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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.02.2014

AusstellungDie Welt eines "genialen Künstlers"

Der Verleger Gerhard Steidl über Karl Lagerfeld und die Ausstellung "Parallele Gegensätze"

Moderation: Joachim Scholl

Karl Lagerfeld posiert am Donnerstag (12.04.2012) in Hamburg nach der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow "Markus Lanz".  (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
Karl Lagerfeld (picture alliance / dpa / Georg Wendt)

Seit mehr als 50 Jahren erschafft Karl Lagerfeld schöne Dinge. Er fotografiert, entwirft Mode, gestaltet Bücher oder Produkte wie Eiscreme oder Autos. Der Verleger Gerhard Steidel kennt ihn gut und sagt: Wenn er arbeitet, ist er "der normalste Mensch der Welt". Eine Schau im Museum Folkwang in Essen gibt Einblick in Lagerfelds vielseitiges Schaffen.

Joachim Scholl: "Ich habe das Glück, im Leben das machen zu können, was mich am meisten interessiert: Fotografie, Bücher, Mode." Das sagt ein deutscher Weltstar, der im doppelten Sinn eine Marke ist: Karl Lagerfeld. Seit über 50 Jahren ist er kreativ, und wie umfassend, zeigt ab morgen eine Ausstellung im Folkwang-Museum in Essen, und Kurator dieser Schau ist der Verleger Gerhard Steidl, jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Gerhard Steidl: Guten Morgen!

Scholl: Sie kennen, Herr Steidl, Karl Lagerfeld schon sehr lange persönlich, haben viel mit ihm zusammengearbeitet. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?

Steidl: Kennengelernt haben wir uns 1992. Da hat er einen Buchpreis gewonnen und er wollte dieses Buch aber gar nicht mit mir machen. Er sagte, an einer Monografie bin ich nicht interessiert, was soll ich da mit Ihnen arbeiten. Dann habe ich ein bisschen mit ihm gekämpft, ihm Druckmuster gezeigt, Papiermuster gezeigt, und dann war er so verzaubert durch das, was wir gemeinsam lieben, nämlich Bücher und Drucksachen, dass er dann doch zugestimmt hat. '93 ist das erste Buch mit ihm erschienen mit dem Titel "Off the record".

Scholl: Ihr Verlag in Göttingen, Herr Steidl, in der Düsteren Straße, ist in der Branche berühmt als Bücherburg, als Ort besessener Druckkunst, die Sie, der Chef, von fünf Uhr morgens an betreiben. Wie geht denn diese Welt zusammen mit der Welt des Karl Lagerfeld, mit Schloss und Butler und dieser ganzen Eleganz der Haute Couture?

"Lagerfeld macht harte Arbeit"

Steidl: Na ja, gut. Das was man in den Medien sieht und was man bei den Modeschauen sieht, ist die eine Sache, und auf der anderen Seite ist es natürlich so: Das was Lagerfeld macht ist einfach harte Arbeit. Er macht zwölf Kollektionen im Jahr, dazwischen noch Modefotografie für Magazine. Es kommt die kommerzielle Fotografie dazu oder die Reklamefotografie, und da ist so viel zu tun, dass er wirklich hart arbeiten muss. Er hat mit mir eine Gemeinsamkeit: Er steht sehr früh auf. Wenn ich um fünf Uhr in den Verlag komme, habe ich meistens schon die ersten Faxe liegen mit Fragen und Arbeitsanweisungen, und unten drunter steht immer "bitte Kommentar" und dann ist er schon ungeduldig, etwas von mir zu hören. Also die Arbeit beginnt früh und endet spät und da schafft man natürlich auch eine ganze Menge.

Scholl: Die Öffentlichkeit kennt Karl Lagerfeld ja so als den flamboyanten, leicht exzentrischen Modezaren mit dem Zöpfchen, der Sonnenbrille, diesen merkwürdigen Heavy-Metal-Handschuhen. Da denkt man immer Ooh La La (…) très chic. Ist der auch mal anders? Sitzt der auch mal in Jeans und T-Shirt bei Ihnen am Tisch, wenn gearbeitet wird in Göttingen oder in Paris?

Steidl: Nein. Er ist sehr diszipliniert. Er ist immer perfekt gekleidet. Und man muss ja auch nicht schlampig herumsitzen, wenn man arbeitet. Nein. Nur wenn er zeichnet, dann zieht er sich einen weißen Kittel an, denn dann saut man sich von oben bis unten mit Farbe voll, und das möchte er natürlich bei seiner guten Kleidung vermeiden. Wenn er zeichnet und Entwürfe macht für Bücher oder Magazine oder Modezeichnungen, dann sieht er aus wie ich: Er hat einen weißen Kittel an. Ansonsten ist er elegant gekleidet wie ein Business Man.

