Hörspielmagazin, vom 27.11.2018

Ausstellung "Radiophonic Spaces"Wachmacher nicht nur für die Ohren

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt ist kein ethnologisches Museum. Aber wer es derzeit betritt, könnte meinen, dass ein Schamane das Radio zum Gegenstand eines archaischen Kults erkoren hat. Doch es geht auch um Kritik: Wer darf im Radio sprechen - und wer nicht? Fragt der Künstler Anton Kats.

"Radiophonic Spaces" Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, 2018 (HKW / Katy Otto)
"Radiophonic Spaces" Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, 2018 (HKW / Katy Otto)

"Ihr habt ein Radio. Ihr hört Radio. Das Radio gehört euch. Die Stimmen aus dem Radio kommen von weit her." (Ausschnitt LIGNA Radioballett)

Hier liegt was in der Luft. Das Haus der Kulturen der Welt, kurz "HKW", hat die Kunst des Radios zu Gast. In dem Gebäude mit dem markant geschwungenen Dach im Berliner Tiergarten funkt und knistert es aus allen Ecken.

"Glockenspiel – "Radio HKW", Ihr Sender mit den besten Hits der 10er, 20er, 30er, 40er, 50er, 60er, 70er, 80er, 90er, 100er, 200er – äh, von heute, morgen und übermorgen!" (Performance Musiktheater Bruit)

In der Ausstellung "Radiophonic Spaces" durchwandern Besucherinnen und Besucher als "menschliche Sendersuchnadeln" ein begehbares Archiv der Radiokunst.

"Schrei – Was war das?! – A voice comes to one in the dark, imagine. (Collage: " Danger" / Beckett / "S.O.S. Rao rao foyn")

Um die Ausstellung herum laden Vorträge, Workshops und Performances dazu ein, über unseren Hör-Sinn intensiver nachzudenken.

"Tauche ein in eine Expedition in die Welt des Hörens. Komm mit auf eine Reise in andere Zonen der Wahrnehmung mit dem Ziel wieder Hören zu lernen!" (Performance "Musiktheater Bruit": Welt des Hörens)

Das "Musiktheater Bruit" spielt mit Tönen aus allen Radio-Genres:

"Mit den folgenden Übungen wollen wir die Wirbelsäule lockern beziehungsweise kräftigen. Links federn, rechts federn, links federn, rechts federn, und die Arme in die Seithalte!"

Wachmacher für die Ohren

Schall ist Bewegung, sagen die Schauspielerin Katharina Behrens und der Komponist Markus Thomas. In ihrer Live-Performance gehen sie dem Hören auf den Grund.

"Also, so ist das mit der Schallwelle: Die ist ansteckend. Ein Lautsprecher gibt Bewegung über die Membran an die Luft weiter. Und diese Vibration kommt dann über die Luft an unserem Ohr an." (Performance "Musiktheater Bruit")

Radiokunst ist ein Wachmacher für die Ohren, sagt Markus Thomas vom Musiktheater Bruit:

"Ich glaube, das Medium Radio hat immer noch die Chance, sich da bewusster durch die Welt zu bewegen. Mit Aufnahmen von bestimmten Szenen aus dem Leben, aus irgendwelchen Städten oder Atmosphären von Orten, an denen man selber noch nicht gewesen ist, die man da vermittelt bekommt und wie so eine akustische Lupe bestimmte Klänge untersucht, auf die man sonst vielleicht gar nicht gekommen wäre oder die man nicht beachtet hätte, weil man im Alltag drüber hört oder nicht bewusst dabei ist."

"Ich Dir Machen An Mir: Hals-Überraschung!" (Ausschnitt aus Ernst Jandl "Das Röcheln der Mona Lisa")

Wie man allein durch Sprache Stimmungen schaffen und mit Hörgewohnheiten spielen kann, das macht für Katharina Behrens vom Musiktheater Bruit den besonderen Reiz des Radios aus:

"Dass man über Sprache natürlich sehr gut hinbekommt, dass die Party im Kopf stattfindet, also dass man, ohne dass man es bebildern muss, Bilder schafft durch Sprache und Klang-Elemente: Wie verspricht man sich, was für Jingles kommen da rein, wann wird Musik unterlegt, um was zu vermitteln? Wieviel Manipulation ist da auch drin?"

"Ich Dir Machen An Mir: Sprach-Überraschung!" (Ausschnitt Ernst Jandl)

"Radio Stilts" von Anton Kats und Teilnehmern (Ausschnitt)

Das HKW ist kein ethnologisches Museum. Aber wer in diesen Tagen das Foyer der ehemaligen Kongresshalle betritt, könnte auf die Idee kommen, dass ein Schamane das Radio zum Gegenstand eines archaischen Kults erkoren hat. Drei Holzbalken sind dort miteinander vertäut. Ein Megaphon, eine Antenne und zwei Radio-Apparate hängen an der dreibeinigen Konstruktion wie Trophäen. Einmal in der Woche ist diese Skulptur von Tischen umringt, auf denen Mischpulte und Synthesizer stehen. Dann öffnet der Künstler Anton Kats sein Radio-Labor:

"Radio als ein Medium von Unterhaltung, wo es um Wetter und Nachrichten oder Sport und Musik, Hitparade geht oder irgend so was, interessiert mich ein bisschen weniger, und vielmehr als ein strategisches Instrument, mit dem man neue Verbindungen schafft oder pragmatische Zusammenhänge anders bearbeiten kann."

