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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.03.2017

Ausstellung in AuschwitzErfurter Know-How für die Vernichtungskammern

Von Henry Bernhard

Stacheldraht vor Barracken im KZ Auschwitz (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)
Erfurter Ofenbauer belieferten das KZ Auschwitz (picture alliance / dpa / Fritz Schumann)

Es war eine Erfurter Firma, die Verbrennungsöfen für Krematorien baute und so den industriellen Massenmord der Nazis ermöglichte. Eine Ausstellung in Auschwitz erzählt die Geschichte der Erfurter Ofenbauer Topf & Söhne.

Schon bei seinem ersten Besuch in Auschwitz im vergangenen Frühjahr zog der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow Verbindungslinien nach Thüringen: Nach Weimar, nach Buchenwald, nach Erfurt, wo die Firma Topf & Söhne die Verbrennungsöfen für die Krematorien konstruiert, gebaut und getestet hat, die den industriellen Massenmord mit ermöglicht haben.

 "Topf & Söhne ist ja entstanden mit der Technologie am Anfang, weil die Firma ja was ganz anderes gebaut hat - für Mälzerei. Ich meine, da muss ja technisches Wissen so präsent sein im Kopf, man muss ja genau wissen, was man tut!"

Nun begleitet Ramelow eine Erfurter Ausstellung nach Auschwitz. Aus der historischen Verantwortung heraus.

"Auschwitz ist das deutsche Menschheitsverbrechen und Symbol des deutschen Menschheitsverbrechens. Und die Maschinen, die Technik, die dort aufgebaut und zu den Menschheitsverbrechen geholfen hat, die Spuren zu verwischen – diese Technik kam aus Erfurt. 'Topf & Söhne', das ist der Erbauer der Verbrennungsöfen. Und das ist alles so ungeheuerlich, was Menschen Menschen angetan haben. Und diese Menschen in der Verantwortung sind immer unsere Vorfahren. Das heißt, es ist deutsche Verantwortung."

Immer größere und effizientere Öfen

Die Firma "Topf & Söhne" entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Erfurt und produzierte Heizungsanlagen, Brauerei- und Mälzereieinrichtungen. Das Unternehmen wuchs schnell, wurde Weltmarktführer und exportierte in 50 Länder. Bald entwickelte man auch erfolgreich Krematoriumsöfen – gerühmt für die besondere Pietät bei der Verbrennung.

Zwar trat die Firmenleitung 1933 in die NSDAP ein, um so die Firma vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, doch beschäftigte "Topf & Söhne" Kommunisten, Sozialdemokraten und auch sogenannte "Halbjuden", die zuvor im KZ gewesen waren und verteidigte diese mitunter gegen den Zugriff der Gestapo.

Das hinderte die Firma nicht daran, ab 1939 Verbrennungsöfen an die SS zu liefern – und wahrscheinlich auch an Euthanasieanstalten. Die Ingenieure von "Topf & Söhne" entwickelten eine große Eigeninitiative, immer größere und effizientere Öfen zu liefern – für über 1.000 Leichen am Tag, wie im Falle von Auschwitz – und jenseits jeglicher Pietät.

Es gab Vorteile für einzelne

Betriebswirtschaftlich gesehen war das Geschäft mit den Verbrennungsöfen irrelevant, betont Annegret Schüle, die Kuratorin der Ausstellung.

"Die Dokumente, die wir haben, zeigen ja, dass es eine Anforderung war der SS, der man bereitwillig und mit großer Initiative entsprochen hat, dass es Konkurrenz war unter Ingenieuren – was ist die beste Technik für die Verbrennung von ganz vielen Leichen? –, sicher auch Statusgewinn im Unternehmen, sicher auch die Näher zur Macht.

Also, es gab Vorteile für einzelne. Aber wenn man quasi nach großen, nach monströsen Motiven sucht, nach Antisemitismus, nach Fanatismus, dann sucht man vergebens. Es waren die kleinen Motive, die banalen: mehr Geld, mehr Status. Man fühlte sich als Techniker herausgefordert, man wollte einen neuen Markt …"

Die hochmotivierten Ingenieure von "Topf & Söhne" entwickelten so Massenbeseitungsanlagen für Leichen und verbesserten die Entlüftung der Gaskammern in Auschwitz, so dass die SS dort schneller morden konnte. Sie arbeiteten teilweise über ein Jahr direkt im KZ und rechneten penibel jede Überstunde ab.

All dies zeigt die Wanderausstellung ab morgen in der KZ-Gedenkstätte. Dabei wird auch die tragische Geschichte von Vater und Sohn Wiemokli erzählt. Annegret Schüle:

Die Firma war auch ein Unterschlupf

"Dieser Sohn, er hieß Willy Wiemokli, der wurde mit seinem Vater nach Buchenwald deportiert, im November 1938, hat deshalb seinen Job verloren, kam deshalb bei "Topf & Söhne" unter, war heilfroh, weil er seinen schon lange arbeitslos gewordenen Vater unterstützen konnte. Und in diesem Unternehmen, was ihm Unterschlupf gab, wofür er bis nach dem Krieg dankbar war, dieses Unternehmen fängt an, Öfen nach Buchenwald, nach Mauthausen, nach Auschwitz zu liefern …"

… wo Willy Wiemoklis Vater David 1943 eingeliefert, ermordet und verbrannt wird – in einem Ofen von "Topf & Söhne" aus Erfurt.

Die Ausstellung zeigt sehr nüchtern Tragödien, Eitelkeiten, menschliche Abgründe, die sich in Geschäftspapieren verbergen. Und sie zeigt in der kalten Mechanik des Mordens die Banalität des Bösen. Der Reingewinn der Firma Topf & Söhne" mit den KZ-Verbrennungsöfen belief sich auf 6.000 RM pro Jahr. Eine wirtschaftlich vernachlässigbare Summe.

Die Erinnerung an Bertolt Brechts Stück "Galileo Galilei" drängt sich auf. Brecht läßt seinen Helden in dessen großem Monolog über die Verantwortung der Wissenschaftler sagen:

"Wenn Wissenschaftler sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen anzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können."

Brecht hätte sicher nichts dagegen gehabt, diese Sätze auch auf Ärzte, Ingenieure, ja auf Menschen überhaupt anzuwenden. Egal, in welcher Zeit.

Die Ausstellung "Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz" ist vom 22. März bis zum 31. Oktober 2017 in der Gedenkstätte Auschwitz zu sehen.

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