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Kompressor | Beitrag vom 29.11.2017

Ausstellung in Berlin und HamburgTheatralischer Grusel im "Märtyrermuseum"

Simone Reber im Gespräch mit Max Oppel

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In der Ausstellung "Märtyrermuseum" ist die Rekonstruktion eines Schuhes, der von einem der Teilnehmer des Massensuizids der religiösen Bewegung "Heaven‘s Gate" 1997 getragen wurde, zu sehen. Die Schau wurde zuerst in Kopenhagen im Jahr 2016 gezeigt.  (Boris Grimbäck)
In der Ausstellung "Märtyrermuseum" ist die Rekonstruktion eines Schuhes, der von einem der Teilnehmer des Massensuizids der religiösen Bewegung "Heaven‘s Gate" 1997 getragen wurde, zu sehen. (Boris Grimbäck)

Von Jeanne D'Arc über Rosa Luxemburg bis hin zu einem der Attentäter vom Pariser Musikklub Bataclan widmet sich das "Märtyrermuseum" dem Leben und Sterben von Märtyrern. Doch das Konzept geht nicht ganz auf: Die Berliner Ausstellung mache den Zuschauer zum Voyeur, kritisiert Simone Reber.

Das Konzept für die Ausstellung wurde von dem dänischen Künstlerkollektiv "The Other Eye of The Tiger" entwickelt. Bei ihrer Premiere 2016 in Dänemark löste sie einen Skandal aus. Gezeigt wird die Ausstellung ab heute im Rahmen des Nordwind Festivals in Berlin und danach in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Die Kulturjournalistin Simone Reber hat sich die Schau angesehen:

"Man darf sich das 'Märtyrermuseum' nicht als Heldenverehrung vorstellen. Es ist eher ein Museum in Anführungszeichen. Spannend ist, dass die Ausstellung das Konzept des Märtyrertums als solches hinterfragt. Da werden Mechanismen deutlich, wie so eine Märtyrerlegende entsteht – nämlich durch extrem schaurige Details."

Zum Märtyrertum gehöre demnach die Legende, die Bühne und das Bild. Neben Freiheitskämpfern werden auch Terroristen in der Ausstellung vorgestellt – Menschen, die von ihren Organisationen zum Märtyrer erklärt worden seien, berichtet Simone Reber. Die Schau lebe vom "theatralischen Grusel" und sei die Inszenierung eines Theaterkollektivs, das damit einen Dialog anstoßen wolle.

Hang zur Sensationslust

Simone Rebers Kritik: "Das Problem ist ein bisschen, dass die Ausstellung nicht aus dem Aufrechnen 'gut oder böse' herauskommt und eine wirkliche Analyse nicht liefert. Also wie funktioniert Märtyrertum politisch? Was hat die Menschen dazu gebracht, ihr Leben einzusetzen für ihren Glauben? Warum scheitert ein Märtyrer? Es gibt Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, die nie zum Märtyrer geworden sind, weil die Geschichte nicht gestimmt hat." 

Die Ausstellung dränge dazu, die grusligen Details mit einer gewissen Sensationslust wahrzunehmen: "Da macht sie den Zuschauer etwas zum Voyeur." 

(cosa)

"Märtyrermuseum" ist im Rahmen des Nordwind Festivals in Berlin (29.11.-6.12.2017) und in Hamburg auf Kampnagel (8.-16.12.2017) zu sehen.

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