert das Meer wahrgenommen haben, wissen wir nicht wirklich - die  Ausstellung  zeigt auch aus den nachfolgenden Jahrhunderten geradezu furchteinflössende Darstellungen von Seemonstern und – ungeheuern aller Art.

Alles begann lange vor Columbus

Dass aber die Geschichte der maritimen Großabenteuer und mit ihnen  das Zeitalter der Entdeckungen schon weit vor Kolumbus begann, wissen wir sehr wohl, wenn auch dieses Wissen nicht sehr verbreitet ist. 1498 kam Vasco da Gama als erster Europäer auf dem direkten Seeweg nach Indien, so steht es in den Geschichtsbüchern.  Dabei bestanden die Verbindungen zwischen den Anrainern des  Mittelmeers und des Indischen Ozeans schon Jahrhunderte zuvor. Kurator Vincent Giovannoni:

"Es geht uns nicht um die Darstellung einer tausendjährigen Geschichte. Es geht uns darum, daran zu erinnern, dass  - zum Beispiel - die arabischen Zivilisationen weit mehr als nur Wüstenbewohner und Händler waren. Nein, sie haben der Menschheit sehr viel Wissen geschenkt, besaßen etwa schon im frühen Mittelalter herausragende seemännische Kenntnisse und Fähigkeiten. Wir wollen zeigen, in welchem Ausmaß die unterschiedlichsten Völker und Gemeinschaften, Muslime, Juden, Christen, schon sehr früh intensiven Handel betrieben und sich dabei enorm beeinflusst haben, von Rezepturen für die Küche bis zu Fragen der Spiritualität. Und das sind Elemente einer Geschichte, die man heute, da manche schon den Krieg der Zivilisationen aufkommen sehen, auf gar keinen Fall aus dem Blick verlieren darf."

Diese "Elemente einer Geschichte" macht die Ausstellung mit einer enormen Fülle von Dokumenten und Objekten anschaulich. Arabische See- und Weltkarten, Schiffs-Miniaturen mit Kalligraphien von 1237; ein Himmelsglobus, 1285 vom Astronom Umar al Jaghum gebaut. Aus dem Jahr 1383 sind astronomischen Tabellen zu sehen, nach denen arabische Seefahrer navigierten. Zuerst waren sie auf Sicht gefahren: die Küsten entlang.  Dabei dokumentierten sie , was sie erlebten, machten Aufzeichnungen zu Hafeneinfahrten, Untiefen und Riffen.

Glas aus Massenproduktionen

Von ihren Booten gibt es Modelle, Filme und Videos zeigen, wie sie gesegelt wurden und werden, etwa die Dau, ein seetüchtiges Boot mit einem Mast und trapezförmigen Segeln. Im Persischen Golf und vor den Küsten Ostafrikas wird es noch heute benutzt. Handelsware aus jenen Jahrhunderten haben die Kuratoren aus der ganzen Welt zusammengetragen: Vasen, Schüsseln, Teller,  Metall oder Keramik, dazu Schmuck und Edelsteine sowie: Glas in allen nur denkbaren Formen - als chinesische Massenproduktion des 14. Jahrhunderts.

Der Gewürzhandel war schon eine Art  Weltmarkt, den sich im  Indischen Ozean zunehmend arabische Völker, das Osmanische Reich und die Republik Venedig streitig machten. Kuratorin Agnès Carayon:

"Es gibt eine Tendenz zu glauben, dass es eine globalisierte, eine vernetzte Welt erst seit relativ kurzer Zeit gibt.  Und wir wollen zeigen: nein, das ist eine außerordentlich alte Geschichte, und die Welt, wie wir sie heute kennen, ist das Ergebnis davon. Das ist in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt, aber es ist so: Schon in der Antike, erst recht im Mittelalter war die Welt vernetzt, das Königreich Frankreich unterhielt Verbindungen zu Indien! Und bei diesem Austausch, bei diesen Entdeckungen spielte immer das Meer die zentrale Rolle, war viel wichtiger als die Verbindungen über Land es waren."

Und immer bedeutete der Handel auch Austausch, Weiterentwicklung.

"Wir nennen es  "verbundene Geschichte" – damit meinen wir, dass die Königreiche, die verschiedenen Kulturen nie völlig isoliert voneinander existiert haben. Sie haben sich immer durch die Begegnungen mit anderen Kulturen weiterentwickelt. Alle Länder, alle Zivilisationen machten die entscheidenden Schritte in die Zukunft durch Anstöße von außen - und durch die Früchte, die ihre Verbindungen untereinander hervorgebracht haben."

Eines brachten die arabischen, türkischen, venezianischen, chinesischen Seefahrer des Mittelalters indes nicht hervor: große Entdeckerpersönlichkeiten. Vielleicht stehen ihre Leistungen auch deshalb im Schatten von Kapitänen wie Kolumbus, da Gama, Magellan. Dieses Bild zu korrigieren, lädt die Ausstellung in Marseille aufs Schönste ein – und ist auch in ihrem Online-Auftritt noch ein Erlebnis. Wenn auch leider nur auf Französisch und Englisch. 

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