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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.03.2018

Ausstellung in HerneBerühmte Fälschungen der Archäologie

Josef Mühlenbrock im Gespräch mit Ute Welty

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Josef Mühlenbrock, Direktor des LWL Museums, steht in der Ausstellung «Irrtümer & Fälschungen der Archäologie» neben einer dreidimensionalen Rekonstruktion des Quedlinburger Einhorns. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Josef Mühlenbrock, Direktor des LWL-Museums in Herne, zeigt ein Modellskelett des sogenannten "Einhorns von Quedlinburg". (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Werbegeschenke eines Wurstherstellers, die als Steinzeit-Messer durchgingen, oder die "Tiara des Saitaphernes" aus der Werkstatt eines ukrainischen Goldschmieds: Immer wieder sind Museen auf Fälschungen hereingefallen. Einige davon sind nun in einer Ausstellung in Herne zu sehen.

200 spektakuläre Fälschungen und Irrtümer der Archälogie können Besucher seit dem heutigen Freitag im Museum für Archäologie in Herne besichtigen: von der "Tiara des Saitaphernes", auf die sogar der Louvre hereinfiel, bis zu den Hitler-Tagebüchern Konrad Kujaus, die der Stern 1983 abdruckte.

Für Museumsleiter Josef Mühlenbrock ist das Highlight der Ausstellung jedoch ein Einhornskelett. "Man hat ja lange Zeit wirklich an die Existenz eines Einhorns geglaubt, dass es wirklich gelebt haben soll", so Mühlenbrock im Deutschlandfunk Kultur.

"Es gibt ostjüdische Quellen, die davon berichten, dass das Einhorn dann aber nicht auf die Arche Noah kommen konnte, denn es war zu wild und hätte möglicherweise die Arche beschädigt." Insofern sei dann auch klar gewesen, dass es keine Einhörner mehr gebe. "Aber Knochen von diesem Einhorn kann man durchaus finden, und das glaubte man dann 1663 in Quedlinburg getan zu haben in der heute sogenannten Einhornhöhle."

Josef Mühlenbrock, Direktor des LWL Museums, schaut sich die Fälschung Tiara des Saitaphernes in der Ausstellung «Irrtümer & Fälschungen der Archäologie» an. (picture alliance / Caroline Seidel/dpa)Die "Tiara des Saitaphernes" - Antike Kunst aus der Werkstatt eines ukrainischen Goldschmieds des 19. Jahrhunderts. (picture alliance / Caroline Seidel/dpa)

Auf dieses Einhorn von Quedlinburg fiel offenbar sogar Gottfried Wilhelm Leibniz herein. Jedenfalls bildete er in seinem Standardwerk zur Fossilienkunde eine Zeichnung des Fundes ab.

Die Ausstellung "Irrtümer & Fälschungen der Archäologie" ist vom 23.3. bis zum 09.09. im Museum für Archäologie in Herne zu sehen.

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Es könnten Messer sein aus der Steinzeit, es sind aber Messer als Präsent eines Wurstherstellers, die da in einem Garten im Ruhrgebiet gefunden wurden und völlig falsch eingeschätzt wurden. Bekannterweise ist ja niemand vor Fehlern sicher, auch die Archäologen nicht, und es spricht für den Berufsstand, dass man sich den Fehlern stellt und ihnen sogar eine eigene Ausstellung widmet, ab heute zu sehen in Herne im dortigen Museum für Archäologie, und das wird geleitet von Josef Mühlenbrock. Guten Morgen!

Josef Mühlenbrock: Guten Morgen zurück!

Welty: Bei einer solchen Ausstellung mit dieser Thematik drängt sich natürlich die Frage auf, ob auch Sie sich mal so richtig spektakulär vertan haben.

Mühlenbrock: Das passiert natürlich schon mal. Also, in unserem Museum in Herne befindet sich auch ein Schädel, von dem wir dachten, es wäre ein über 26.000 Jahre alter Schädel, und wir hatten eine Untersuchung machen lassen bei einem Institut in Frankfurt, und man hat uns dieses Datum damals genannt, und es erschien sehr, sehr alt, und einige Jahre später haben wir es noch mal prüfen lassen, und dabei stellte sich heraus, dass das Datum vollkommen falsch war und dass dahinter… Es war im Grunde die Spitze eines Eisberges, denn dieses Institut hatte etliche Gutachten gefälscht, und das ist damals dann aufgedeckt worden.

Nur ein paar hundert statt 26.000 Jahre

Welty: Wie alt war der Schädel dann tatsächlich?