Scholl: Das heißt, Sie werfen sich dann auch ein bisschen in Schale, wenn Sie mal nach Paris reisen oder er zu Besuch kommt?

Steidl: Nein, eigentlich gar nicht. Ich trage das, was ich immer habe: Sneakers, Jeans und ein Kapuzenshirt, weil das bequem ist zum Reisen. Das muss ich nicht machen, um mich dort vorzuführen.

Scholl: Kommen wir mal zum Künstler und auch zum Denker Karl Lagerfeld. Das ist er definitiv, das blitzt immer mal wieder kurz auf, auch bei seinen Auftritten. Was für ein Künstler ist er denn? Wie würden Sie ihn auch als Intellektuellen beschreiben?

"Er hasst es, künstlerische Diskussionen über sein Werk zu führen"

Steidl: Es ist sehr einfach, mit ihm zu arbeiten, und er lässt auch nicht durchblicken, dass er ein genialer Künstler ist. Das merkt man eigentlich erst, wenn man lange mit ihm zusammenarbeitet und wenn man die Ergebnisse sieht. Aber im täglichen Umgang ist er der normalste Mensch der Welt. Er selbst bezeichnet sich auch, wenn wir arbeiten, als Gebrauchsgrafiker und er nennt das, was er macht, angewandte Kunst. Manchmal sagt er auch, er geht fast noch einen Schritt weiter: Das was ich mache ist Strich. Es ist alles nur dazu da, um verkauft zu werden.

Das heißt, er ist sehr auf dem Boden verwurzelt und er hasst es, künstlerische Diskussionen über sein Werk zu führen. Das was er macht ist für den Moment getan, es ist ästhetisch, es ist schön, manchmal macht es Spaß, und die Zeit mag dann entscheiden, was davon übrig bleibt. Aber diese Ausstellung im Museum Folkwang ist der Beweis, wir haben dort über 350 Exponate an den Wänden, dass es eben doch über die Zeit trägt, denn das, was wir dort ausstellen, ist Arbeit und geniale Kunst aus über 40 Jahren.

Scholl: Ab morgen in Essen eine große Ausstellung mit Karl Lagerfelds künstlerischem Schaffen. Darüber sind wir hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Gerhard Steidl. Er gestaltet die Schau. Der Titel der Ausstellung lautet: "Parallele Gegensätze". Fotografie – Buchkunst – Mode. Schönes Paradoxon, parallele Gegensätze. Stammt das vom Meister selbst?

Steidl: Ja, das hat er sich selbst ausgedacht. Denn es ist natürlich ein Widerspruch. Auf der einen Seite hat er hoch ästhetische Fotos an den Wänden, sagen wir mal, Architektur oder Abstraktionen, dann gibt es Zeichnungen und dann gibt es ganz kommerzielle Dinge. Er hat für Automobilfirmen Werbung gemacht, für Eiscreme. Er hat ein Klavier designt für Steinway. Er hat einen Safe gemacht mit einer Firma in Süddeutschland für hochwertige Schmuckstücke. Das alles mischt sich ab und sieht scheinbar so aus, als ob das alles nicht zusammen passt. Aber wenn man genau hinschaut, ist alles verzahnt und gehört zusammen.

Ausstellung zeigt "work in progress"

Scholl: Noch einmal zu diesem Titel: Fotografie – Buchkunst – Mode. Die Reihenfolge ist ja interessant. Sind Karl Lagerfeld seine Fotografie und die Buchkunst wichtiger als die Mode?

Steidl: Ja, da war ich auch etwas überrascht. Er hat diese Reihenfolge tatsächlich selbst festgelegt und ich glaube, der Gedanke dahinter ist eher der, dass Fotografie und Bücher überleben, dass es tatsächlich für die Jahrhunderte gemacht wird, in Archiven und Bibliotheken aufbewahrt, während die Mode eben doch für den Tag ist. Das heißt: Eine Kollektion erschient, sie wird verkauft und dann kommt die nächste Kollektion. Aber Mode sammelt man ja nicht in dem Sinne. Ich denke, bei ihm war die Überlegung schon die: Wenn ich in ein Museum gehe, dann sollen im Vordergrund die Sachen stehen, die langlebig sind.

Scholl: Jetzt haben Sie die Exponate schon gestreift, Herr Steidl. Aber noch mal zur Vorstellung: Wie haben Sie die Ausstellung aufgebaut? Was ist zu sehen aus diesen vier Jahrzehnten Kreativität?

