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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.06.2019

Ausstellung der Akademie der Künste Berühmte Schriftsteller und ihre Bibliotheken

Von Esther Schelander

Christa Wolf sitzt 1963 vor einem Bücherregal an ihrem Schreibtisch und liest in einem Buch.   (picture-alliance / akg-images)
Auch Bücher aus der Bibliothek von Christa Wolf werden in der Ausstellung gezeigt. (picture-alliance / akg-images)

Noch auf der Flucht vor den Nazis sorgte sich Arnold Zweig um seine Büchersammlung. Auch die Bibliotheken von Heinrich Mann, Zola und anderen Schriftstellern verraten viel über ihre Denk- und Arbeitsweise, wie die Ausstellung "Erlesenen Bibliotheken" zeigt.

"Als Anna Seghers emigrierte, konnte sie ihre Bibliothek nicht mitnehmen. Während sie selber in Mexiko war, lag ihre Bibliothek im Keller in Paris. Und sie wusste nicht, ob das sicher bleiben würde, sie wusste gar nichts über den Verbleib", sagt Marcel Lepper, Leiter des Literaturarchivs der Akademie der Künste. "Nach dem Krieg hat dann zunächst ihr Sohn diese Bibliothek wieder gefunden, wieder aufgespürt und tatsächlich war noch alles da. Das ist ein Sonderfall, weil viele Bibliotheken einfach auf diesen wirren Wegen verloren gegangen sind."

Flucht und Verlust

Das Literaturarchiv der Akademie der Künste beherbergt auch persönliche Bibliotheken von Schriftstellerinnen und Schriftstellern – vor allem aus  dem 20 Jahrhundert, also einer Zeit, die für viele geprägt war von Verlust, Bücherverbrennung, Zensur und Enteignung.

So auch für Arnold Zweig: Die Nazis beschlagnahmen seine Bibliothek direkt nach der Machtergreifung. Der Schriftsteller kann nach Haifa, in britisches Mandatsgebiet, fliehen. Er schreibt 1935 in einem Brief: "Ich gehe im Geiste an den beiden großen Wänden meiner Bibliothek entlang und sehe die Abteilungen, die Fächer und die Rücken meiner Lieblinge. Die Platon-Ausgaben zum Beispiel, die des Grafen Stolberg mit den Stichen der Zeit. Die Shakespeare Ausgaben von Kleukens, wunderbar gedruckt. Die Tolstoi Ausgabe in Halbleder. Alle Frühausgaben georgischer Gedichte. Ein kompletter Dehmel in Halbpergament. Eine ganze Wand voller Memoiren und Dokumentenwerke über den Krieg, von denen einige – ich gestehe es gern – mir zur Zeit schmerzlich fehlen."

Schauspielerin Maren Eggert liest in der Akademie der Künste aus diesem Brief. "Close Reading" heißt der Abend, der sich den Bibliotheken von Künstlern und Schriftstellern widmet – mit Lesungen und Diskussionen.

Angst vor der Zerstörung der geliebten Bibliothek

Im Zentrum steht die Frage: Was erzählen die Bibliotheken noch heute über ihre Besitzer? Und lassen sich verstreute Sammlungen wieder zusammenführen? Arnold Zweig fürchtet  1935, dass seine Büchersammlung zerschlagen wird. In seinem öffentlichen Brief wendet er sich an die Buchhändler im Nazideutschland:

"Wenn also nächsten bei euch Verkäufer auftauchen oder wenn ihr hört, dass irgendwo olle Scharteken lagern, seht sie euch mal an! Ihr könntet zum Beispiel auf ein vollständiges Exemplar von Johann Wolfgang von Goethes sämtlichen Werken stoßen, Ausgabe letzter Hand, 60 Bände in etwa 30 Pappbänden der Zeit. In einem oder dem anderen Bändchen steht mein Name, dünn, mit Bleistift eingetragen, denn als ich sie erwarb war ich kaum Abiturient 1907. Es wäre schade, wenn eine unwissende Ordonnanz oder ein noch ahnungsloserer Leutnant die Bändchen zerstreut auf den Märkt brächte."

Die Schriftsteller hängen an ihren Bibliotheken, ihre Bücher spiegeln Geschmack und Antipathien, sind Denk- und Arbeitsumgebung und zudem interagieren die Schriftsteller mit ihren Büchern. Marcel Lepper sagt: "Das kann mit Bleistiftanmerkungen sein, ganz konventionell. Das kann aber auch mit richtigen Skizzen sein, die ins Buch eingebracht werden. Das kann mit eingeklebten Gegenständen passieren. Das kann auch mal in einem Akt der Zerstörung sich abbilden, wenn der Zorn zu groß ist und dann einfach sich auf das Buchobjekt richtet. "

Bleistiftnotizen von Heinrich Mann

All das wird sichtbar in der Akademie der Künste in der Ausstellung "Erlesene Bibliotheken". Während einer Führung zeigt die Kuratorin Susanne Thier auf eine Seite aus dem Essay "Zola" von Heinrich Mann, den er selbst in seiner Bibliothek aufbewahrte: "Und da hat er auf der Seite so kleine Bleistiftanmerkungen gemacht. Da steht zum Beispiel: Nouv Kamp 58. Und das bedeutet einfach Nouvelle Kampagne, Seite 58. Und da: Wenn man die Seite 58 aufschlägt, sieht man auch eine Bleistiftanstreichung und das ist genau die Passage, die hier in seinen Zola Aufsatz eingeflossen ist. So kann man ihm quasi über die Schulter schauen, wie er arbeitet. "

Die Bibliothek von Heinrich Mann ist heute nur noch teilweise erhalten. Seine Frau rettete die Bücher aus der Münchner Wohnung und brachte sie nach Prag. Seine Berliner Bibliothek hingegen ist noch heute verschollen. Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller kauften sich im Exil neue Bibliotheken zusammen, die sie bei ihrer Rückkehr nach Deutschland dann ein weiteres Mal zurücklassen mussten.

Sollten wir heute versuchen, die Sammlungen wieder zusammenzuführen? Für Marcel Lepper gibt es darauf keine eindeutige Antwort: "Man würde tatsächlich diese bruchreiche Geschichte im 20. Jahrhundert künstlich heilen wollen, vorschnell und auch ohne die Überlegung, dass an allen diesen Orten mit diesen Teilbibliotheken, mit diesen Teilüberlieferungen ja längst seitdem gute Dinge geschehen sind. Wenn Teile einer Überlieferung etwa in Prag oder in Los Angeles liegen und sich dort eine eigene Geschichte inzwischen längst entwickelt hat, dann wäre es fatal, diese Kontexte auch wieder aufzulösen und auseinander zu reißen. Man wird einfach rekonstruieren, wo diese einzelnen Teile liegen und dann kann man digital zeigen, wo es ist und wie man es findet."

Die Ausstellung "Erlesene Bibliotheken" im Literaturarchiv Berlin ist dort noch bis zum 19. Juni zu sehen. 

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