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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.03.2018

Ausstellung im Deutschen Historischen MuseumWer spart in der Zeit, der hat in der Not

Von Christiane Habermalz

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Heimsparbüchse Nr. 58 der Sparkasse Gornsdorf (Erzgebirge), 1912 - Eine schwarze, ovale Blechdose mit Henkel und Sparschlitz an der rechten Seite. (© Schwarzenberg, Historisches Archiv der Erzgebirgssparkasse / Foto: Thomas Bruns)
Wer den Pfennig nicht ehrt: Heimsparbüchse aus dem Jahr 1912 (© Schwarzenberg, Historisches Archiv der Erzgebirgssparkasse / Foto: Thomas Bruns)

Die Deutschen sind Sparweltmeister, heißt es bis heute. Dabei haben mehr als ein Viertel gar keine Ersparnisse. Im Deutschen Historischen Museum in Berlin beschäftigt sich eine Ausstellung mit "Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend.

Die Spardose ist eindeutig das vorherrschende Motiv in dieser Ausstellung. Es gibt sie in allen Größen und Formen, die älteste stammt aus dem Römischen Reich – ein schlichtes, ausgehöhltes Tongefäß mit einem Schlitz – das jüngste ist das wohlbekannte Sparschwein mit dem Sparkassenlogo drauf. Am interessantesten der mannshohe Schulsparautomat aus dem Jahr 1925, wie er bis in die 60er Jahre hinein flächendeckend in deutschen Schulen aufgestellt wurde – mit Schlitzen, in die die Kinder ihr Taschengeld stecken konnten.

Wer spart in der Zeit, der hat in der Not - das sollten schon die Kleinsten verinnerlichen. Robert Muschalla, Wirtschaftshistoriker und Kurator der Ausstellung, favorisiert eine kleine bunte Blechbüchse der Sparkasse aus den 30er Jahren.

Sinnbild für das Sparen in Deutschland

Sie steht, sagt er, sozusagen sinnbildlich für das, was Sparen in Deutschland ausmacht: "Es sind dort drei bebilderte Begriffe zu sehen: Arbeit, Ordnung, Sparsamkeit. Die Sparsamkeit in Deutschland hat sich entwickelt in engem Zusammenhang mit der Arbeitsethik, und der Bezug zum Staat war essentiell. Dazu steht der Ordnungsbegriff. Und so ist in diesem einen Objekt eigentlich die Essenz dessen, was deutsch ist am Sparen, zusammengefasst." 

Warum sind die Deutschen bis heute die Sparweltmeister – und wieso wird die Spardoktrin der deutschen Finanzminister bis heute hierzulande wenig in Frage gestellt, während man das im Ausland durchaus anders sieht? "The German Problem" titelte die Zeitschrift "The Economist" im vergangenen Sommer und meinte die negativen Folgen der deutsche Austeritätspolitik auf die Weltwirtschaft.

Das Titelbild der britischen Zeitschrift hängt quasi als Prolog gleich zu Beginn der Ausstellung an der Wand. Was macht die Deutschen zu den Supersparern, die selbst in Zeiten größter Inflation ihr entwertetes Geld weiter brav zur Bank trugen?

Sparen wurde den Deutschen eingebläut

Das Deutsche Historische Museum versucht diesen Fragen mit einem Exkurs durch die Geschichte des Sparens nachzugehen – und stellt die These auf: Sparen als Tugend, als sittliches überhöhte Eigenschaft, das wurde den Deutschen über Jahrhunderte erfolgreich eingebläut.

Museumsdirektor Raphael Gross präzisiert: "Bis hin zu dem Zeitpunkt, als die Ansicht sich durchsetzte, Sparen sei eine besonders deutsche Tugend. Und die Deutschen, die sparten und fleißig sind und arbeiten, seien in ihrem Fleiß und in ihrer Sparsamkeit schon allein dadurch besonders tugendhaft."<

Sinnsprüche auf Spardosen, Bilder, Propagandaplakate, Schulaktionen – die Ausstellung zeigt chronologisch, wie das Sparen zunächst Mitte des 18. Jahrhunderts als Mittel der Armutsbekämpfung eingeführt wurde - und wie sich der Staat bald das eifrige Sparen der Bürger zunutze machte – etwa für Kriegsanleihen und für judenfeindliche Propaganda.

"Es war eben dieser Gegensatz, der schon im späten 19. Jahrhundert so formuliert wurde, zwischen dem vermeintlich schaffenden Deutschen, sparsamen Deutschen, und dem raffenden jüdischen Finanzkapital. Sie sehen hier ganz viel Werbematerial aus der Zeit, das mit diesen Begriffen arbeitet, diesen Zusammenhang zwischen Arbeitsethik und Sparideologie herstellt", erklärt Kurator Muschalla.

Sparwerbefilme in Dauerschleife

Die Bilder, die dabei verwendet werden, sind immer die Gleichen, zum Teil bis heute. Bienen und Eichhörnchen stehen für Fleiß und Vorsorge, Heuschrecken, oft mit jüdischen Zügen, und anderes Getier für das Leben in Saus und Braus auf Kosten der anderen. Sparwerbefilme gibt es so viele, dass sie in einem separaten Raum als stundenlanger Durchlaufposten gezeigt werden können.

Sinnbilder der deutschen Spardisziplin sind auch der VW-Käfer oder die Wilhelm-Gustloff, deren Modelle zu sehen sind. Jeder kann sich ein eigenes Auto, eine eigene Schiffsreise leisten, wenn er nur fleißig spart, so lautete die offizielle Doktrin – die Einlagen wurden vom NS-Staat für die Rüstung verwendet.

Und auch in der DDR wurde gespart. Über Jahrzehnte auf einen Trabi – was sonst sollte man mit seinem Geld auch anfangen? Zu Zeiten der Industrialisierung wurde Sparen als Mittel zur Beruhigung der sozialen Frage erkannt. Wer Ersparnisse zu verlieren hat, der ist weniger empfänglich für revolutionäre Ideen, so das Kalkül. Marx hatte das erkannt und kritisierte das Sparen als Kardinaltugend des Kapitalismus.

Dazu Robert Muschalla: "Alfred Krupp hat ganz dezidiert die Spareinrichtungen in seinem Betrieb gegründet, um die aufkommenden Arbeiterausschüsse, um die Sozialdemokratie unter Kontrolle zu halten, es war also ein Mittel sozialer Kontrolle."

Der Deutsche - ein indoktrinierter Sparfuchs?

Sind wir Deutschen also zutiefst indoktrinierte Sparfüchse, die der Politik bis heute auf den Leim gehen? Diese Frage reicht die Ausstellung an die Besucher weiter, die im letzten Raum der Ausstellung vorbeigehen an flimmernden Fernsehbildschirmen mit Reden von Angela Merkel und Peer Steinbrück aus der jüngsten Finanzkrise. "Die Einlagen der deutschen Sparerinnen und Sparer sind sicher!" verkünden sie. Gott sei Dank.

Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend
Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin
22.3 - 26.8.2018

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