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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.01.2016

Ausstellung mit Kopien von Felsbildern30.000 Jahre alt und sehr modern

Von Barbara Wiegand

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Die Skulptur "Drei schreitende Männer" von Alberto Giacometti (aufgenommen am 23.10.2015 im Picassomuseum in Münster.) (picture alliance / dpa - Oliver Berg)
Auch der Künstler Alberto Giacometti war stark beeinflusst von alten Malereien (picture alliance / dpa - Oliver Berg)

Im Berliner Gropius-Bau sind die originalgetreuen Kopien von Felsbildern zu sehen, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts angefertigt wurden. Wer sie anschaut, sieht unverkennbar, wie sehr die Kunst der Moderne von ihnen geprägt wurde.

"Zeichnungen der Höhlen. Zeichnungen der Höhlen, Höhlen, Höhlen. Da und nur da ist Bewegung gelungen."

So schrieb es Alberto Giacometti 1946 in sein Notizbuch – ganz offensichtlich fasziniert – und inspiriert von den Felsbildkopien der Sammlung Frobenius.

Von den Gottesanbeterinnen, die da auf einem südafrikanischen Höhlenbild mit dicken Bäuchen aber dünnen Gliedern umherhuschen, den Antilopen, die mitten im Sprung begriffen scheinen, den Männern, die diese auf spiddeligen Beinen jagen – voll Dynamik und Eleganz, wie Jahrtausende später die hochaufstrebenden Figuren des Schweizer Bildhauers. Die rundlichen Pferde dagegen, die einen Felsvorsprung in der französischen Dordogne zieren – sie erinnern in ihrem harmonischen Schwung an Franz Marc. Graubraune, in den Murewa Höhlen Simbabwes gefundene Ovale an Malereien von Willi Baumeister, bizarr verformte Wesen an Schöpfungen von Miro. Die Kunst der Moderne – sie ist allgegenwärtig in dieser Ausstellung, obwohl sie nicht zu sehen ist. Richard Kuba, Leiter der Sammlung Frobenius:

"Ich glaube das ist gar nicht notwendig. Das wäre auch ein wenig platt, wenn jetzt ein Miro daneben hängen würde. Allen, die diese Bilder gesehen haben, erschließt sich genau das, diese Assoziation. Man braucht diese modernen Bilder gar nicht dazu. Ich glaube, wir genügen uns in diesem Fall selber."

Zeugnisse geheimer Initiatiationsriten und schöne Jagdszenen

Und löst sich damit auch von der ursprünglichen Bedeutung, die die Originale einmal hatten. Beziehungsweise, die sie vielleicht hatten. Denn hier gibt und gab es viele Spekulationen: Sind es Zeugnisse geheimer Initiatiationsriten, schöne Jagdszenen, gar extraterrestrische Wesen mit Astronautenhelmen, wie der Schweizer Autor Erich von Däniken bei im australischen Outback gefundenen Szenen vermutete?

"In dieser Ausstellung haben wir uns gedacht, wir lassen das ein bisschen beiseite. Wir wissen sehr wenig über die Entstehungskontexte, über die prähistorischen Künstler, über die Ideen dahinter. Was wir hier sagen wollen, was uns interessiert ist, was haben Menschen in den letzten 100 Jahren mit den Bildern angestellt. Das ist eine ganz spannende Geschichte."

Eine spannende, ja geradezu abenteuerliche Geschichte. Denn einfach abmalen, damit war es nicht getan.

"Man liegt auf dem Rücken in einer schmalen Felsspalte, in der man sich kaum bewegen kann, um die Decke abzumalen. Wir baumeln auf Strickleitern und an den Steilwänden ausgetrockneter Flusstäler und kriechen auf allen Vieren in unterirdische Gänge."

Den Blick für 30.000 Jahre alte Bilder öffnen

So schildert Elisabeth Krebs ihre Arbeit für Leo Frobenius. Sie gehörte zu den 20 Malerinnen und Malern, die der Ethnologe auf seine Expeditionen mitnahm. Im Dienste der Wissenschaft entstanden, wurden die Bilder dann durchaus auch als Kunst betrachtet, wurden neben Werken Moderner Kunst unter anderem im New Yorker MOMA gezeigt. So bezeichnen Kuba und sein Team die Kopien als "Neuschöpfungen". Wobei sie äußerst einfallsreich die Kunst ihrer Vorfahren interpretierten, die geschickt kleine Erhebungen im Stein, Auswaschungen, Risse in ihre Bilder einbezogen.

"Und sie haben auch experimentiert. Wie macht man das materiell. Nimmt man Aquarell, macht man Farbstift dazu, macht man Mischtechnik, auch wie kriegt man diesen stumpfen Fels am besten hin. Das war ein langer Prozess. Die Maler und Malerinnen, die auf drei vier fünf verschiedenen Expeditionen dabei waren, sind wahrscheinlich diejenigen Menschen überhaupt auf der Welt, die am längsten Zeit vor Felsbildern verbracht haben. Wochen und Wochen, Monate und Monate. Die haben schon auch sehen gelernt, das muss man denen auch zugestehen."

Und sie öffnen auch dem Betrachter von heute den Blick auf die bis zu 30.000 Jahre alten Bilder. Sie nehmen ihn mit, in die Höhlen, die Berge, die Steppen und Savannen der Vorzeit, die in diesen Bildern der 1920er und 30er Jahre erstaunlich gegenwärtig wirkt.

Lange Jahre waren die Felsbildkopien fast in Vergessenheit geraten. Sie jetzt in Berlin zu sehen ist eine gelungene Wiederentdeckung – faszinierend und beeindruckend.

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