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Fazit | Beitrag vom 12.07.2018

Ausstellung in BerlinDer Untergang des Jemen

Von Werner Bloch

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Das Bild zeigt prachtvolle Bauten in der jemenitischen Stadt Sanaa. (T. Marchand)
Spektakuläre Architektur in Sanaa. Hier der Blick auf das Qasimi-Viertel der Altstadt. (T. Marchand)

Mächtige Festungen, Turmhäuser und auf Bergspitzen gelegene Dörfer – die Architektur im Jemen ist spektakulär. Doch der Krieg droht, alles zu zerstören. Eine Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum zeigt Fotografien der architektonischen Meisterwerke.

Als Günter Grass 2002 den Jemen besuchte, geriet der Schriftsteller, der oft so kritisch sein konnte, ins Schwärmen. "Ich muss sagen, ich habe hier geradezu Glücksmomente erlebt. Diese Mischung aus wunderbarer Landschaft und Einöde und dann wieder fruchtbare Täler. Überall Reste alter Kultur und erhaltene Kultur. Und dann die Menschen", sagte Grass.

Er begeisterte sich – wie die meisten Jemen-Reisenden – vor allem für die überwältigende Architektur, eine 3000 Jahre alte Baukunst mit rasanten Türmen, die auf Felsen fußen, Städte mit bemalten, verzierten Lehm- und Steinbauten, wie in der Altstadt von Sanaa.

Doch der Traum, den Grass geträumt hatte, scheint ausgeträumt. Ute Franke, die Kuratorin und stellvertretende Direktorin des Islamischen Museums: "Ganz konkret in Sanaa. Sicherlich ist eine bestimmte Häuserfront an einem Garten eines der meist fotografierten Motive gewesen, und ein Teil dieser Häuserfront liegt jetzt eben in Schutt und Asche, zerstört im Rahmen dieser Bombardements und das ist natürlich besonders tragisch, weil die Altstadt von Sanaa zum Beispiel in den späten 80er- und 90er-Jahren durch die GTZ und andere Organisationen komplett saniert worden war."

Überall Zerstörung

Geradezu abrasiert wurde Sanaas prominenteste Häuserzeile und hinterlässt eine klaffende Leere, ein Nichts von der Größe eines halben Fußballplatzes. 65 antike Orte im Jemen wurden durch Bomben und Raketeneinschlag zerstört. Alle Museen sind geschlossen. Das Museum von Dhamar mit seinen 12.500 Objekten wurde geradezu pulverisiert, lediglich einige Objekte konnten gerettet werden.

Ganze Moscheen und Minarette sind durch fanatisch-religiöse Bombenattentäter, zum Teil 16-jährige Jungen, in die Luft gesprengt worden. Iris Gerlach, vom Deutschen Archäologischen Institut in Sanaa, eine der besten Jemen-Kennerinnen: "Wir haben enorme Zerstörungen durch Bombardements der Koalition, wir haben durch Bodenkämpfe tiefe Zerstörungen an Ruinenstätten und wir haben Zerstörungen durch Raubgrabungen. Wir haben auch religiös motivierte Zerstörungen, dass man Heiligengräber zerstört oder auch Museen plündert, religiös bedingt, nicht nur, um sich diese Schätze anzueignen. Das ist sowohl al Qaida als auch IS."

Architektonische Wunder in der Wüste

Die berühmte Stadt Shibam, das sogenannte "Chicago in der Wüste", ist bis heute ein architektonisches Wunder. Wohntürme schrauben sich als wahre Wolkenkratzer in den Himmel, 15 Stockwerke und mehr, und das alles aus Lehm, über tausend Jahre alt.  

Der britische Architekt und Professor Trevor Marchand hat Ende der 90er-Jahre eine Lehre bei den Baumeistern in Shibam gemacht. Er ist auch ein begnadeter Fotograf – auf seinen fantastischen Aufnahmen basiert nun die Ausstellung "Mit Augenmaß" im Islamischen Museum.

Allerdings wirken die Fotos merkwürdig deplatziert, sie werden geradezu erdrückt und gehen im Trubel des aus den Nähten brechenden Islamischen Museums fast unter. Die Fotoserie beginnt im Treppenhaus, einem denkbar ungünstigen Ort, wo unerträgliches Gedränge herrscht und sicherlich keine Muße, die Fotos zu betrachten oder die Erklärtexte zu lesen.

Bilder wirken deplaziert

Unglücklich auch der Titel: "Mit Augenmaß". Was soll das heißen? Auf Nachfrage erfährt man, dass die jemenitischen Architekten ohne Hilfsmittel gearbeitet haben, nur mit Augenmaß; doch im Jemen ist ja nun wirklich gerade jedes Augenmaß in der kriegerischen Auseinandersetzung verloren gegangen. 

Iris Gerlach: "Das Deutsche Archäologische Institut hat eine Liste erstellt mit allen wichtigen Koordinaten von Monumenten, archäologischen Stätten, von Museen im Jemen und hat sie über die UNESCO an die saudische Militärkoalition geschickt. Die Antwort war: Herzlichen Dank, aber sie können für nichts garantieren und keine Rücksicht nehmen."

Das Deutsche Archäologische Institut arbeitet jetzt von außen, mit Satellitenfotos – und mit Handyfotos, die aus dem Inneren des Jemen geschickt werden. Vor allem von den jemenitischen Mitarbeitern, die seit zwei Jahren keinen Lohn mehr erhalten haben.

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