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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.06.2016

Ausstellung in der Frankfurter SchirnComic als Avantgarde für Millionen

Von Rudolf Schmitz

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Eine Original-Titelseite des "New York Herald" mit "Little Nemo in Slumberland" (1907) von dem amerikanischen Karikaturisten und Comiczeichner Winsor McCay (1869 - 1934) wird im Wilhelm Busch Museum gezeigt. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)
Als Comics die Aufmacher der Zeitungen waren: Originaltitelseite des "New York Herald" von 1907 mit dem Comic "Little Nemo in Slumberland" von Winsor McCay. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Lange vor den Surrealisten sprengten Comic-Pioniere wie Winsor McCay gängige Bildformate. Und erreichten damit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Millionenpublikum. Die innovative Kraft der frühen Comics zeigt jetzt eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn.

Alexander Braun: "Der Comic ist dann doch sehr nah an gesellschaftlichen Bereichen wie Jahrmarktsattraktionen, Freakshows, Vergnügungsparks auf Coney Island, dass der Comic da wirklich mutig und innovativ Dinge ausprobieren kann, die in einem anderen Kulturumfeld zu einem Skandal geführt hätten. Das entledigt uns aber heute nicht der Pflicht, das einfach zur Kenntnis zu nehmen. Also wenn ich im Jahr 2016 eine Anthologie zum Surrealismus schreiben müsste, da muss ich irgendwie diesen Winsor McCay berücksichtigen, der das ab 1904 tut".

Der Comic war die erste demokratische Bildkultur. Extrem schnelle Rotationspressen, geringe Papierpreise und der neue Farbdruck sorgten dafür, dass Bildergeschichten ein Millionenpublikum erreichten und es mit verblüffenden Erzählformen bekannt machten.

Die Schirn Kunsthalle zeigt sechs geniale Zeichner: neben Winsor McCay auch George Herriman, Charles Forbell, Cliff Sterrett, Frank King und Lyonel Feininger. Und weil das Medium Comic neu und frisch ist, gibt es genügend Spielraum für Experimente.

Sigmund Freud hätte seine Freude gehabt

Sigmund Freud hätte an den Traumgeschichten des Comiczeichners Winsor McCay seine wahre Freude gehabt. Die erscheinen im Jahr 1905 im New York Herald unter dem Titel "Litte Nemo in Slumberland" und "Dream of a Rarebit Fiend" und sind ein echter Renner.

Eine Besucherin der Ausstellung "Pioniere des Comics" geht in der Frankfurter Schirn an einem überdimensionalen Comic des US-amerikanischen Karikaturisten und Comiczeichners Cliff Sterrett vorbei. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)Eine Besucherin der Ausstellung "Pioniere des Comics" geht in der Frankfurter Schirn an einem überdimensionalen Comic des US-amerikanischen Karikaturisten und Comiczeichners Cliff Sterrett vorbei. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Freuds "Traumdeutung" von 1900 wirkt sich in der Kunst erst in den 1920er Jahren aus: bei den Surrealisten. Doch lange vor Salvador Dalí zeichnet Winsor McCay in seinen Comics dahinschmelzende Gesichter oder Tiere und Menschen, deren Beine sich zu Stelzen auswachsen. Kurator Alexander Braun:

"Wenn Winsor McCay einen Elefanten zeichnet, der total appellativ, grade auf den Betrachter zuläuft, dann ist das ein Special Effect, da ist der Leser völlig überwältigt, der die Zeitung aufschlägt und da kommt ein Elefant frontal auf ihn zugelaufen. Dass das ein Elefant ist, der in einem Traum stattfindet und dass die Architektur im Hintergrund den Palast von König Morpheus im Schlummerland zeigt, die Architektur der Weltausstellung 1896 in Chicago und, und, und, also alle die Aspekte, die wir kulturhistorisch rauslesen, die wird der zeitgenössische Leser nicht gesehen haben".

In der Ausstellung der Schirn Kunsthalle kann man Stunden verbringen. Beim Studium der manchmal schon vergilbten Zeitungsblätter und der vielen Originalzeichnungen. Ohne Alexander Braun und seine Kontakte zu anderen Privatsammlern wäre diese Schau nicht möglich gewesen. Denn die auf Hochkultur fixierten Museen haben das Comic-Sammeln verpasst.

Museen ignorierten die Comic-Kunst

Und wir sind dabei, die Anfänge dieses Mediums zu verlieren, das doch die Wiege unserer heutigen Bildkultur ist: als gleichzeitige Wahrnehmung von Bild und Text. Diese Ignoranz von Kunstgeschichte und Museen bringt Kurator Alexander Braun immer wieder auf die Palme:

"Ihr habt Euch so festgehalten an euren Baselitzen und Lüpertzen und Gerhard Richters und habt da eine ganze Kunstform den Bach runter gehen lassen, obwohl das doch so wichtig wäre, denn das ist das Bildlesen der Zukunft und da hat es seinen Anfang genommen".

Der Kurator der Ausstellung "Pioniere des Comics", Alexander Braun, posiert in der Frankfurter Schirn Kunsthalle vor einem überdimensionalen Comic des US-amerikanischen Karikaturisten und Comiczeichners Winsor McCay.  (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)Der Kurator der Ausstellung "Pioniere des Comics", Alexander Braun, posiert in der Frankfurter Schirn Kunsthalle vor einem überdimensionalen Comic des US-amerikanischen Karikaturisten und Comiczeichners Winsor McCay. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

Anfang und Ende der Ausstellung sind zwei Blow-Up-Räume. Dort sind einzelne Comics wandgroß tapeziert. Da kann man nicht nur sehen, dass die Comic-Zeichner vor dem gleichen Problem wie die bildenden Künstler standen: einen weißen Raum zu füllen. Sondern dass sie es mindestens so virtuos und brillant lösten wie die Maler der Moderne, mit ihrer Ölfarbe auf Leinwand.

In der Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt lässt sich entdecken, was für ein unglaublich kreatives Medium da am Start war: Avantgarde für ein Millionenpublikum.

"Also vom Publikum würde man sich wünschen, dass sie mit größerem Respekt aus der Ausstellung heraus gehen und begreifen, dass Comic älter ist und differenzierter und interessanter und intellektueller als nur Fix und Foxi, Mickey Mouse und Asterix..."

Doch die Kunstgeschichte rümpft immer noch die Nase über die Bilderfindungen der frühen Comics. Und verschweigt sie einfach.

Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde
Ausstellung in der Frankfurter Schirn
23. Juni – 18. September 2016

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