Fazit / Archiv 23.09.2017

Ausstellung über den SchlafVom subversiven Potenzial des SchlummernsVon Anette Schneider

Ein Mann schaut sich in Bremen im Paula Modersohn-Becker Museum das Bild "Reclining Nude" aus dem Jahr 1952 von William Copley an. Das Bild hängt in der Ausstellung "Schlaf - Eine produktive Zeitverschwendung" (dpa / Carmen Jaspersen)Ein Mann schaut sich in Bremen im Paula Modersohn-Becker Museum das Bild "Reclining Nude" aus dem Jahr 1952 von William Copley an. Das Bild hängt in der Ausstellung "Schlaf - Eine produktive Zeitverschwendung" (dpa / Carmen Jaspersen)

Der Schlaf ist ein uraltes Thema, sowohl in der Philosophie als auch in der Kunst. Die Bremer Museen Böttcherstraße widmen ihm nun eine Ausstellung - und die überrascht.

Hemmungslos reißen die Männer und Frauen ihre Mäuler auf - und gähnen!

Die Radierung "Siesta!" von Max Beckmann entstand 1918. Jetzt hängt sie in der Ausstellung, die auf drei Stockwerken und in fünf Kapiteln unterschiedliche Facetten des Schlafs vorführt. Zum Gähnen wird einem dabei nie!

So widmet sich ein ganzer Saal dem erotischen Schlaf. Schon in der Antike diente die Darstellung schlafender Götter und Göttinnen der Befriedigung sinnlicher Gelüste. Nun räkeln sich auf Gemälden und Fotos nackte Männer und Frauen. Stephan Balkenhol fräste aus einem gewaltigen Baumstamm einen überlebensgroßen, breitbeinig dahockenden Satyr. Und Felix Vallotton malte 1914 eine hellhäutige Schöne in der lasziven, langgestreckten Haltung der schlafenden Venus.

Kurator Frank Schmidt: "Sie ist eigentlich vom Künstler drapiert worden um angesehen zu werden. Um betrachtet zu werden. Es geht wirklich darum, den schlafenden Körper einer Frau möglichst gut zu präsentieren. Sie dem Betrachter zu präsentieren. Da ist man wirklich der Voyeur."

Schlummernde Kinder und eingenickte Schwestern

Dabei beginnt die Ausstellung ganz harmlos mit Genreszenen: Adolph Menzel skizziert seine über einer Näharbeit eingenickte Schwester, Paula Modersohn-Becker zeichnet ihren entspannt schlafenden Mann, andere Künstler malen ihre schlummernden Kinder. Der private Schlaf als Inbegriff von Beschütztheit und Geborgenheit.

Schon im nächsten Raum bekommt die friedliche Welt Risse: 1933 fotografierte Henri Cartier Bresson einen eingenickten Obsthändler. Ein anderes Bild zeigt erschöpft in sich zusammengesunkene, schlafende Arbeiter in einer S-Bahn. Plötzlich wird einem bewusst: Schichtarbeit, Nachtarbeit, drei Jobs, um über die Runden zu kommen: Ausreichenden Schlaf muss man sich leisten können!

"Es ist eben auch so, dass unser heutiger Arbeitsalltag durchgetaktet ist: Früher sind die Menschen, wenn es Abends dunkel wurde, ins Bett gegangen und morgens, wenn der Hahn krähte, wieder aufgestanden. Dann kam die Industrialisierung, dann hat man Schichtarbeit gehabt, Arbeitszeiten gehabt, die Uhr, die einem den Schlaf vorgibt sozusagen - und das geht heute bis dahin, dass es Programme gibt, Apps gibt, die einem sagt, wann es am günstigsten ist zu schlafen, wann man seine Tiefschlafphase bekommt, um dann möglichst wenig zu schlafen."

"Immer müder" nennt Jochen Kuhn seinen kleinen Zeichentrickfilm, der anrührend-komisch die Folgen ständig zunehmender Arbeitsbelastung schildert: Da wankt ein Mann völlig erschöpft eine Straße entlang, besucht einen Empfang, hockt in einer Kneipe - um überall binnen Kurzem in sich zusammenzusacken und einzuschlafen!

Überraschend viele Künstler nutzen das Thema politisch und entwickeln düstere, bedrohliche Szenarien.

Schlafen gegen die Unterdrückung der Frau

Auf Ricarda Roggans großformatiger, fast schwarzer Fotografie etwa versperren Containerwände und Metallmauern den Blick nach außen und lenken ihn auf ein Matratzenlager im Vordergrund, das offensichtlich gerade verlassen wurde. Sofort denkt man an die nächtlichen Gefahren, denen Obdachlose ausgesetzt sind oder Flüchtlinge.

Und in Marc Wallingers Videofilm "Sleeper" läuft ein Mann im Bärenkostüm rastlos durch die leergeräumte nächtliche Nationalgalerie in Berlin - als lauere er gierig auf seinen nächsten Überwachungseinsatz.

Frank Schmidt: "Eigentlich ist ja die Vorstellung von Schlaf: Das findet in den eigenen vier Wänden statt oder in einem privaten Umfeld, man ist privat für sich, man ist geschützt. Und da setzt man sich der Umgebung aus und da kommt dieser gefährliche Aspekt mit hinein."

In seiner berühmten Radierung "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" nutzte Goya das Motiv für Kritik an Inquisition und Anti-Aufklärung. Die feministische Künstlerin Ulrike Rosenbach treibt diese Lesart 1977 weiter - bis zur Gegenwehr, zur Befreiung: In ihrem Video "10.000 Jahre habe ich geschlafen" wird sie aus dem Schlaf erwachen und sich gegen die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau wehren.

So schlägt die geschickt inszenierte Ausstellung einen beeindruckenden und Bogen vom süßen, geschützten Schlummer bis hin zum Schlaf als gesellschaftliche Größe, der bedroht wird durch verheerende Arbeitsbedingungen, Obdachlosigkeit oder Überwachung. Und indem sie all dies zeigt, gemahnt sie an das produktive, manchmal sogar subversive Potenzial des Schlafs: Denn ohne ihn hätten die Künstler und Künstlerinnen ihre Werke nicht schaffen können - selbst wenn ihnen die Umsetzung so manche schlaflose Nacht bereitet haben mag...

Die Ausstellung "Schlaf - Eine produktive Zeitverschwendung" ist vom 24. September 2017 bis zum 4. Februar 2018 in den Museen Böttcherstraße in Bremen zu sehen. 

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