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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.10.2017

Ausstellung "Denken in Extremen"Die außergewöhnliche Freundschaft von Brecht und Benjamin

Erdmut Wizisla im Gespräch mit Andrea Gerk

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Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen im Jahr 1934 in Skovsbostrand (Dänemark) Schach © Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv (Fotograf unbekannt © Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv)
Bertolt Brecht und Walter Benjamin spielen in Skovsbostrand in Dänemark Schach (1934) (Fotograf unbekannt © Akademie der Künste, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv)

Schon während der Weimarer Republik kamen Bertolt Brecht und Walter Benjamin zusammen - und pflegten eine enge Freundschaft. Die Akademie der Künste in Berlin widmet dieser jetzt eine Ausstellung: Am Anfang ging es den beiden ums Eingreifen.

Andrea Gerk:"Denken in Extremen" ist der vielversprechende Titel einer neuen Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin, die sich der Freundschaft zwischen Bertolt Brecht und Walter Benjamin widmet. Der Dichter und der Kritiker kamen noch während der Weimarer Republik miteinander in Kontakt und pflegten während des Exils eine stetige Freundschaft. Bei mir ist jetzt Professor Erdmut Wizisla, Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs und des Walter-Benjamin-Archivs in der Akademie der Künste. Er ist auch Leiter des Kuratorenteams dieser Ausstellung. Guten Morgen, Herr Wizisla, schön, dass Sie da sind!

Erdmut Wizisla: Guten Morgen, Frau Gerk!

Gerk: Wie kamen denn diese beiden eigentlich ja doch sehr unterschiedlichen Männer überhaupt miteinander in Kontakt? Es ging ja wohl mehr von Walter Benjamin aus. Brecht wollte erst gar nicht so richtig, oder?

Sehen, die Literatur entsteht

Wizisla: Benjamin hat, glaube ich, in Brecht jemanden gesehen, bei dem er mal mit Literatur, wie sie entsteht, zu tun hat. Er hatte vorher Goethe und Baudelaire und Hölderlin und Kafka kommentiert, und jetzt gab es einen, der schreibt, der was schreibt, was wahrgenommen wird, was aktuell, was politisch ist, und deswegen hat er sich lange bemüht um den Kontakt.

Gerk: Und warum wollte Brecht nicht?

Wizisla: Ich glaube, der war dem zu versponnen, zu feinsinnig, zu abseitig mit seinen Themen.

Gerk: Jetzt kennt man ja diese schönen Bilder, wo die beiden in Dänemark im Garten sitzen und Schach spielen. Ich glaube, Sie haben dieses Schachbrett auch in der Ausstellung. Was hat sie denn übers Schachspielen hinaus in dieser Freundschaft, die dann entstanden ist, miteinander verbunden?

Freundschaft in turbulenter Zeit

Wizisla: Es ist eine ganze Reihe von Themen – es ist ja eine Arbeitsfreundschaft. Vor 1933 geht es sehr ums Eingreifen, ums Sich-Organisieren. Die kommen im Mai 1929 zusammen, da hat am 1. Mai die Polizei auf Arbeiter und auf Demonstrierende geschossen, da sind viele getötet worden dabei. Und die haben das Gefühl, was zu machen, und zwar mit ihren Mitteln. Sie suchen, wollen ihre Position bestimmen. Sie fragen nach der Rolle von Kunst, nach dem Eingreifen von Intellektuellen, und sie bleiben dabei. Aber sie werden nicht zu Politikern, sondern sie bleiben immer Künstler und Theaterleute und Schreibende und Denkende.

Gerk: Und wie fand diese Freundschaft überhaupt statt? Haben die sich getroffen, hat man sich geschrieben, telefoniert? Wie war der Kontakt?

Wizisla: Sicher. Vor 1933 wissen wir es nicht so ganz genau, da muss es viele Telefonate gegeben haben. Sie waren, das ist belegt, mal zusammen in Südfrankreich und haben da ein paar Tage in einer Arbeitsgruppe verbracht, wo Benjamin auch in die Arbeit mit einbezogen worden ist. Sehr genau wissen wir es aus der Exilzeit, weil das gut durch Briefe und Tagebücher Benjamins belegt ist. Da hat Benjamin dreimal lange einen Sommer in Skovsbostrand bei Swendborg in Dänemark verbracht, und da sind eben diese Schachaufnahmen entstanden und lange Gespräche, die Benjamin auch protokolliert hat.

Gerk: Walter Benjamin hat ja auch über Brechts Episches Theater geschrieben. Gab es denn auch überhaupt gemeinsame Projekte? Ich glaube, die hatten auch mal vor, einen Krimi zusammen zu schreiben.

