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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.04.2016

Ausstellung "Bei Mutti" in der Berlinischen GalerieSelfie mit Gurke

Von Simone Reber

Auf weißen Sockeln stehen am 09.03.2016 in Frankfurt am Main (Hessen) die Gurken des Kunstwerks "Selbstporträt als Essiggurkerl" von Erwin Wurm. Die Schirn Kunsthalle zeigt in der Themenausstellung "ICH" Künstler auf ihrer Suche nach einer zeitgemäßen Form des Selbstportraits.  (picture alliance / dpa / Alexander Heinl)
Auf weißen Sockeln stehen die Gurken des Kunstwerks "Selbstporträt als Essiggurkerl" von Erwin Wurm als Teil der Themenausstellung "ICH". (picture alliance / dpa / Alexander Heinl)

"Bei Mutti" heißt die Ausstellung von Erwin Wurm in der Berlinischen Galerie. Doch so harmlos, wie der Titel klingt, ist sie nicht. Der österreichische Künstler hat zum Beispiel sein Elternhaus nachgebaut. Es ist komisch wie beklemmend.

Sie ist das perfekte Objekt für Erinnerungsfotos - die überlebensgroße, leicht gekrümmte Essiggurke aus Bronze, die vor der Berlinischen Galerie steht. Vor allem junge Frauen lassen sich gern neben dem Gurkerl ablichten. Mit seiner Ausstellung "Bei Mutti" bietet Erwin Wurm den Besuchern vielerlei Möglichkeiten, in Berührung mit seiner Kunst zu kommen. Für das Publikum ist das fast immer lustig, aber Vorsicht: Man kann sich dabei auch lächerlich machen. Denn Erwin Wurm sieht sich selbst in der österreichischen Tradition des maliziösen Charmes.

"Der ist ja eine Waffe und es ist mit diesem Charme möglich, jemandem die ärgste Gemeinheit zu sagen, ohne dass der andere es merkt. Es geht sehr viel um versteckte Gefühle, die werden nicht offen ausgesprochen, sondern sie werden versteckt, verpackt in das, was man Humor oder Witz oder Wiener Schmäh nennt, also das scheint etwas Österreichisches zu sein."

Der Künstler Erwin Wurm im Lehmbruck-Museum in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) neben seiner Skulptur "Kuss" (picture alliance / dpa / Jonas Güttler)Erwin Wurm im Lehmbruck-Museum in Duisburg (Nordrhein-Westfalen) neben seiner Skulptur "Kuss" (picture alliance / dpa / Jonas Güttler)

Die Last des verpassten Lebens

Die besten Arbeiten in dieser Ausstellung handeln von dem Konflikt zwischen Freiheit und Scheitern. Das Narrow House etwa, das enge Haus, speichert ebenso komisch wie beklemmend die geistige Enge im Nachkriegsösterreich. Allerdings hätte es ebenso gut in der Bundesrepublik stehen können. Erwin Wurm hat das Haus seiner Eltern aus der Erinnerung nachgebaut. Dabei hat er die Grundfläche um das Zehnfache reduziert:

"Das Haus war nicht zum Lachen, es ist auch so, dass Dinge missverstanden werden. Ich bin davon ausgegangen, dass, wenn man etwas modelliert, in Ton, dann fügt man Volumen hinzu oder man nimmt Volumen hinweg. Wenn Sie oder ich zunehmen oder abnehmen, dann fügen wir auch Volumen hinzu oder nehmen Volumen hinweg. Und man könnte jetzt den komischen Schluss ziehen, Zu- und Abnehmen ist Bildhauerei."

Wie in einen Schraubstock gequetscht steht das Einfamilienhaus, schmal, mit spitzem Giebeldach in der der großen Halle der Berlinischen Galerie. Im Innern Couchgarnitur und Esszimmermöbel auf Ellenlänge zusammengedrückt. Den Flur kann man nur seitwärts passieren. Wer sich durch diese kleinbürgerliche Ordnung zwängt, spürt den Druck der Konventionen und die Last verpassten Lebens. Das enge Haus folgt Erwin Wurms Grundprinzip, Formen aufzublasen oder einzudampfen. Das können Autos sein oder Luxuskörper.

"Ich wollte in den 80ern eine Arbeit machen mit Arnold Schwarzenegger, weil ich gedacht habe, das ist eine der tollsten Strukturen des 20. Jahrhunderts. Und auch Michael Jackson, der hat sich transformiert. Einer hat sich transformiert in eine fast statuarische Muskelmasse, die lebt, und der andere hat sein Geschlecht verändert, ist von einem afrikanischen, dunkelhäutigen Menschen zu einer fast weißen, androgynen Figur geworden, also auch das habe ich versucht, als skulpturalen Akt zu verstehen."

Ein Statist ist am 06.05.2014 am Eingang des Städel-Museums in Frankfurt am Main (Hessen) bei der Vorführung von Erwin Wurms "einmal Hund sein" mit einem Hundehalsband angeleint. (dpa / Arne Dedert)"einmal Hund sein" - aus der Serie "One Minute Sculptures" von Erwin Wurm am Städel-Museum in Frankfurt am Main (dpa / Arne Dedert)

Ein-Minuten-Skulpturen

Wie im Slapstick führen die One-Minute-Sculptures, mit denen der Künstler nach Jahren der Krise zurück zur Kreativität fand, das Unglück gezielt herbei, indem sie den menschlichen Körper mit der Tücke des Objekts konfrontieren. Die Besucher sind aufgefordert, sich wie Fakire auf Tennisbälle zu legen und eine Minute still zu halten, ohne dass sie dabei den Boden berühren. Sie sollen sich zu zweit in einen Pullover zwängen oder eine WC-Ente auf ihrem Kopf balancieren und dabei an die Verdauung denken.

"Dann tritt etwas ein, man wird vom Subjekt zum Objekt. Man stellt sich selbst aus, man merkt das auch sofort, es entsteht eine vollkommen andere Wertigkeit. Man wird betrachtet. Man betrachtet nicht mehr. Das verändert ziemlich viel."

Am schönsten sind die feinen Zeichnungen, die eine Fülle von Ein-Minuten-Skulpturen durchspielen. Da lehnt ein Mann mit Flaschen an der Wand, steckt den Kopf in die Reisetasche oder zaubert einen Kasper aus dem Hosenschlitz. Hier ist der Übergang zwischen Spiel und Qual, Höhenflug und Absturz fließend. "Bei Mutti", der Titel der Ausstellung, bezieht sich auf Desaster im häuslichen Bereich. In seiner jüngsten Werkgruppe kollidiert Erwin Wurm mit Möbeln.

"Die werden zuerst modelliert aus Ton, schaut auch aus wie Ton ist aber keiner mehr. Und dann besitze und begehe und bestehe ich die Möbel, deformiere sie. Da ist mir wichtig, eine Verschiebung von Sensationen. Jeder kennt das Gefühl, auf dem Bett zu stehen, man sinkt ein, aber hinterlässt keine Spur. Und auf dem hinterlässt man Spuren."

Die Rückenlehne eines Sessels ist abgeknickt, im Sideboard hat das Gesäß des Künstlers eine Beule hinterlassen, der Zeigefinger hat tiefe Löcher in die Tastatur des Handys gerissen. Aber die Objekte tragen nur die Spuren der Zerstörung, die Begegnung belebt sie nicht. Es fehlt die Ungewissheit des Balanceakts. Der Künstler gewinnt den Machtkampf haushoch. Komischerweise ist siegen weniger lustig als scheitern.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 09.03.2016)

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