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Fazit | Beitrag vom 25.04.2019

Ausstellung "Mischpoche" in BerlinAndreas Mühe lässt Tote wieder leben

Von Simone Reber

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Andreas Muehe, vor einem Bild seiner Ausstellung Mischpoche, im Hamburger Bahnhof. (imago images / Reiner Zensen)
Andreas Mühe vor einem Bild in seiner Ausstellung "Mischpoche" im Hamburger Bahnhof, Berlin. (imago images / Reiner Zensen)

"Mischpoche", das ist die Familie. Fotograf Andreas Mühe hat berühmte Eltern: Seine Mutter ist Regisseurin Annegret Hahn, sein Vater der verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe. In seinen Bildern bringt er alle Familienmitglieder wieder zusammen: lebende und tote.

Es hat etwas Gespenstisches, wie der Fotograf Andreas Mühe die Toten wieder auf erweckt. Auf den beiden farbigen Gruppenfotos von seiner Familie sind alle beisammen, die Lebenden und die Verstorbenen. Das Bild rechts zeigt die Familie väterlicherseits, im Zentrum die tragische Dreiergruppe: Der Schauspieler Ulrich Mühe, seine zweite Frau Jenny Gröllmann wendet sich in theatralischer Pose von ihm ab, daneben sitzt Susanne Lothar, seine dritte Frau. Andreas Mühe sieht man nur von hinten am prächtigen Sekretär sitzen. Die Töchter des Fotografen spielen Klavier, bewundert von ihrem Urgroßvater.

Das Merkwürdige ist: Betrachter können nicht unterscheiden, wer zum Zeitpunkt der Aufnahme lebte und wer schon gestorben ist. Auch lassen sich die Generationen nicht auseinanderhalten – von den Kindern abgesehen befinden sich alle Familienmitglieder im gleichen Alter – in der Mitte des Lebens.

Blick in die Ausstellung Andreas Muehe. Mischpoche, im Hamburger Bahnhof (imago images / Reiner Zensen)Alle Familienmitglieder vereint: Auch die Verstorbenen sind Teil des Bildes von Andreas Mühe. (imago images / Reiner Zensen)

"Ich bin auf der Hälfte des Lebens und irgendwie ist es ganz schön, es ist so unterschiedlich, was jeden bewegt hat und das auch noch mal im Vergleich miteinander zu sehen. Wie sieht ein Mann aus mit Ende dreißig, der aus dem Krieg kommt, in dem Alter wird die Mauer gebaut. Mein Vater ist Ende dreißig, da wird die Mauer wieder eingerissen, wie sehe ich mich, wie fühle ich mich. Und man kann dann ja auch Dinge ins Verhältnis setzen. Und das ist, was mir großen Spaß an der Arbeit gemacht hat, egal wie verrückt sie auch ist", sagt Andreas Mühe.

Verstorbene wurden als Puppen geformt

Zwei Jahre hat der Fotograf an dem monumentalen Projekt gearbeitet. Akribisch durchforstete er sein Archiv nach Familienfotos, ließ nach diesen Vorlagen Puppen herstellen, die den Verstorbenen gleichen. Wie auf einer Bühne hat er nun die Figuren gemeinsam mit den noch lebenden Familienmitgliedern inszeniert und fotografiert. Im Vordergrund kann man die Schienen für seine Kamera erkennen. Die unheimliche Ausstellung "Mischpoche" im Hamburger Bahnhof präsentiert die großformatigen Gruppenbilder in einem verdunkelten Raum. "Am Ende ist das wie so eine große Danksagung vielleicht auch an die Eltern. Für mich war es immer klar, ich komme aus zwei Familien, ich komme aus dieser mütterlichen Seite, ich komme von dieser väterlichen Seite und die beiden stehen sich gegenüber", so Mühe.

Blick in die Familienseele

Die Familie seines Vaters zeigt Andreas Mühe im bürgerlich-künstlerischen Ambiente, mit Kronleuchter, Standuhr und Gummibaum. Bei seiner Mutter ist der Christbaum geschmückt, im Hintergrund steht die Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge. In der Mitte bildet die Regisseurin Annegret Hahn den kraftstrahlenden Ruhepol. Ihr zweiter Sohn Konrad, der trotz Schnurrbart und Koteletten seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten ist, nimmt dessen Platz in der Familie ein.

Auch wenn der Fotograf das Wort Familienaufstellung nicht mag, so blicken seine Bilder doch auf den Grund der Familienseele. Im Guckkastenformat sind die einzelnen Personen auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert in Liebe und Hass. Zwar scheint die Außenwelt ausgeblendet, aber sie zerrt an den Verwandten. Das Faszinierende an diesen Fotos von Andreas Mühe ist, dass sie gemütlich und vertraut wirken, aber auch fremd und kalt. "Ich glaube, es kommt alles zusammen. Ein Bilanzziehen steckt vielleicht drin oder wie ein Befreiungsschlag, das sind alles Punkte, die mitschwingen", erklärt Mühe.

Blick in die Ausstellung Andreas Muehe. Mischpoche, im Hamburger Bahnhof - Museum fuer Gegenwart Berlin (imago images / Reiner Zensen)Andreas Muehe zeigt in der Ausstellung "Mischpoche" Familienmitglieder. (imago images / Reiner Zensen)

Kleine Dokumentaraufnahmen des Fertigungsprozesses umrahmen die zentralen Arbeiten, die farbigen Großformate. Da kann man beobachten, wie die künstlichen Menschen nach fotografischen Vorlagen aus Fragmenten entstanden sind. Die Bilder reihen sich dicht an dicht an der Wand wie Grabkammern in Katakomben. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, werden die Figuren zerstört.

"Die ganze Arbeit fängt ja im Prinzip mit der Suche im Archiv an. Es wird ja nur eine Brücke über die Skulptur geschlagen und geht dann wieder zur Fotografie zurück. Kein Mensch muss das sehen, es gibt keinen Grund, ich bin Fotograf, bin gerne Fotograf, die bildhauerische Leistung haben ganz andere Menschen gemacht", so Mühe.

Die Familie als fremde Heimat, als Gesellschaft in der Nussschale. Schade, dass die irritierende Atmosphäre in den beiden Gruppenporträts von den Werkstattfotos ein wenig zerstört wird. Sie nehmen den auferstandenen Toten ihr Geheimnis, ihre Macht und ihre Unergründlichkeit.

Andreas Mühe "Mischpoche"
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin
26. April 2019 bis 11. August 2019

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