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Fazit | Beitrag vom 20.05.2019

Ausstellung "Body Check" in MünchenDie Tragik und Komik von Körperbildern

Von Tobias Krone

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Kurator Veit Loers vor dem Gemälde Bitteschön Dankeschön von Martin Kippenberger in der Ausstellung Bodycheck. (Deutschlandradio/Tobias Krone)
Kurator Veit Loers vor dem Gemälde Bitteschön Dankeschön von Martin Kippenberger in der Ausstellung Bodycheck (Deutschlandradio/Tobias Krone)

Die Österreicherin Maria Lassnig und der Deutsche Martin Kippenberger sind sich wohl nie begegnet. Doch kommen sie sich in ihrer Kunst sehr nah. Das zeigt eine Ausstellung im Münchner Lenbachhaus - und auch, wie ihr Humor korrespondiert.

Der Akt schreit einem entgegen – gleich am Anfang der Ausstellung. "Sprechzwang" hat Maria Lassnig ihr Ölgemälde genannt.

"Wir sehen eine nackte Frau, wenn sie nicht Brüste hätte, könnte man meinen, es wäre ein Mann. Weil der Kopf perspektivisch verzerrt ist. Sie fasst sich mit einem Finger an die Zähne unten im geöffneten Mund. Das hat etwas Zwanghaftes an sich, ist aber auch ein Schrei in die Welt hinaus. Eigentlich hat es was mit Munch zu tun. Es ist eben ein grotesker Munch."

Veit Loers hat die Ausstellung "Body Check – Martin Kippenberger – Maria Lassnig" kuratiert, die nach ihrem Aufenthalt in Bozen nun im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zu sehen ist. Zwei Avantgardisten treffen da aufeinander. Beide begannen, gegenständliche Ölbilder zu malen, als der Mainstream sich noch der abstrakten Kunst verschrieben hatte. Bei Lassnig waren es die frühen 50er-, bei Kippenberger die 80er- und 90er-Jahre. 29 Jahre war Lassnig älter als Kippenberger – und dennoch diese Ähnlichkeit.

"Auf Schritt und Tritt muss man sagen: 'Moment mal', muss man hingehen und gucken: Ist das jetzt von Kippenberger, ist das jetzt von Lassnig?"

Bei beiden herrscht der fette Pinselstrich vor. Persönlich sind sie sich wohl nie begegnet. Was aber nichts heißen muss.

"Ich vermute, dass Kippenberger am Anfang schon auch in den Katalogen geblättert hat. Vielleicht hat er sogar auch Originale gesehen. Aber darüber hat er nichts berichtet. Und Lassnig am Ende hat sicher von dem Werk gewusst, am Ende, als Kippenberger schon tot war."

Kippenberger starb vor Lassnig, 1997, an Leberkrebs. In seiner Spätphase kommt das Alter Ego Fred the Frog in sein Werk. Ein grüner Comic-Frosch aus einem englischen Kinderbuch, der, als Kippenberger ihn ans Kruzifix nagelte, für Empörung unter katholischen Eiferern sorgte. Hier auf dem Gemälde "Bitteschön dankeschön" ist der Frosch nur angedeutet. Hier hängt noch Jesus Christus am Kreuz.

"Und er hängt sich dann dazu, hängt sich mit ein. Und man sieht dann auch noch einen Froschkopf. Wahrscheinlich ist ihm die Frosch-Idee gleichzeitig gekommen. Der Frosch ist ein armer Teufel, wenn er am Kreuz hängt, gleichzeitig war er bei den alten Ägyptern ein Zeichen der Unsterblichkeit. Vielleicht hat er sowas auch gewusst."

Keine Selbstbildnisse

Mal davon abgesehen, dass Martin Kippenberger sich die Froschkreuzigung bei Herbert Achternbusch abgeguckt hat: Die Nonchalance, sich wenn später auch in Froschgestalt als ein Kunst-Christus darzustellen, hatten bis heute vor allem Gangster-Rapper. Man darf fragen, was sich das Werk des umtriebigen Dandys und das der lange im Stillen arbeitenden Feministin Maria Lassnig denn zu sagen haben. Viel, findet Kurator Veit Loers. Beide thematisierten in ihren Werken vor allem sich selbst – und malten trotzdem keine Selbstbildnisse.

"Es ist eher eine Methode, mit dem eigenen Körper Malerei und die Welt zu erforschen."

Und hier spielte auch die Popkultur mit hinein. So sind Kippenbergers Prothesenbilder wohl von den Terminator-Filmen mit Arnold Schwarzenegger beeinflusst. Comics und Trickfilme inspirierten Maria Lassnig wohl zu ihren bis ins Groteske verzerrten Fratzen. Mit ihnen malte sie ihre Körperwahrnehmungen – das, was mit Worten nicht sagbar war. Die Ausstellung zeigt auch "Iris", einen Film aus Lassnigs Jahren in New York. Hier lässt sie ein Nacktmodell in einem Zerrspiegel posieren, der die Körperteile verformt – und zergliedert darstellt. Loers entdeckt bei ihr und bei Kippenberger den Psychoanalytiker Jacques Lacan:

"Er sagt, dass die Kleinkinder im Spiegel noch ihren Köper gar nicht erkennen können, dass sie nur einzelne Teile sehen. Dass sich das dann im Gehirn speichern würde. Und man deswegen auch auf diese Beliebtheit von Körperteilen in der Bildenden Kunst zurückkommt. Das ist für mich noch ein Rätsel."

Installation mit Birkenstämmen

Dem Rätsel des tiefen Melancholikers Martin Kippenberger, der sich permanent hinter Sponti-Humorfloskeln verschanzte, kommt die Ausstellung nur teilweise näher – denn auch im Spätwerk überwiegt die entwaffnende Selbstironie. Und so ist denn in München auch die neo-dadaistische Installation mit Birkenstämmen und riesigen Tablettenskulpturen aus Holz zu sehen.

"Der Birkenwald, der aus einem 70er-Jahre-Slogan entsteht: 'Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald'. Kippenberger hat ja viele Pillen eingenommen, vor allem Alka-Seltzer gegen Kopfschmerzen, um wieder hochzukommen, wenn er abends ein bisschen zu viel getrunken hatte. Und er hat auch seinem Assistenten in Innsbruck eine Handvoll Pillen gezeigt, die er jeden Tag aß - sozusagen: Das bin ich. Das ist auch ein Selbstbildnis, in Pillen."

Kippenbergers schneller, Lassnigs hintersinniger Witz – in München unterhalten sie sich gut miteinander.

Die Ausstellung "BODY CHECK. Martin Kippenberger – Maria Lassnig" im Lenbachhaus in München ist bis 15. September 2019 zu sehen.

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