Steidl: Es ist eigentlich ein Parcours, den man nennen kann "work in progress" oder "Zwischenbericht", denn Lagerfeld hasst dieses Wort Retrospektive. Wir verwenden das auch gar nicht. Ich sagte schon: Es gibt über 350 Exponate. Als ich ihm diese Zahl nannte, hat er reflexartig geantwortet: Es kann wenigstens keiner sagen, ich hätte in den letzten Jahren nichts getan. Und so beginnt es auch. Es sind frühe Polaroids dabei aus den 80er-Jahren. Die ältesten Arbeiten stammen von Ende 1970. Und dann geht diese Ausstellung in einzelnen Räumen auch durch viele Techniken, die er anwendet. Es ist Serigrafie, es ist die Daguerreotypie, es sind Glasgravuren, es sind Acrylglasdrucke und die hochwertigen Bücher, die er in seinen Verlagen macht. Das ist ein Rundgang, ich würde sagen, wenn man sich intensiv damit beschäftigen will – und es lohnt sich –, für drei bis vier Stunden kann man sich in diesem Museum aufhalten und ist gut unterhaltend.

Scholl: Aber, Herr Steidl, Sie haben gerade selbst gesagt, dass Herr Lagerfeld sich gewundert hätte, 350 Exponate. Haben Sie die nicht zusammen ausgesucht? Oder überhaupt: Woher kommen die denn? Hat er denn ein Archiv aufgebaut, wo man sich das aussuchen kann oder wie ist das entstanden?

Exponate zusammen mit Lagerfeld ausgesucht

Steidl: Nein, es ist kein aufgebautes Archiv. Aber er hat natürlich in Paris ein riesiges Studio und er hat Lagerhäuser und er bewahrt schon alles auf, was er je gemacht hat. Natürlich aus der Frühzeit gibt es nur analoge Daten, das heißt Prints und Archivalien. Seitdem er digital fotografiert und digital archiviert, gibt es natürlich auch dort Server, auf die wir zurückgreifen können. Ich habe eigentlich eine große Materialsammlung gemacht, diese strukturiert, eigentlich nach Zeitläufen, und habe mit ihm durchgesprochen, was interessant wäre, und das ist dann eigentlich spielerisch zusammengekommen. Diese Auswahl, die im Museum Folkwang zu sehen ist, stammt letzten Endes von Lagerfeld und mir.

Scholl: Ihre Welt sind jetzt aber eher die Bücher und das Büchermachen und auch das Buchkunst machen. Wie haben Sie sich denn als Museumsmacher, als Kurator gefühlt, Herr Steidl?

Steidl: Ausstellungen zu konzipieren und zu gestalten, das macht mir seit einigen Jahren Spaß. Ich habe irgendwann mal festgestellt, dass das gar nicht so viel anders ist als das Büchermachen. Wenn ich anfange, ein Buch zu machen, dann habe ich ja auch weißes Papier vor mir und muss das bedrucken und am Ende binden und dann wird das verkauft, und eine Ausstellung im Museum ist nicht so viel anders. Man steht vor der weißen Wand und muss diese Wand mit Bilderrahmen oder mit Exponaten füllen, und dann irgendwann sind die Wände behangen, das Licht ist da und das Publikum kommt herein und konsumiert die Ausstellung. Das ist nicht so viel anders als bei Büchern. Ich fühle mich da schon zuhause.

Scholl: Was ist Ihr Lieblingsexponat oder bei welchem würden Sie sagen, da drückt sich oder artikuliert sich Lagerfelds Kunst oder seine Ästhetik, das was von ihm auch vielleicht mal bleiben wird, am besten aus?

Steidl: Es gibt einen Zyklus, den er in den 90er-Jahren gemacht hat: Dorian Gray. Dort hat er junge Menschen, schöne Menschen mit moderner zeitgenössischer Kleidung fotografiert und sie dann entsprechend der literarischen Vorlage des Dorian Gray altern lassen. Das ist, glaube ich, die Arbeit, die am meisten für ihn spricht, weil er arbeitet natürlich weltweit für junge Menschen, stellt attraktive Kleidung her, und letzten Endes ist er sich doch darüber im klaren, dass alle Menschen altern und dass auch er altert und dass die Jugend nur ein Geschenk von kurzer Dauer ist.

Scholl: Hat er Sie eigentlich schon mal modemäßig beraten, gesagt, Gerhard, so geht’s nicht weiter?

Steidl: Doch, doch. Ich hatte mal irgendwann eine Jacke an und er sagte, was ist denn das, woher kommt denn das, und ich sagte ihm die Marke und fügte hinzu, das ist Seide, und da sagte er mit spitzer Zunge: "Wollseide, Gerhard", also etwas Minderwertiges. Das war die einzige Beratung, die ich von ihm je hatte.

Scholl: "Parallele Gegensätze. Fotografie – Buchkunst – Mode". So heißt die Ausstellung, die morgen in Essen im Folkwang-Museum eröffnet wird. Sie läuft dann bis zum 11. Mai und kuratiert hat sie Gerhard Steidl, der Verleger aus Göttingen. Viel Erfolg, Herr Steidl, und schönen Dank für das Gespräch.

Steidl: Danke! Auf Wiederhören!

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