Heidegger zertrümmern

Wizisla: Ja, das haben wir in der Ausstellung sehr schön deutlich gemacht durch einen Comic, der auf diesen Fragmenten beruht. Den hat Steffen Thiemann gezeichnet beziehungsweise in Holz geschnitten. Das ist eine ganz fantastische Geschichte. Sie haben eine Zeitschrift geplant, 1930/31 sollte im Rowohlt-Verlag eine Zeitschrift mit dem Titel "Krise und Kritik" entstehen. Und sie haben immer wieder Arbeitsgespräche – sie wollten eine Gemeinschaft bilden, in der man Heidegger zertrümmert. Es gibt immer wieder Projekte gemeinsamer Art, und ansonsten sehr viel Bezug auf die Arbeit des jeweils anderen. Sie lesen das, was sie machen – Benjamin las mehr von Brecht als andersrum –, und schreiben darüber, sprechen darüber.

Gerk: Das kann man direkt in den Werken sehen. Sie als Archivleiter beider Archive müssen das ja genau sehen, wo da diese Einflüsse sich niederschlagen.

Wizisla: Das kann man sehen, indem man bestimmte Dokumente hat, wo beide Positionen zusammen sind. Es gibt ein Schema über Arten des Wohnens zum Beispiel. Das schreibt Brecht auf, und Benjamin notiert diesen Entstehungsprozess. Und wenn man das jetzt nebeneinanderlegt, das kann man in der Ausstellung sehr gut sehen, dann kriegt man auch die Differenzen mit, und man kann in Brechts Schema, wo der Name Benjamin nicht steht, genau die Position Benjamins zum Beispiel erkennen.

Gerk: Hat sich das denn dann auch so herausgebildet, dass eben einem das Urteil des anderen wichtig war? Sieht man auch das?

Wo es knirscht in der Beziehung

Wizisla: Beiden, wobei auch hier ein gewisses Ungleichgewicht ist. Wir wollen ja in dem Ganzen – deswegen "Denken in Extremen" – wir wollen ja auch das Widersprechende, das, wo es knirscht in der Beziehung, zeigen. Es ist sicher so, dass Benjamin zumindest über lange Zeit mehr von Brecht verstanden hat, auch mehr wissen wollte, als andersherum.

Aber das Verrückte ist bei Brecht, dass, wenn er was von Benjamin liest, dann erfasst er es unglaublich schnell und sehr präzise. Auch im Widerspruch, im Widerspruch kommt manchmal dann auch eine ganz große Zuwendung oder ein Interesse an der Position, auch an der anderen, an der Position, die er eigentlich ablehnt. Das fanden wir so interessant, also konzeptionell interessant, dass diese zwei auseinanderstreben eigentlich, und dann doch so Punkte haben, wo sie zusammenkommen, manchmal ganz heftig sogar.

Gedicht über Stalin

Gerk: Wie kuratiert man denn so eine Schriftstellerfreundschaft? Was ist quasi für Sie dann der Kern gewesen, den Sie gern den Ausstellungsbesuchern zeigen oder übermitteln wollen? Das ist ja gar nicht so einfach, nehme ich an.

Wizisla: Denken ausstellen, eine Freundschaft ausstellen, wie macht man das? Das haben wir uns auch gefragt. Wir haben eigentlich zwei oder drei Ideen.

Das eine ist, dass wir die beiden ins Gespräch bringen. Wir haben, das kann man in der ganzen Ausstellung sehen, der Archivteil ist eine Art imaginäre Bibliothek, auf deren Wände Gesprächsfetzen geschrieben sind, sehr groß, sehr gut zu lesen, sehr pointiert. Das sind überlieferte, also dokumentierte Gespräche, und sind aber auch ein bisschen von uns gebaute und zusammengesetzte.

Und dann haben wir, wir nennen das "Bruchstücke", 16 Kapitel. Das sind so viele, wie es Schachfiguren gibt, sechzehn Kapitel, und wir haben überlegt, was sind denn die wichtigsten Gegenstände und Themen? Wo kann in einem einzelnen Gegenstand oder in einem Blatt, einem Gedicht etwas gezeigt werden über diese Ausstellung? Da ist dann eben das Schachbrett, oder es ist ein Gedicht über Stalin, das Brecht  Benjamin vorgelesen hat, und der sagt, ich weiß gar nicht, haben Sie an Stalin gedacht? Das kann doch gar nicht sein. Sagt Brecht, genau das war meine Absicht, und ich bin froh, dass Sie sozusagen als Testperson mich bestätigen darin.

Und dann gibt es die künstlerischen Kommentare. Wir haben wunderbare Künstlerinnen und Künstler gefunden, die einzelne Gesichtspunkte – manchmal direkt zu unseren Bruchstücken, manchmal sehr frei – entwickelt haben und Arbeiten für die Ausstellung bereitgestellt haben. Und so ist auch da ein Dialog zwischen Archiv und Kunst entstanden.