Mühlenbrock: Er war nur einige hundert Jahre alt, also 1720. Also, das ist schon ein Unterschied …

Welty: Das ist ja für einen Archäologen nichts.

Mühlenbrock: Gar nichts.

Welty: Brandneu.

Mühlenbrock: Sozusagen.

Welty: Wie bereiten Sie die Besucher auf diese Ausstellung vor, denn man muss ja schon eine Art Schere im Kopf haben, oder?

Mühlenbrock: Ganz genau. Also wir haben einen sehr humoristischen Einstieg gefunden: Wir lassen diese Szene im Jahre 4022 spielen, denn es gibt ein wunderbares Buch des amerikanischen Autors David Macaulay, das heißt "Das Motel der Mysterien", und das Setting, wie gesagt, 4022, der amerikanische Kontinent ist komplett untergegangen, und ein Hobbyarchäologe, Howard Carson, erinnert nicht zufällig an den Entdecker des Tutanchamun-Grabes, Howard Carter, stößt auf einen Schacht und landet vor einer Tür, wo ein Segel dran ist, "Bitte nicht stören", und er ist sich sicher, er hat eine Grabkammer gefunden, die noch nicht gestört wurde, und als er die Tür aufmacht, tut er auch den Spruch "Ich sehe unermesslich reiche Funde" und findet natürlich eigentlich ein Motelzimmer mit einem Schlafzimmer, mit einem Badezimmer, mit zwei Leichen darin und deutet alles komplett falsch.

Welty: Inwieweit falsch?

Mühlenbrock: Man muss sich vorstellen, im Jahr 4022 ist Plastik das wertvollste Material, was es überhaupt gibt, denn es ist fast nicht mehr da, und so wird dann aus Zahnbürsten ein Ohrgehänge oder aus der Klobrille der Halsreif einer hohen Priesterin, in einem auf Hochglanz polierten weißen Sarkophag aus Plasticus eternus liegt ein Skelett, und dieses hat eine Duschhaube auf, das natürlich eine Zeremonialkappe ist, und so geht das weiter durch das ganze Hotelzimmer.

Auch der Louvre war gegen Irrtümer nicht gefeit

Welty: Welche tatsächlichen Irrtümer oder welche tatsächlichen Fälschungen aus der Vergangenheit präsentieren Sie?

Mühlenbrock: Wir haben ganz spannende Fälle aufgetan, also zum Beispiel die sogenannte Tiara des Saitaphernes. Die wurde nämlich im Jahr 1896 dem Louvre angeboten, ein Goldhelm, circa 30 Zentimeter Durchmesser mit wunderschönen Reliefs darauf, und das war in einer Zeit, als, wenn solche Objekte auf den Markt kamen, jedes große Museum in Europa, ob es jetzt das British Museum war oder der Louvre oder in Deutschland, in Wien, wäre man also sehr versessen darauf gewesen, dieses Stück zu bekommen, und russische Händler boten es für 200.000 Francs an.

Man versuchte, ganz schnell diese Summe zusammenzubekommen, man hat sich dann an Privatleute gewandt, weil eigentlich hätte man die Nationalversammlung da noch miteinbeziehen müssen, das ging nicht in der Schnelle der Zeit, und so kam dieses wunderschöne Stück in den Louvre, in die Galerie d'Apollon, und es bildeten sich Schlangen von Besuchern vor diesem Stück, bis dann einige Jahre später ein russischer Goldschmied auftauchte und sagte, ich habe das Stück gemacht, und das wollte der Louvre natürlich überhaupt nicht glauben, und man hat ihm dann im Grunde Goldplatten noch mal gegeben und gesagt, hier, dann zeig uns mal, wie du das machst.

Und er hat dann aus dem Gedächtnis, ohne das Stück noch mal zu sehen, einen ganzen Teil dieser Tiara wieder nachgestellt, und somit war das Stück nicht aus dem dritten Jahrhundert vor Christus und gehörte einem Skythenfürsten, sondern war ein modernes Stück, das dieser Goldschmied als Geschenk für einen Archäologen gemacht hatte, wie ihm diese beiden Händler suggeriert hatten.

Die Fälschungen aus dem Giftschrank holen

Welty: Quod erat demonstrandum, aber wie kommt man denn an diese Artefakte? So richtig stolz sind doch die meisten Museen nicht, wenn es darum geht, die Giftschränke zu öffnen.

