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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2018

Ausstellung "Pizza is God"Die Pizza als heilige Scheibe

Von Kolja Unger

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Pizza Pavilion: The Pizza Is Ruined By Lorna Mills / Foto: Paul Barsch (Copyright Foto: Paul Barsch)
Ruinierte Pizza der Künstlerin Lorna Mills im NRW Forum Düsseldorf (Copyright Foto: Paul Barsch)

Die Band Antilopen Gang singt von der Pizza als "heilige Scheibe", die uns retten kann und die gesamte Welt besser macht. Ähnlich scheinen es die Macher der Düsseldorfer Kunstausstellung "Pizza is God" zu sehen. Wer nicht an das fliegende Spaghettimonster glauben möchte, dem scheint sich nun eine Alternative zu bieten.

"Also ich esse sehr gerne Pizza und immer wenn es schnell gehen muss, gibt es eine Pizza. Und tatsächlich gehe ich immer gerne in eine Pizzeria und bestell erstmal eine Magharita um zu testen, ob die Pizza wirklich gut ist", sagt Thomas Judisch.

Ich stehe mit dem Künstler Thomas Judisch vor dem NRW-Forum in Düsseldorf, wo heute die Ausstellung "Pizza is God" eröffnet.

"Mein Kunstwerk hier heißt auch Margherita Moments", sagt Thomas Judisch.

Wir beugen uns runter in den Schneematsch. Auf dem Gulli neben einem Mülleimer liegt ein Pappteller mit angebissenem Pizzastück. Beides ist aus Bronze.

"Jetzt regnet's ja gerade und es wird in den nächsten drei Tagen eine richtig schöne Patina annehmen. Gestern im Sonnenschein hat es schön geglänzt. Quasi das Denkmal von Fastfood. Kunst am Bau", sagt Thomas Judisch. 

Das Ausstellungskonzept ist stringent

Drinnen erklärt Mikkel Carl, einer der Kuratoren, das Ausstellungskonzept: "Alle Objekte sind auf die einfachste Weise miteinander verbunden. Sie haben alle mit Pizza zu tun."

Und Pizza ist leicht zu adaptieren und zu formen.

"Du hast eine flache, neutrale Oberfläche, auf der du den Belag arrangieren kannst. So wie du ein Gemälde arrangierst zu einer Komposition: die Farben, das Material, die Dicke des Objektes. Und wenn du's mit Käse überbackst, ist das wie die Glasur einer Keramikarbeit. Du hängst es an die Wand, genauso wie Paul es gemacht hat", so der Kurator.

Der Künstler Paul Barsch, ebenfalls Kurator der Ausstellung, ist mit zwei Werken vertreten. Eines kann man schon riechen, wenn man die Ausstellung betritt. Tiefkühlpizzen auf Wandhalterungen, so angebracht und im Raum verteilt, wie üblicherweise Überwachsungskameras. Nicht nur wir beobachten die Pizzen, die Pizzen beobachten auch uns.

(Frau Babic Fotografie)"Pizza Is God" - Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf (Frau Babic Fotografie)

Auf einem Bürostuhl liegt ein unformiger Haufen Die Farbe hauptsächlich käsig, mit roten Stückchen, eventuell erbrochen. Darin drei Löcher, zwei Augen, ein Mund. Dann erkenne ich den unappetitlichen Haufen. Es ist…Pizza, the hut!

Für den Künstler Marco Bruzzone das ultimative Italiener-Klischee. Der Weltraum-Mafia-Boss ist natürlich Italiener und besteht noch dazu aus Pizza und auf die Frage, was passiert, wenn man ihm die Schulden nicht bezahlt, kommt die Antwort: Or Pizza is gonna send for you.

Wieder eine Umkehrung. Nicht die Pizzen werden an Menschen geliefert. Die Menschen sind den Pizzen geliefert.

Diese Umkehrung lässt sich natürlich auch nutzen, um dem lebenden Klischee zu entkommen. Nutze die Pizza! Marco Bruzzane hat die Ausstellung in einer fiktiven Einheit vermessen.

"Ich habe die Wände in Pizzen gemessen. Als ich nach Berlin gezogen bin, wurde ich oft mit Italiener-Klischees konfrontiert. Ein Freund und ich haben dann sowas gesagt wie: 'Oh, das müssten um die 15 Pizzen sein! Eine alte italienische Maßeinheit.' Und die Leute haben's uns geglaubt."

Pizza als Projektionsfläche

Pizza eignet sich also als gute Projektionsfläche für alles Mögliche und hilft bei Fragen der kulturellen Identität. Sie ist so vielfach auslegbar wie belegbar. Pizza ist Unesco-Weltkulturerbe und Streetfood.

Aber inwiefern ist Pizza nun Gott? Ich frage wieder Kurator Mikkel Carl. "In der dänischen Umgangssprache sagt man etwas ist Gott, wenn es sehr gut ist. Gleichwohl haftet Pizza auch etwas geradezu Metaphysisches an."

Aber was ist es? Klar, wir wissen seit Nietzsche, das Gott tot ist und seit den 90ern, dass Gott ein DJ ist…

"Wer auch immer Gott ist, er kann nur samplen, er kann nichts neues mehr erschaffen. Und darauf basiert das ganze Internet. Dass du etwas wieder- und wiederverwendest, hinzufügst, reduzierst. Junge Leute unterschieden nicht mehr zwischen Original und dem Erzeugnis, der Kopie", meint Mikkel Carl.

Nach Katzenvideos das beliebteste Meme

Und Pizza ist seit der ersten Online-Essensbestellung in den 90ern ein andauernder Wiederkehrer im Netz, nach Katzenvideos wohl das beliebteste Meme. Man bestellt sie am Computer, sie wird einem vor den Computer geliefert und man kann sie vor dem Computer essen, weil man nur eine Hand dafür benötigt und mit der anderen noch klicken kann.

Und während ich an die Einsamkeit in Jennifer Chans Video denke, in dem ein junger weißer Programmierer vorm Laptop auf sein Pizza-Shirt masturbiert, stellen sich die Kuratoren inmitten von Pizzakartons vor dem Hauptwerk der Ausstellung auf: Einer riesigen Pizza-Skulptur. Ich überlege, was das wirklich Göttliche an Pizza ist – Sie kann uns für ein paar Momente unsere Einsamkeit nehmen. Leise summe ich die Pizza-Hymne der Antilopen-Gang.

Oh, ich glaube fest daran, dass uns Pizza retten kann, sie verbündet diese Welt, Baby lass uns Pizza bestell'n,

Oh, ich glaube fest daran, dass uns Pizza retten kann, jeder Revolutionär braucht nur Pizza und Gewehr!

Die Ausstellung "Pizza is God"
im NRW Forum Düsseldorf
vom 16.02.-20.5.2018
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