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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.10.2018

Ausstellung "68. Pop und Protest" in HamburgEine Epoche mit vielen Fragen

Von Anette Schneider

Blick in die Ausstellung "68. Pop und Protest" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg / Michaela Hille)
Blick in die Ausstellung "68. Pop und Protest" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg / Michaela Hille)

50 Jahre nach dem Beginn der Protestbewegungen der 60er-Jahre ist "1968" museumswürdig geworden. Wie sie die Kunst beeinflusste, will die Ausstellung "68. Pop und Protest" zeigen. Was sich harmlos anhört, entpuppt sich als außerordentlich explosiv.

Für ihre letzte Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg greift Direktorin Sabine Schulze noch einmal in die Vollen. Nach erfolgreichen kulturwissenschaftlichen Projekten über Modewahnsinn, Fast Food, Plastik oder Zukunftsutopien, untersucht sie nun mit ihren Kuratorinnen und Kuratoren den Einfluss der weltweiten Massenproteste der 60er Jahre auf Mode, Design, Theater, Film und Werbung.

Erst einmal läuft der Besucher der Ausstellung "68. Pop und Protest" allerdings gegen eine Mauer. Sabine Schulze:

"Die 'Druckwelle' haben wir das so in der Arbeitsphase genannt. Da muss man durch, sozusagen!"

Chronologie des Protests

Vier hohe Stellwände versperren den Zugang zur Ausstellung. Darauf wechselnde Bilder über die Ursachen der Proteste: US-Bomber schmeißen Napalm-Bomben auf Vietnam. Kinder verhungern im Biafra-Krieg. Die Ermordung Che Guevaras. Rassenunruhen in den USA. Die Ermordung Martin Luther Kings. 

"All diese Dinge, die ja – auch bei allem Freundlichen und Leichtfüßigen, was die Epoche hatte – doch immer dieser Background gewesen sind. Dieses viele Blut, das geflossen ist. Und gerade die freundlichen Sachen, die wir natürlich auch zeigen, da muss man sich heute fragen: 'Ja, so freundlich darf man das gar nicht sehen. Man muss sehr, sehr aufpassen, dass wir nicht wieder in die Box zurückgetrieben werden.'"

Genau das macht diese methodisch wie inhaltlich gelungene Ausstellung immer wieder bewusst:

Wenn man etwa hinter der "Druckwelle" aus Bildern endlich in dem riesigen, völlig finsteren Hauptsaal steht, schälen sich aus der Schwärze der Antiaufklärung langsam die unterschiedlichen Protestformen gegen die herrschenden Missverhältnisse und deren Verursacher: Auf dem Boden liegt ein 1967 in Hamburg gestürztes Denkmal des Kolonialherren Hermann von Wissmann. An einer Wand hängen Protestplakate aus Paris gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auf Podesten präsentieren kleine Bildschirme Filme und Reportagen über die Black-Panther-Bewegung, die Anti-Schah-Demonstrationen, Polizeigewalt.

Kunst dokumentiert die Ungerechtigkeit

Vor allem aber beeindrucken die vielen Ausschnitte aus alternativen Film- und Theaterproduktionen.

"Also haben wir jetzt auch wirklich geguckt, wer hat in dieser Zeit angefangen mit solchen Kameraführungen, aber vor allem alternativen Themen."

Godard über den Vietnamkrieg. Rosa von Praunheim über die Ausgrenzung Homosexueller. Michelangelo Antonionis "Zabriscie Point", in der eine Villa als Inbegriff von Besitzdenken und Konsum in die Luft fliegt. Dazu Peter Weiß. Hans Werner Henze. Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung". Der Saal versammelt Lehrstücke der Emanzipation, des Widerstands, der neuen Themen, Ideen, Formen und Produktionsweisen, des Kampfes gegen Unterdrückung, für Chancengleichheit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung.

"Was bleibt, ist, dass es einfach eine Epoche gewesen ist, in der sehr, sehr viel in Frage gestellt wurde. Ich denke mir oft: 'Ich wäre nicht hier, wenn es damals 68 nicht gegeben hätte und diese ganzen Strukturen neu definiert worden sind, auch Frauen ganz andere Chancen gekriegt hätten.'"

Die Revolution wird vermarktet

Ein paar Schritte weiter folgt die Ernüchterung: Gleich zwei Säle zeigen anhand von Mode, Werbung und Möbeldesign, wie rasant die Industrie die Gegenkultur vereinnahmte und zu Geld machte.

"Die ganze 68er-Revolution war dann schon auch eine Marketing-Idee und eine Verkaufsstrategie."

Die Afri-Cola-Lust. Die Erde ist ein Paradies mit Afri-Cola. Lustvolle Gefilde Afri-Cola-hungriger Gefühle. Die Frau wird Frau und frei. Girlpower. Frauenliebe und Männerfreiheit. Heirat oder nicht Heirat – das ist nicht mehr die Frage. Afri-Cola!

Es ist gruselig zu sehen und zu hören, wie die politischen Parolen in der Werbung zu heißer Luft verkommen. Wie die Modeindustrie den eben noch gesellschaftlich geächteten Hippies ihre Erkennungszeichen raubt, und Leder-Fransen-Jacken und Ethno-Kleider zum Mainstream erklärt. Oder was den Designern an "alternativen Möbeln" einfällt, die zwischen den Kleiderpuppen stehen: poppig-bunte Sitzsäcke, aufblasbare Plastiksessel, runde Sitzkugeln aus Plastik.

Im letzten Saal - mit Riesenliege zum Fläzen - haben Jimmi Hendrix und andere ihren Auftritt beim Monterey-Festival. Auch die Musik wird kommerzialisiert: Singles erscheinen im Wochentakt, Verkaufszahlen sind alles.

Ankommen in der Gegenwart

Bis heute sollen Werbung, Kommerz und Konsumterror das Alte am Leben erhalten und von gesellschaftlichen Missständen ablenken. Und weil die in wenigen Wochen in Rente gehende Sabine Schulze das Heute stets mitdenkt, beginnt und endet ihr letztes, eindrucksvolles Projekt eben auch mit einem Videofilm über aktuelle Protestbewegungen.

"So dass wir nicht nur zurückblicken, sondern sagen: Bis heute wird protestiert. Überall auf der Welt gibt es auch genügend, wogegen auch zu protestieren ist.

Die Ausstellung "68. Pop und Protest" ist ab dem 18.10.2018 bis zum 17.03.2019 im Hamburger Museum Kunst und Gewerbe zu sehen.

(mle)

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