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Fazit | Beitrag vom 07.10.2018

Ausstellung "London 1938" in BerlinRückkehr der verbotenen Kunst

Von Simone Reber

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Oskar Kokoschka, Selbstbildnis eines "entarteten" Künstlers, 1937 (Fondation Oskar Kokoschka/ DACS 2015, Privatsammlung als Dauerleihgabe in den National Galleries of Scotland, Foto: Antonia Reeve)
Oskar Kokoschkas Selbstbildnis eines "entarteten" Künstlers aus dem Jahr 1937 (Fondation Oskar Kokoschka/ DACS 2015, Privatsammlung als Dauerleihgabe in den National Galleries of Scotland, Foto: Antonia Reeve)

1938 wurden in London rund 300 Arbeiten von Künstlern, die von den Nazis als "entartet" verfemt worden waren, ausgestellt. Jetzt sind diese Werke in der Berliner Liebermann-Villa zu sehen.

Herausfordernd schaut der österreichische Maler Oskar Kokoschka auf die Betrachter herab, das Kinn provozierend vorgestreckt, die Ärmel aufgekrempelt, so dass die Muskeln zu sehen sind. Kokoschkas Selbstbildnis eines "entarteten" Künstlers entstand 1937 im tschechischen Exil, als der Maler den Sammler Emil Korner besuchte, der das Bild sofort kaufte.

"Man sieht vom Bild, er sitzt da, er sieht uns an, er hat keine Angst, er hat seinen Stil in keiner Weise verändert, immer noch sehr expressionistisch. Also das ist als klare Antwort auf die NS-Regierung zu verstehen."

Die Kunsthistorikerin Lucy Wasensteiner hat mit der Rekonstruktion der Londoner Ausstellung "Twentieth Century German Art" einen Coup gelandet. Die bewegende Schau in der Berliner Liebermann-Villa am Wannsee zeigt nicht nur eine exquisite Auswahl der Gemälde von damals, von denen einige noch den Londoner Aufkleber auf der Rückseite tragen.

Lucy Wasensteiner hat auch die oftmals tragischen Biografien der Leihgeber erforscht sowie die Entstehungsgeschichte der Schau in den New Burlington Galleries. Drei unterschiedliche Temperamente taten sich für die internationale Antwort auf die Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" zusammen. Die Londoner Galeristin Noel Norton sowie die Zürcher Kunsthändlerin Irmgard Burchard vertraten beide die deutsche Moderne.

Ein Verteidiger der deutschen Moderne

Lucy Wasensteiner: "Ganz separat gab es in Paris Paul Westheim, ein deutsch-jüdischer Kunstkritiker aus Berlin, Gründer der Zeitschrift Kunstblatt in Berlin. Er war ab '33 in Paris und er hat dort eine Gruppe von Kunstliebhabern und Künstlern gegründet, um die deutsche Moderne zu verteidigen. Das hat er im September '37 gemacht, als er 'Entartete Kunst' in München gesehen hat. Und er wollte dann auch etwas gegen 'Entartete Kunst' machen."

Westheim verfügte über hervorragende Kontakte zu deutsch-jüdischen Emigranten, die ihre Kunstsammlungen ins Ausland hatten retten können. Nell Walden etwa, die Frau des legendären Berliner Galeristen Herwarth Walden, schickte rund 40 Werke nach London. Darunter eine luftig helle Improvisation von Wassily Kandinsky.

Wassily Kandinsky, Unbenannte Improvisation II, 1914  (Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Foto: Studio Tromp, Rotterdam)Wassily Kandinsky, Unbenannte Improvisation II, 1914 (Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Foto: Studio Tromp, Rotterdam)

Martha Liebermann stellte aus dem Nachlass ihres Mannes ein Porträt von Albert Einstein zur Verfügung, eines der wenigen Werke, die aus der Ausstellung heraus verkauft wurden. Aus der umfangreichen Kunstsammlung des Chemnitzer Industriellen Erich Goeritz und seiner Frau Senta stammte eine mediterrane Balkonszene von Lovis Corinth. Während Erich Goeritz Deutschland bereits 1934 verließ, zögerten sein Bruder Karl und dessen Frau noch.

Lucy Wasensteiner: "Die waren '38 noch in Europa, also in Holland, konnten Werke nach London schicken, haben endlich '39 ein Visum für Chile bekommen. Aber bei der Überfahrt hat das Schiff eine Mine getroffen und die ganze Familie und die ganze Kunstsammlung ist verloren gegangen. Karl Goeritz ist gestorben, seine zwei Kinder auch. Nur die Frau hat überlebt."

Titeländerung aus Angst vor Antisemitismus

Auch den Kontakt zur Sammlung Goeritz hatte Paul Westheim hergestellt, ehe er aus dem Projekt ausschied, weil ihm die Ausrichtung der Schau nicht mehr politisch genug war. Statt "Banned Art" wählten die Organisatorinnen jetzt den neutralen Titel "Twentieth Century German Art".

Lucy Wasensteiner: "Wir denken auch – es gibt Briefe, die das andeuten – die britischen Organisatoren hatten ein bisschen Angst, dass wenn man eine Ausstellung als ein Projekt von 'Juden und Emigranten' präsentiert, die Briten das vielleicht nicht mögen würden. Also Angst vor einer leicht antisemitischen Reaktion aus Großbritannien – vielleicht sollen wir das besser neutral präsentieren."

Max Liebermann, Bildnis Professor Albert Einstein um 1922 (The Royal Society, London / Liebermann Villa am Wannsee)Max Liebermann, Bildnis Professor Albert Einstein, 1925 (The Royal Society, London / Liebermann Villa am Wannsee)

Heute lassen die Bilder die harten politischen Konflikte nicht mehr erkennen. Von Emil Nolde etwa stammt eine Blumenidylle mit blauer Iris – eine Leihgabe des Kunstmuseums Basel. Der Maler selbst distanzierte sich nachträglich von der Londoner Schau.

Ein riesiger Publikumserfolg

Lucy Wasensteiner: "Er war ein 'entarteter' Künstler. Er wurde in Deutschland diffamiert als Künstler. Er konnte noch benutzt werden, quasi, um etwas gegen die NS-Kulturpolitik zu sagen, obwohl er selbst natürlich Mitglied in der Partei war. Er hat dann tatsächlich an das Propaganda-Ministerium geschrieben und gesagt: 'Ich will nur sagen, diese Ausstellung hat nichts mit mir zu tun.'"

Trotz aller Verwerfungen war die Londoner Ausstellung im Sommer 1938 ein riesiger Publikumserfolg. 12.000 Besucher kamen in die New Burlington Galleries. Nach dreimaliger Verlängerung ging ein Teil der Bilder auf Tournee, erst durch Schottland und dann durch die Vereinigten Staaten. Dort wurden sie unter dem ursprünglichen Titel gezeigt: "Banned German Art" – Verbotene deutsche Kunst.

"London 1938. Mit Kandinsky, Liebermann und Nolde gegen Hitler." Die Ausstellung ist bis zum 14. Januar 2019 in der Liebermann-Villa am Wannsee zu sehen. Geöffnet täglich von 11 bis 17 Uhr außer dienstags. 

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