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Fazit | Beitrag vom 25.06.2020

Ausstellung über die MondlandungWeltweit vor dem TV-Gerät vereint

Von Ludger Fittkau

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Die Familie sitzt im Schlafanzug vor dem Bildschirm, beobachtet die Mondlandung von Apollo 11. Das Bild ist schwarz-weiß. (Museum für Kommunikaton Frankfurt, Wilhelm Bauer)
"Raumschiff Wohnzimmer" in Nürnberg: Apollo 11 auf dem Mond am 21.07.1969. (Museum für Kommunikaton Frankfurt, Wilhelm Bauer)

Der Mond fasziniert. Die Mondlandung lockte hunderte Millionen Menschen weltweit vor den Fernseher. Das Wechselspiel von Raumfahrt und Massenmedien zeigt das Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main nun in einer neuen Ausstellung.

Der erste Eindruck: Man betritt eine abgedunkelte, etwas altertümliche Spielhalle. Überall im Raum verteilt stehen kleine, von innen beleuchtete Kästen, sind es Münzspielautomaten? In der Mitte des Raumes: eine Art Lostrommel, mit einer Kurbel an der Seite. Doch es geht hier nicht um Glücksspiel.

Wer die Kurbel bewegt, bringt auf einer Mattscheibe auf der Vorderseite des Kastens sehr unterschiedliche Fotos zur ersten Mondlandung zum Vorschein. Ob in Japan oder auf Madagaskar, ob vor den Schaufenstern von TV-Geschäften oder in Privaträumen: Überall versammelten sich in der in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 Menschen, um dem amerikanischen Astronauten Neil Armstrong live im Fernsehen dabei zuzuschauen, wie er als erster Mensch den Mond betrat.

Rekonstruktion eines der größten Medienereignisse

Es sollen rund 600 Millionen Menschen gewesen sein, die rund um den Globus vor den Bildschirmen saßen. Eines der größten Medienereignisse der Geschichte, das die Gestalterin Franziska Isensee und Kurator Rainer Bobon in rund 20 Holzkästen rekonstruieren, die eben keine Spielgeräte sind, sondern Vitrinen mit oftmals wunderlichen Objekten oder Szenen. In der Lostrommel ist ein Kreis von CSU-Politikern zu sehen, der ein Studio in der Nähe von München für die christdemokratische Mondlandungs-Party angemietet hatte.

Ausstellungskurator Rainer Bobon beschreibt: "Wenn man weiterdreht, kommt jeweils ein neues Bild, eine Familie in Japan zum Beispiel. Es geht uns darum, einerseits die globale Verbreitung zu zeigen, wie das in den unterschiedlichen Ländern gezeigt wurde. Und dann die Grade der Öffentlichkeit: Einerseits das Wohnzimmer, das ja auch titelgebend ist, andererseits die öffentlichen Plätze, wo man das verfolgen konnte."

Etwa in frühen "Public Viewings" im New Yorker Central Park, in London oder in Zagreb. "Oder auch auf Sansibar, das ist auch dokumentiert", ergänzt Bobon.

Ein Mann in rotem Hemd und mit Brille steht vor dem Schriftzug "Raumschiff Wohnzimmer" (Ludger Fittkau)Fasziniert von der globalen Verbreitung eines einzigen Ereignisses: der Kurator der Ausstellung "Raumschiff Wohnzimmer" Rainer Bobon. (Ludger Fittkau)

Eine pfiffige Installation der Ausstellungsgestalterin Franziska Isensee ist dem Thema "Verschwörungstheorien" im Kontext der ersten Mondlandung gewidmet. Wenn die Corona bedingte Handdesinfektion gewährleistet ist, kann man auf einem Stück Mondoberfläche mit Holzschiebern, die man aus dem Mondgestein ziehen kann, die Argumente an die Mondoberfläche befördern. Argumente nämlich, die der hartnäckigen Erzählung entgegengesetzt werden können, die Mondlandung habe nie stattgefunden, sondern gehöre in die Kategorie "Fake News".

"Fake News" aus dem Weltraum

Ausstellungskurator Rainer Bobon glaubt, dass die Verschwörungstheorien auch viel damit zu tun hatten, dass Medien bei der ersten Mondlandung das Ereignis oft mit Bildern von Astronautentrainings auf der Erde bebildert haben. Einfach deswegen, weil zum Beispiel Live-Bilder vom Landeanflug auf den Mond 1969 noch nicht möglich waren.

Bobon erklärt: "Man hat es auch mit ganz viel simulierten Bildern im Vorfeld zu tun gehabt. Und das waren auch die Bilder der Proben, die Tests der Astronauten im Umlauf, wie sie da Gesteine aufpicken oder wie sie den Ausstieg probten. Viele dieser Bilder waren dann auch die Bilder, mit denen die Zeitungen aufgemacht haben, nachdem die Mondlandung gelungen war. Die Bilder vom Mond, die Dias, die mussten ja erst mal zurückkommen, die hatte man erstmal nicht."

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"Fake News" aus dem Weltraum - die haben jedoch eine lange Geschichte, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Es ist eine Stärke der Ausstellung in Frankfurt am Main, dass die Mondlandung von 1969 in eine lange Vorgeschichte der Mond- und Weltraumbegeisterung der Menschheit eingebettet wird. Ein Guckkasten widmet sich beispielsweise einer frei erfundenen Geschichte über Lebewesen auf dem Mond aus dem Jahr 1835: Genannt wurde sie "Great Moon Hoax", der große Mond-Schwindel.

Ausstellungskurator Bobon meint, "da fabriziert eine New Yorker Boulevard-Zeitung einen vermeintlich wissenschaftlichen Bericht des Astronomen Sir John Herschel, der – so dieser Bericht – Lebewesen auf dem Mond entdeckt habe. Allerlei insektenartige, Fledermaus-artige. Ganz bunt. Da erscheinen auch Illustrationen dazu. Und es dauert viele, viele Wochen, bis das aus der Welt geschafft ist."

Raketen und Geschwindigkeitsrausch

Die letzten Sekunden, bevor das Raumschiff in Fritz Langs Stummfilm "Die Frau im Mond" auf der Mondoberfläche aufsetzt. Der 1928 und 1929 entstandene Science-Fiction-Film gehört zum regelrechten "Raketenrummel", den es in der Weimarer Republik gab – auch das gehört für Kurator Rainer Bobon zur Vorgeschichte der Raumfahrtbegeisterung der 50er und 60er Jahre:

"Ein Stück weit war die Rakete auch losgelöst von der Weltraumforschung. Opel hatte – zu Werbezwecken, würde ich sagen – die Raketenautos gehabt. Dann gab es auch die Idee, alle möglichen Fahrzeuge mit Raketen anzutreiben, bis hin zum Fahrrad. Es ist so ein Geschwindigkeitsrausch, diese Beschleunigung."

Die Frankfurter Ausstellung gibt mit einem überzeugenden Design der insgesamt sechs inhaltlichen Stationen einen großartigen Einblick in einige Jahrhunderte Weltraum- und Mondbegeisterung der Menschheit. Auch wenn wegen der Pandemie nicht alle Ausstellungselemente ohne Bedenken haptisch erfahrbar sind: Die historische Symbiose von Raumfahrt und Massenmedien vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird sehr sinnlich vermittelt. Besuch: unbedingt empfehlenswert.

Die Ausstellung "Raumschiff Wohnzimmer. Die Mondlandung als Medienereignis" im Museum für Kommunikation Frankfurt a.M. läuft vom 26. Juni bis 10. Januar 2021.

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