Anton Kats: Narrowcast anstelle von Broadcast

Anton Kats stiftet Zusammenhänge, indem er Besucher dazu anregt, sich individuelle Wege durch das Archiv der Radiokunst zu bahnen. In jedem seiner Workshops entsteht eine gemeinsam produzierte Klang-Komposition, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Beispiel die Wirkung von Stimmen im Radio hinterfragen.

 "So eine Radiostimme hat sehr viel Macht, was wir nicht reflektieren. Einerseits: Es hat keinen Körper, das ist auch, wie Adorno sagen würde, die Stimme in deinem Kopf. Man denkt, es ist wie ein Gedanke von einem selbst. Andererseits ist es auch so dass diese filtrierte Stimme von dem Radio-Nachrichtensprecher das Verständnis produziert, dass nur die Leute, die richtig sprechen können, auch diejenigen sind, die handeln dürfen. Und die Stimme, die viel komplexer ist, die so einen Akzent hat oder die sich widerspricht oder stottert und so weiter, ist eine Stimme, die viel geladener ist mit Handlung. Und das ist etwas, was in so einem "Radio Narrowcast Studio" eigentlich in den Vordergrund tritt."

Anton Kats möchte ungewohnte Stimmen zu Gehör bringen. Er bezeichnet seine künstlerische Praxis als "Narrowcasting" im Unterschied zum "Broadcasting", bei dem wenige senden, viele hören und kein starker Rückkanal existiert, über den Hörerinnen und Hörer das Programm mitgestalten könnten. Dieses Prinzip stellt der Künstler auf den Kopf, indem er Gäste in sein offenes Studio einlädt.

Anton Kats ist im Süden der Ukraine aufgewachsen und fand zum Radio durch die Erzählungen seines Großvaters, der im Zweiten Weltkrieg zwischen den Fronten als Radiofunker eingesetzt war. Von ihm wurde er zu einem skeptischen Hörer erzogen.

"Ich bin tatsächlich sehr dankbar, dass mein Großvater mich in einem kritischen Zusammenhang zu der Radioübertragung aufgezogen hat: dass es weniger darum ging, dass das, was durchs Radio kommt, als eine Stimme der Wahrheit wahrgenommen wird, sondern der sehr früh diese Fragen problematisiert hat: Wer hat den Zugang zum Radio? Wer darf reinkommen? Wer darf sprechen? Wem gehört es?"

Sich nur seinen Ohren anvertrauen

Im Workshop der Musikpädagogin Shanti Suki Osman stehen Stücke zur Diskussion, die von Ortlosigkeit erzählen oder dem Versuch, sich zu verorten. Die Teilnehmerin Julia schildert ihre Eindrücke:

"Wir fanden interessant, dass man am Anfang ziemlich klar zu erkennen meint, was es ist, nämlich ein Wecker, und dann kommen verschiedene andere Klänge dazu, und eine Zeit lang kann man vielleicht die auch noch identifizieren und dann wird es aber auch so ein bisschen wilder, und plötzlich ist man vielleicht in einem Haus, wo es brennt oder irgendwo anders, kann es auch nicht mehr richtig zuordnen wie man das am Anfang meint zu können. Das fanden wir beide ganz interessant, diesen Wechsel von scheinbar bekannten Klängen zu unbekannten Klängen, und was es auch auslöst in einem."

"German for Beginners - important Words: Der Paragraf - Die Briefmarke - Der Standardbrief – Now You try" (Hörbeispiele aus dem Workshop)

Nach dem gemeinsamen Hören nehmen die Besucher jeweils zu zweit eigene kurze Hörstücke auf. Massimo und Flavia, beide Kinder italienischer Eltern, widmen sich dabei der Frage: "Wie kann man Identität beschreiben?"

"Zischen / missglücktes Pfeifen

Flavia: Nee, ohne dieses Piepen

Massimo: Hm-m, aber so nach innen?

Flavia: Nach innen, und mit dem Mund so ...

Massimo: Und es muss richtig laut sein, ne? (Stück d. Teilnehmer Massimo u. Flavia aus dem Workshop)

Flavia: "Die Eltern von meinem Papa haben immer die eigenen Kinder so gerufen mit diesem Pfeifen nach innen. Und dann hat es mein Papa gelernt und seine Schwestern. Und dann haben die das auch uns versucht beizubringen. Das heißt, jetzt mein Bruder pfeift so, und immer, wenn wir irgendwo sind und unser Papa uns rufen möchte, oder mein Bruder möchte ihn rufen oder mich, dann pfeifen sie so, aber ich habe das nie gelernt. Und ich versuche das immer wieder, aber es kommt nie genau so raus."

Wie persönlich einen die unterschiedlichsten Perspektiven auf die Welt berühren können, wenn man sich einmal nur den Ohren anvertraut, das lässt sich in der Ausstellung "Radiophonic Spaces" im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" noch bis zum 10. Dezember erleben.