Mühlenbrock: Das hat sich mittlerweile ein bisschen geändert. Ich meine, es sind ja auch einige Jahre vergangen – 1896 bis heute –, also der Louvre hat dieses Stück danach einige Jahre wirklich in einen Giftschrank gesperrt und nicht gezeigt. Der Skandal war groß, aber diese Wogen haben sich natürlich längst geglättet, und wir waren sehr froh und dankbar, dass wir dieses Stück für die Ausstellung geliehen bekamen. Das ist auch ganz typisch, also wenn solche Fälschungen einmal entlarvt sind, stellen Museen sie in der Regel auch der Öffentlichkeit als solche Fälschungen vor.

Welty: Insgesamt präsentieren Sie 200 spektakuläre Betrugsfälle und Irrtümer, alle kommen aus dem Bereich der Archäologie, mit einer Ausnahme: Sie zeigen die gefälschten Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau. Warum das?

Mühlenbrock: Wir wollten … Also es ist so, in Zeiten von Fake News und alternativen Fakten, wo Medien ja wirklich auch eine große Rolle spielen, und Fake News ist der Anglizismus des Jahres 2016 geworden, haben wir gesagt, wir wollten uns auch mit diesem Thema der Medien beschäftigen, und ich glaube, es war wirklich einer der größten Medienskandale, den Deutschland erlebt hat. Als 1980 diese Kladden, die Konrad Kujau zusammengeschustert hatte, an den "Stern" gegangen sind und für 9,3 Millionen D-Mark damals verkauft wurden, war es wirklich ein Skandal, als dann aufgedeckt wurde vom Bundesarchiv in Koblenz, dass es sich um eine moderne Fälschung handelte. Es waren Weißmacher im Papier, die nicht vor 1950 entstanden sein konnten, und es waren Nachkriegstinten verwendet worden.

Das Einhorn, das nicht auf die Arche Noah durfte

Welty: Wie groß ist der Faktor des Publikumsmagneten bei diesen Hitler-Tagebüchern?

Mühlenbrock: Wir hoffen, sehr groß. Das Ganze wird eigentlich nur noch durch einen Fund getoppt, nämlich durch das Einhorn. Das ist natürlich heutzutage sehr, sehr in, und diesem Thema widmen wir auch einen großen Raum, denn man hat ja lange Zeit wirklich an die Existenz eines Einhorns geglaubt, dass es wirklich gelebt haben soll. Es gibt ostjüdische Quellen, die davon berichten, dass das Einhorn dann aber nicht auf die Arche Noah kommen konnte, denn es war zu wild und hätte möglicherweise die Arche beschädigt, und damit war dann irgendwann klar, es gibt keine lebenden mehr, aber Knochen von diesem Einhorn kann man durchaus finden, und das glaubte man dann 1663 in Quedlinburg getan zu haben in der heute sogenannten Einhornhöhle.

Welty: Und das Einhornzimmer ist dann besonders interessant für die jüngeren und weiblichen Besucher.

Mühlenbrock: Wahrscheinlich. Wir haben das Ganze zwar nicht in der Farbe Pink gehalten, aber …

Welty: Jetzt bin ich aber enttäuscht!

Mühlenbrock: Ja, aber ich glaube, das wird Jung und Alt begeistern, denn wir haben wirklich die Rekonstruktion dieses Skelettes in der Halle stehen, fast drei Meter hoch mit dem Zahn eines Narwals, der es natürlich eigentlich war, auf dem Kopf eines Wollhaarnashorns und den Knochen eines Mammuts.

Die Fälscher werden immer raffinierter

Welty: Experten meinen, dass die Zahlen der Fälschungen in Zukunft noch zunehmen könnten. Warum ist das so?

Mühlenbrock: Die Methoden, mit denen Archäologen Echtheit von Stücken nachweisen können, die verfeinern sich natürlich, aber mit dem wächst also auch das Fälscherpotenzial bei den Fälschern selber, denn die werden natürlich auch immer raffinierter. Wenn man sich zum Beispiel vorstellt, man will heutzutage einen Kopf aus Bronze aus der Antike rekonstruieren oder fälschen, dann nehmen die Fälscher heute Material, Münzen, antike Bronzemünzen, die man bei Ebay oder sonst wie leider kaufen kann, schmelzen diese ein und machen daraus einen Porträtkopf zum Beispiel von Kaiser Augustus, und wenn dieses dann auf den Markt kommt und man prüft das Material, dann stellt man fest, das Material ist echt und antik, und so machen es die Fälscher den Entlarvern immer schwieriger, ihnen auf die Schliche zu kommen.

Welty: Spannende Ausstellung in Herne im Museum für Archäologie bis zum 09.09. Es geht um spektakuläre Irrtümer und Fälschungen der Archäologie. Das Museum leitet Josef Mühlenbrock, dem danke ich sehr für das Interview!

Mühlenbrock: Auch Ihnen vielen Dank, Frau Welty!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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