Dialog zwischen Archiv und Kunst

Wizisla: Was sind das für Kunstwerke? Können Sie da mal eins beschreiben?

Wizisla: Edmund de Waal, der Autor des herrlichen Romans "Der Hase mit den Bernsteinaugen", in dem übrigens eine Spur, eine eher verborgene Spur von Benjamin drin ist, weil eine Frau vorkommt, die mit de Waal verwandt ist, der Benjamin mal einen Heiratsantrag gemacht hatte. Das wusste de Waal allerdings erst nicht, das hat er erst hinterher erfahren.

De Waal hat uns eine Vitrine gebaut, eine schwarze Vitrine, die nennt er die "Verlustliste". Und so hat Brecht ein Gedicht, ein Nachrufgedicht auf Benjamin übertitelt. De Waal sagt so wie Brecht – registrierend, also auch die Trauer, mit dieser Form, das in eine Liste zu bringen, die Freunde, die gestorben sind auf der Flucht vor Hitler; wie er das in eine Liste bringt, kalt anmutend, aber eigentlich, damit nur die Emotionen, die Trauer beherrschen wollend. Und das bringt de Waal in eine schwarze Vitrine mit Keramikfiguren und Splittern aus seinem Studio, was früher eine Munitionsfabrik war.

Gerk: Das ist ja oft bei solchen Ausstellungen, die viel mit Dokumenten arbeiten, ganz wichtig, dass man eben noch so eine haptische, so eine gegenständliche Ebene hat. Es kommt mir oft vor, als wäre das dann quasi so die Gefühlsebene, weil diese Gegenstände, auch ein Schachbrett, wo man weiß, da saßen die beiden wirklich davor. Das berührt einen ja noch mal in einer anderen Weise.

Brandflecken von Zigarre und Zigarette

Wizisla: Ja, wenn dann Brandflecken drin sind und man sich vorstellt, dass da Brechts Zigarre oder Benjamins Zigarette – die haben ja beide geraucht – drüber gehangen haben – das Tolle ist, glaube ich, dass die Bereitschaft, solche Papiere auch wiederzusehen – wir haben auch ganz einfache Briefe –, dass die wächst. Durch diese Überflutung mit dem Elektronischen und Digitalen – wir haben das in der Akademie der Künste in den letzten Jahren mehrmals gemerkt, dass gerade dann, wenn wir was Originales hinlegen, die Leute stehen bleiben, auch mit Ruhe – es geht überhaupt nicht um Übertreibung von Auratischem. Es ist nicht das Grüne Gewölbe, aber es ist schon eine Gelegenheit und eine Besonderheit, so ein Schriftstück oder eben auch diese Gegenstände direkt zu sehen.

Gerk: Haben Sie selbst denn, obwohl Sie ja nun wirklich ein Kenner dieser Materie sind, auch bei der Vorbereitung auf diese Ausstellung noch mal was Neues, einen neuen Aspekt entdeckt, den Sie so sich noch gar nicht klar gemacht hatten?

"Was ist episches Theater" abgelehnt

Wizisla: Ja. Wir haben tatsächlich auch für die Leute, die sich schon länger damit befassen, was Überraschendes. Von dem Theaterkritiker Bernhard Diebold sind die Fahnen von Benjamins Aufsatz "Was ist das epische Theater" aufgetaucht. Der Diebold hat in der "Frankfurter Zeitung" dafür gesorgt, dass der Aufsatz nicht gedruckt wurde, der schon gesetzt war. Und es ist in seinem Nachlass ein annotiertes Exemplar, vier lange Korrekturfahnen mit unverschämten Kommentaren. "Soll das neu sein? Das wissen wir doch schon seit Shakespeare" und "Ach du lieber Gott!" – das war für uns neu. Und neu und sehr schön und gleichzeitig auch berührend war ein kleiner Zettel, der offenbar die erste spontane Reaktion Brechts auf Benjamins Tod festhält, ehe er dann in den Gedichten mehr, das passt ja zu Brecht, das Geschichtliche oder den geschichtlichen Verlust festhält, wird er ganz persönlich und denkt darüber nach, warum Benjamin keinen anderen Ausweg gesehen hat, als sich das Leben zu nehmen.

Gerk: Also eine bewegende Freundschaft und bewegende Dokumente kann man in dieser Ausstellung sehen. Erdmut Wizisla, vielen Dank, dass Sie hier bei uns waren!

Wizisla: Ich danke Ihnen!

Die Ausstellung "Benjamin und Brecht. Denken in Extremen" läuft vom 26. Oktober 2017 bis 28. Januar 2018. Sie ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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