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Kompressor | Beitrag vom 14.07.2021

Ausstellung "Pop Punk Politik"Als München noch ein bisschen siffig war

Von Tobias Krone

Schwarzweißfoto von der Tanzfläche in einer Bar oder Discothek. Menschen unterhalten sich, mittendrin steht ein Mann und schaut in Richtung der Fotografin. Es ist der Schriftsteller Rainald Goetz. (Andrea Hagen)
Rainald Goetz im Tanzlokal Größenwahn: Der Schriftsteller ließ sich von Texten aus der Münchener Subkultur inspirieren. (Andrea Hagen)

Heute ist München schön, sauber und reich. Doch in den 80er-Jahren war die Stadt auch von Subkultur geprägt: mit Punk, Fanzines und Deutschlands erster Frauenbuchhandlung. Eine Ausstellung der Monacensia erinnert an diese Zeit.

Echten Siff. Im München der Gegenwart kann man sich so was einfach nicht vorstellen – einer Stadt, in der man gefühlt überall vom Asphalt essen kann. Und schon gar nicht hier auf gebohnertem Parkett im edlen Villenviertel Bogenhausen, wo der Münchner Künstler und Autor Ralf Homann eine Ausstellung den 80er-Jahren gewidmet hat. Er erinnert sich beispielsweise an die Sponti-Kneipe "Ansbacher Schlössl":

"Und wer noch weiß, wo das ist in Haidhausen, der weiß auch, dass dieser ganze Platz übersäht war mit Taubenscheiße und Blättern. Und dass der Regen nicht ablaufen konnte, weil diese ganzen Rinnsteine im Prinzip zugemüllt waren und daneben waren die Cola-Hallen, die später ja auch als Konzertort wichtig wurden. Also, das ist mal eine ganz siffige Stelle, die ich noch erinnere."

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Der Ort liegt heute in Nachbarschaft zur Münchner Philharmonie am Gasteig, die die Stadt 1985 als Brutkasten der Gentrifizierung in das damals marode Altbauviertel klotzte. Die Hochkultur kam, der Siff nebenan kam weg.

"Und heute ist da die Gema-Hauptzentrale und so weiter. Da ist es natürlich geputzt und geschleckt und da werden Milliardenumsätze verwaltet", erzählt Ralf Homann. "Und damals war das halt einfach Dead End – Glasscherbenviertel, wie der Münchner sagt: A Glosschermviertel."

Rainald Goetz und der Untergrund

Ralf Homann will mit seiner Ausstellung keine heimelige Reminiszenz an verblichene Kneipen der Subkultur liefern, sondern initiiert eine kuratorische Feldforschung der Literatur, die sich im München der 80er verbreitete. Ganz oben angefangen, wäre da sicherlich Rainald Goetz zu nennen, dessen legendäre Lesung auf dem Bachmannpreis auf einem Monitor zu sehen ist.

"Da sehen wir’s. Da ritzt er sich so die Stirn auf. Mit einer Rasierklinge. Die Rasierklinge, ein Zeichen des Punk. Und wir sehen gleich in Großaufnahme, auf sein Armband mit den Nieten und so weiter und so fort …"

Goetz war damals schon beim Suhrkamp-Verlag unter Vertrag und damit literarisch geadelt. Doch viel Textproduktion aus dem Untergrund, die den Autor inspirierte, blieb bisher wenig beleuchtet.

"Ich gehe davon aus, dass man sich gegenseitig gelesen hat", sagt Homann. "Bei Rainald Goetz ist es ganz offensichtlich. Er zitiert ja die Leute selber, er sagt es sogar. Er benennt sie sogar. Er sagt ja, auf welchen Konzerten er war – das ist ja Teil der Popliteratur … Da sieht man natürlich diese Einflüsse der Fanzines."

Fanzines aus dem Gefängnis

Fanzines – zusammenkopierte Heftchen im A5-Format mit Zeichnungen, Fotocollagen und Schreibmaschinentexten – auf farbigem Kopierpapier. Sie entstanden in München wie in vielen Großstädten auch als Schriften der Selbstreflexion von Szenen. In der Ausstellung finden sich relativ munter nebeneinandergestellt solche Hefte wie das Bayerische Hacker-Blatt, einer Vorläufergruppierung des Chaos Computer Clubs, und so subversive Blätter wie Freizeit 81 – eine Gruppierung, deren Mitglieder monatelang im Knast saßen wegen Terrorismusverdachts. Ihre bunt kolorierten Schriften aus dem Knast sind zu sehen.

"Es geht ums Pogotanzen in der Zelle und all diese interessanten Themen, die die 15-jährige Andrea mit ihrer Freundin, ebenfalls im selben Alter austauscht. Und natürlich muss man dazusagen: Bei Knastbriefen wird nicht politisiert, weil das wird ja eh zensiert, das wird ja eingeschwärzt. Und wir haben hier zwei Beispiele von nicht geschwärzten Briefen. Also es geht um Freizeit: sozusagen Freizeit 81."

Ein Schwarzweifoto von Punks, im Vordergrund eine stark geschminkte Frau in Lederjacke, hinter ihr ein Mann in einer nietenbesetzten Lederjacke.   (Volker Derlath)Punks auf dem Münchner Marienplatz: Die Ausstellung "Pop Punk Politik - Die 1980er-Jahre in München" erinnert an eine Zeit, in der Subkulturen die Stadt noch stärker prägten. (Volker Derlath)
Die spießigen 80er der Ära Kohl und Thatcher aufs Korn nehmen - das war auch das Prinzip die Band FSK. In strammen Bundeswehruniformen trällerte sie ihr Ja zur modernen Welt. In einem netten Fanzine-Artikel kann man nachlesen, wie argwöhnisch und penibel Punks die Band auf den systemkritischen Gesinnungskern abklopften.

"Diese Art des Auftretens provoziert Punks", erklärt Homann. "Es gibt Konzerte, wo die dann auf solche Leute losgegangen sind, weil sie diesen Umgang mit der Uniform oder diese überaffirmative Strategie nicht verstanden haben."

Härte gegen Subkulturen

Doch neben diesen Differenzen kam in München auch die echte Härte zum Vorschein: Neonazis griffen Schwule und Punks in den Szenevierteln an – und die große Politik tat ihr Übriges: CSU-Politiker wie Peter Gauweiler setzten HIV-Zwangstests für Prostituierte durch*), sie protestierten gegen die erste Frauenbuchhandlung Deutschlands in München, Polizei prügelte Punks aus einem Jugendzentrum heraus. Für Ralf Homann ist diese Härte auch ein Grund, warum Münchens Subkultur im westdeutschen Vergleich eine ernsthafte Rolle spielte:

"Das heißt, diese Form von Auseinandersetzung findet natürlich hier statt. Und die findet hier zuerst statt, weil hier die Situation, denke ich, in den 80ern zumindest, extrem zugespitzt war, die politische Auseinandersetzung."

*) Anmerkung der Redaktion: Wir haben einen inhaltlichen Fehler korrigiert. 

Die Ausstellung "Pop Punk Politik – Die 1980er Jahre in München" der Monacensia im Hildebrandhaus ist bis zum 21. Januar 2022 zu sehen.

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