Dienstag, 01.12.2020
 

Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.05.2020

Ausstellung "Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie"Dichten als spielerisches Ereignis

Von Silke Arning

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Der Dichter Johann Christian Friedrich Hölderlin im Porträt. (picture alliance / Heritage-Images)
Schrieb sehr lange Gedichte: Johann Christian Friedrich Hölderlin. (picture alliance / Heritage-Images)

Viel zu lang und zu komplex erscheinen Hölderlins Gedichte, um sie auswendig zu lernen. So suchen sich seine Leser gern einzelne Stellen heraus. Eine Hölderlin-Ausstellung im Marbacher Literaturarchiv nähert sich dem Dichter nun auf ähnliche Weise.

Eine Beatbox empfängt die Besucher. Wer an den verschiedenen Knöpfen zieht, bringt mal einen Vokal, mal einen Konsonanten aus Hölderlins berühmten Gedicht "Hälfte des Lebens" zum Klingen. Poesie als Lautereignis.

Silbe für Silbe arbeitet sich Heike Gfrereis, Leiterin der Marbacher Museen, mit der Beatbox durch Hölderlins Text. Dieser spielerische Auftakt der neuen Marbacher Ausstellung weist den Weg. Die Besucher sollen Hölderlins Lyrik erst einmal ganz unvoreingenommen entdecken.

Satzzeichen, Vokale, Konsonanten

So betont die Direktorin des Marbacher Literaturarchivs Sandra Richter:

"Wir sind von einem Besucher, einer Besucherin ausgegangen, die sich Hölderlin eben zunächst zögerlich nähert. Weil dieser hohe Ton möglicherweise verschreckt, irritiert, dass man Sorge hat, dass man das nicht versteht, nicht nachvollziehen kann. Und wir nähern uns dem Phänomen von den kleinsten Elementen aus. Wir untersuchen, wie Satzzeichen verwendet werden, wie Vokale, Konsonanten auftauchen, arbeiten uns von dort weiter zum Satzbau, arbeiten uns schließlich zur Odenstrophe vor und entdecken, wie Hölderlin tatsächlich dichtete."

Eine Entwicklung, die sich im zweiten Kapitel dieser Ausstellung aufblättert. Quer durch den Raum hängen auf einzelnen Wandtafeln die Gedichte Hölderlins in chronologischer Reihenfolge.

Fein säuberlich oder wuchernd

Der 15-jährige Hölderlin schreibt fein säuberlich auf kleine Papiere, auch die späten Gedichte sind gut zu lesen, meistens auf einer einzelnen Seite verfasst. Dazwischen aber wird es unübersichtlich. Da wuchert ein Gedicht über mehrere Blätter hinweg und setzt sich – erstaunlicherweise – aus Fragmenten zusammen.

"Das Schöne ist, dass man sieht, dass Hölderlin nicht gleich ein Gedicht schreibt, also das Gedicht nicht als Ganzes im Kopf hat, sondern von den Einzelelementen aus denkt, indem er zunächst mal die 'Rose' hinschreibt und rechts die 'Schwäne'. Das wird dann in ein anderes Gedicht geschrieben. Dann kommen schon Formulierungen wie 'Wo nehme ich, wenn es Winter ist, die Blumen, dass ich kränze den himmlischen Winde', da kippt’s wieder. Das finde ich einfach sehr schön, wie sich dieses Gedicht allmählich herausschiebt und wie Hölderlin tatsächlich von diesen Einzelelementen herkommt. Jedes Gedicht hat so seine Art der Entstehungsnotation und eben auch der Wirkungsnotation."

Und diese Wirkung können die Besucher an verschiedenen Laborstationen selbst erkunden. Ein Computer zeichnet die Augenbewegungen des Lesers nach: Wandern sie quer über das Blatt oder folgen sie Wort für Wort dem Fluss des Gedichts?

Rezeption durch Paul Celan

Die Wirkung Hölderlins auf nachfolgende Generationen verdeutlicht ein weiterer Ausstellungsraum. Die Spur führt vom ersten Hölderlin-Biografen Wilhelm Waiblinger zu Eduard Mörike, von Rainer Maria Rilke zu Hermann Hesse. Der Hölderlin-Leser schlechthin aber ist Paul Celan, meint Sandra Richter:

"Celan ließ, als er sich umbrachte, eine Hölderlin-Biografie auf dem Schreibtisch offen liegen. Das ist sicher als Symbol zu sehen. Und in Celans Texten finden sich unendlich viele Hölderlin-Verweise. Und diese Parallelität, die wollten wir zeigen und herausarbeiten, indem wir dann wiederum Celans eigene Sprache untersuchten."

Es ist eine Sprache, die Hölderlins Wörter zerlegt, reduziert, um sie jeglicher Eindeutigkeit zu entziehen. Und wie Fragmente erscheinen auch die Texte Celans, die sich plötzlich und ein wenig unmotiviert in der Dauerausstellung wiederfinden. Dazu in einer Vitrine die erwähnte Hölderlin-Biografie – aufgeschlagen wie vor 50 Jahren und eine Postkarte aus der Marbacher Hölderlin-Ausstellung von 1970, die auch Celan besucht hatte.

"Die Postkarte trifft in Paris gerade nach Celans Tod ein. Das heißt er liest sie auch nicht mehr. Das sind zwei sehr berührende Stücke. Weil man sieht, dass tatsächlich auch für Celan Hölderlin zum Lebensautor wurde in vielerlei Hinsicht", sagt Museumsleiterin Heike Gfrereis.

Berührend ja, aber leider verlieren sich gerade diese wertvollen Zeugen wie ein Appendix in der Weite der Dauerausstellung. Irritierend und einfach schade.

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