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Interview | Beitrag vom 15.11.2019

Ausstellung rund um den RingSymbol für Unterdrückung, Macht, Liebe und Unendlichkeit

Alfred Reichenberger im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Das Foto zeigt einen britischen Priester, der den Ring von Papst Benedikt XVI. küsst. (dpa / picture alliance / empics / PA Wire / Luke MacGregor)
Insignie der Macht: Ein Priester küsst den Ring von Papst Benedikt XVI. (dpa / picture alliance / empics / PA Wire / Luke MacGregor)

Eine neue Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle beschäftigt sich mit Ringen, die je nach Zeit, Kultur und Träger sehr unterschiedliche Bedeutungen haben können. Tolkiens Ring darf natürlich nicht fehlen.

Stephan Karkowsky: "Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden im Lande Mordor, wo die Schatten drohen." So endet Tolkiens berühmtes Ringgedicht aus "Herr der Ringe", und ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit dem echten Herrn der Ringe reden werde, mit Doktor Alfred Reichenberger. Er leitet die Sonderausstellung "Ringe der Macht" im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Darf ich vermuten, dass auch die Ringe des Sauron zu sehen sind aus der Tolkien-Saga?

Reichenberger: Es gibt eine Replik des Rings, des einen Rings von Sauron, denn Tolkien hat natürlich nicht aus dem Nichts geschöpft, sondern er hat Vorbilder gehabt, er kannte die Vorbilder, er war ein hochgebildeter Mann, Mediävist, und selbstverständlich gehen wir diesen Spuren auch nach.

Ringe zeigen Macht und Status des Trägers an

Karkowsky: Ein Ring dürfte für die meisten unserer Hörer und Hörerinnen vor allem Schmuck bedeuten. Nun trägt Ihre Ausstellung aber den Titel "Ringe der Macht". Was macht denn ein solches Schmuckstück zu einem Ring der Macht?

Reichenberger: Ringe waren sicherlich immer Schmuck und sind es auch heute, aber sie sind zu allen Zeiten - ab einer gewissen Zeit kann man das nachweisen, nämlich ab dem Ende des Neolithikums, zu Beginn der frühen Bronzezeit - etwa um 2.200 vor Christus werden sie Machtinsignien. Ringe zeigen die Macht, den Status des Trägers an, und sie vermitteln auch Macht, sie werden als Machtringe angesehen. Das hängt vom Material ab, das hängt aber auch vom Aussehen ab.

Karkowsky: Also einer, der es sich leisten kann, ist der Papst, der trägt einen Fischerring als Amtsring. Das machen die Päpste schon seit dem 14. Jahrhundert. Wie sieht der eigentlich aus? Ist das immer der gleiche?

Reichenberger: Es ist nicht immer der gleiche. Der Fischerring des Papstes ist wahrscheinlich die bekannteste Insignie der jetzigen Zeit als Amtsring.

Die Bezeichnung bezieht sich auf das Motiv der Siegelplatte. Dort sieht man Petrus, den ersten Papst, als Fischer, und anders als die Krönungsringe der Könige oder Bischofsringe werden die Fischerringe seit dem zwölften Jahrhundert nicht an ihre Nachfolger übergeben, sondern wenn ein Papst stirbt, oder wie im Fall von Benedikt XVI., wenn er zurücktritt, wird ihm der Ring abgenommen und zerstört.

Der Ring gilt als höchstes Siegel für päpstliche Dokumente, und damit will man Fälschungen und Missbrauch vorbeugen.

Der aktuelle Papst-Ring ist nur vergoldet

Karkowsky: Noch immer gibt es das Ritual zum Zeichen der Verehrung, den Ring des Papstes zu küssen. Papst Franziskus war der erste, der gesagt hat, nein, macht das mal lieber nicht. Meinen Sie, er hatte da Sorge um die Gesundheit der Küsser oder um die eigene?

Reichenberger: Das glaube ich nicht. Ich glaube, das ist eher ein Zeichen der Bescheidenheit, zumal der aktuelle Fischerring nicht etwa aus Gold ist, sondern aus Silber und vergoldet. Er hat auch im Übrigen keinen eigenen Entwurf gewählt, sondern einen, der eigentlich für Papst Paul VI. gedacht war und von ihm verworfen wurde. Dem aktuellen Papst Franziskus wurden drei Vorschläge vorgelegt, und er hat sich für diesen alten Entwurf entschieden.

Karkowsky: Stellen Sie sich vor, ein Marsmensch kommt in Ihre Ausstellung und fragt: Warum machen die Menschen das eigentlich, sich kleine Metallreifen auf die Finger ziehen? Hätten Sie eine Antwort?

Reichenberger: Das ist eine schwierige Frage, aber ich denke, es liegt auch daran, dass wir so gestaltet sind, dass wir an Fingern eben Ringe tragen können. Ringe sind Gegenstände, die keinen Anfang und kein Ende haben. Sie sind damit auch ein Zeichen der Unendlichkeit, und man kann sie natürlich perfekt, etwa am Finger oder am Hals oder am Handgelenk, tragen.

Karkowsky: Es gibt in Ihrer Ausstellung einen ganz besonderen Ring. Der magische Ring aus Paußnitz ist etwas ganz Spezielles, aus dem frühen zwölften Jahrhundert. Was hat es damit auf sich?

Reichenberger: Das ist in der Tat der Auslöser für unsere Ausstellung gewesen. Der Ring von Paußnitz, ein Silberring, wurde 1898 von einem Gutsbesitzer in Paußnitz, ein kleines Dorf bei Riesa, gefunden, und zwar zusammen mit etwa 500 Silbermünzen in einem slawischen Topf.

Die Münzen wurden zum größten Teil verkauft, nur sieben Münzen haben den Weg in unser Museum gefunden, ebenso das Gefäß und der Ring. Der Ring war bei uns unter den Münzen immer inventarisiert, also wenn Sie so wollen, falsch abgelegt und geriet daher in Vergessenheit.

Erst 2001 bei einer Inventur wurde er wiederentdeckt, und wir haben dann versucht, diesen Ring zu entschlüsseln. Es sind merkwürdige Zeichen drauf.

2002 konnte er durch Olav und Friedrich Röhrer-Ertl aus München entziffert werden. Die Deutung ist, "neine mich Christus". Das heißt: "verneine mich Christus" im heutigen Deutsch, das bedeutet den Wunsch nach völliger Selbstaufgabe, um anschließend mit der Gnade Christi angefüllt zu werden und ins Paradies zu gelangen. Der Ringträger war sicherlich ein hochgebildeter frommer Mann, vielleicht ein Kreuzfahrer, und insofern ist es natürlich ein ganz besonderes Stück.

Eheringe waren früher Treueringe und nur für Frauen

Karkowsky: Tragen Sie eigentlich auch einen Ring?

Reichenberger: Einen Ehering, ja! Vielleicht der mächtigste Ring überhaupt. Ehe- und Treueringe gibt es seit römischer Zeit. Sie wurden ursprünglich im Übrigen nur von Frauen getragen, und zwar an der linken Hand, weil die linke ja zum Herzen führt.

Karkowsky: Das ist also nicht ein "Ring sie zu knechten" gewesen?

Reichenberger: Ich weiß es nicht, das muss jeder für sich selber entscheiden. Dass sie von beiden Ehepartnern getragen werden, ist eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert geläufig. Im Übrigen sind wir Deutschen da die Ausnahme. Ich habe mir sagen lassen, dass in den meisten europäischen Ländern die Eheringe nach wie vor an der linken Hand getragen werden und nur in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum an der rechten Hand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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