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Kompressor | Beitrag vom 05.03.2015

Ausstellung in der Schirn KunsthallePropheten gehören zur Kunst

Von Rudolf Schmitz

Die Kunsthalle Schirn (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Die Kunsthalle Schirn zeigt eine Ausstellung: Künstler und Propheten. Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972 (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Männer mit wallendem Haar, oft barfuß, aber von einer Weltrettungsmission erfüllt. So präsentieren sich die Künstlerpropheten des frühen 20. Jahrhunderts. Was wir heute kaum noch wissen: Sie zogen große Menschenmassen in ihren Bann.

Der Vegetarianer-Apostel Karl Wilhelm Diefenbach schwärmt vom irdischen Paradies. So empfängt uns die Schirn. Das sogenannte Lebensmärchen gehört zum Fries "per aspera ad astra", der über unseren Köpfen schwebt. 34 Tafeln, im Jahr 1892 gemalt. Es ist ein fröhlicher Triumphzug, in schwarz-weiß, mit vielen nackten Schalmei blasenden Kindern, herumpurzelnden Äffchen, springenden Ziegenböcken und Erwachsenen in Reformkleidern. Ein auch heute noch bezauberndes Werk, graziös und luftig. Und von erheblichem Einfluss auf die Avantgarde, wie die Kuratorin Pamela Kort betont:

"Der Künstler ließ seiner Fantasie freien Lauf, wie die Menschen leben sollten: auf dem Lande, im Sonnenlicht, gemeinsam miteinander. Und das Wichtige an diesem Fries ist: Alle Künstler der Avantgarde bewunderten ihn. 34 Teile, jeder 2 Meter lang – das war ein Vorbild für jemanden wie Klimt, für seinen Beethoven-Fries."     

Und wenn man das Foto von Karl Wilhelm Diefenbach sieht, mit seinem wallenden Haar, dem kuttenartigen Mantel und der Umhängetasche, dann fühlt man sich sofort an ein Poster von Joseph Beuys erinnert. Der schreitet auf den Betrachter zu, unter der Parole: La Revolutione siamo noi. Die Revolution, das sind wir! Der Gestus ist derselbe, die weltverändernde Absicht, das mitreißende Charisma. Auch dieser Künstler versteht sich noch im Jahr 1972 als Wanderprediger. Die Ausstellung der Schirn Kunsthalle will eine vergessene Geschichte der Moderne zeigen. Sie widmet sich den verblüffenden Zusammenhängen zwischen selbsternannten Propheten wie Karl Wilhelm Diefenbach oder Gusto Gräser und den großen Figuren der Avantgarde. Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle, sieht da einen roten Faden:    

"Unser Ziel war einfach, auch über Quellenforschung, hier einen Vorschlag zu sehen, wie man auch eine Entwicklungslinie darstellen kann, ohne zu sagen, dass Beuys, Kupka, Schiele jetzt primär oder ausschließlich durch diese Figuren beeinflusst sind, aber was nicht von der Hand zu weisen ist, dass es hier eine sehr enge Verbindungslinie gibt und eine Beeinflussung, eine Auseinandersetzung, und wie wir argumentieren, durchaus auch eine formative Wirkung auf das Werk".   

Meister der Selbstinszenierung

Die Künstlerpropheten waren auch Meister der Selbstinszenierung: Die Ausstellung zeigt zum Beispiel, wie Gustav Nagel, der sich als wiedergeborener Jesus Christus gab, seine deutschlandweite Berühmtheit mit Hilfe von unzähligen Bildpostkarten beförderte. Künstlerpropheten der zweiten Generation, Friedrich Muck-Lamberty oder Ludwig Christian Hauesser, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die Menschen begeisterten, hießen nicht zufällig "Inflationsheilige". Die Sehnsucht nach Erlöserfiguren lässt die Schirn-Ausstellung seltsam aktuell erscheinen.

"Wir leben in einer Zeit wachsender Unzufriedenheit: mit dem ökonomischen System, mit der Politik. Und dann der weit verbreitete Terrorismus. Und ganz ähnliche Bedingungen haben damals für das Erscheinen der Propheten gesorgt. Und in der Ausstellung möchte ich zeigen, dass diese Geschichte sowohl der Avantgarde als auch dem breiten Publikum sehr vertraut war."

Die Schirn Kunsthalle zeigt großartige Werke von Egon Schiele, der in der Wiener Szene mit den Lehren der Propheten vertraut gemacht wurde. Seine Posen als gequälter Erlöser und missverstandener Prophet, von skurrilen Körperhaltungen begleitet, wirken plötzlich gar nicht mehr so exzentrisch. Und auch Frantisek Kupkas Weg in die Abstraktion, der über die Darstellung von Astralkörpern und Tempelbauten geht, findet eine neue Erklärung. Er hatte eine Zeitlang in der Hütteldorfer Kommune von Diefenbach gelebt, am Stadtrand von Wien. Für den nötigen Schuss Ironie sorgen in der Frankfurter Ausstellung  frühe Werke von Jörg Immendorff. Mit einem Hirtenstab, den man auch auf den Fotos der frühen Künstlerpropheten immer wieder gesehen hatte, stilisiert er sich als "Beuys-Ritter". Er führt eher kindliche Agitationsprojekte durch und verkündet schließlich das kommunistische Glaubensbekenntnis. Eine verwirrende, eine amüsante, eine originelle Ausstellung. Sie zeigt, dass das Prophetentum zur Kunst gehört. Wie die Fliegerweste zu Joseph Beuys.   

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